Kirill Petrenko, Yuja Wang, Berliner Philharmoniker
Foto: Monika Rittershaus

In Ber­lin wird Kirill Petren­ko scherz­haft „das Phan­tom“ genannt. Die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker wähl­ten ihn zwar schon vor drei Jah­ren zu ihrem neu­en Chef. Der rus­si­sche Diri­gent, zur­zeit noch Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor der Baye­ri­schen Staats­oper in Mün­chen, tritt sein Amt jedoch erst zu Beginn der Sai­son 2019/20 an. Bis dahin blei­ben sei­ne Auf­trit­te an der Spree rar. Ent­spre­chend hoch waren die Erwar­tun­gen, als Petren­ko jetzt zum zwei­ten Mal nach sei­ner Wahl ans Pult der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker trat.

Die viel dis­ku­tier­te Fra­ge, wie er mit dem Welt­klas­se­or­ches­ter das klas­sisch-roman­ti­sche deut­sche Kern­re­per­toire ange­hen wird, steht wei­ter­hin im Raum. Statt sin­fo­ni­scher Schlacht­rös­ser hat­te Petren­ko Rari­tä­ten sowie ein popu­lä­res Werk der rus­si­schen Moder­ne im Gepäck. Mit gera­de­zu schwin­del­erre­gen­der Vir­tuo­si­tät inter­pre­tier­te die chi­ne­si­sche Pia­nis­tin Yuja Wang das Kla­vier­kon­zert Nr. 3 von Ser­gei Pro­kof­jew.

Nach dem lyri­schen Kla­ri­net­ten­so­lo von Andre­as Otten­sa­mer stei­ger­ten sich die zunächst zart ein­set­zen­den Strei­cher zu einem unru­hi­gen Stac­ca­to-Lauf, den Wang mit gera­de­zu flie­gen­den Fin­gern an ihrem Instru­ment fort­setz­te. Die vita­le Rhyth­mik des Stücks gab der Solis­tin aus­rei­chend Gele­gen­heit, ihre sou­ve­rä­ne Tech­nik zur Schau zu stel­len. Dafür fehl­te es ihrem Spiel in den lang­sa­men, inti­men Pas­sa­gen ein wenig an Innig­keit.

Hoch waren die Erwar­tun­gen, als Petren­ko jetzt zum zwei­ten Mal nach sei­ner Wahl ans Pult der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker trat

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Die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker zeig­ten sich ein­mal mehr als her­aus­ra­gen­de Kam­mer­mu­si­ker, etwa als Solo­flö­tist Emma­nu­el Pahud und sei­ne Blä­ser­kol­le­gen die „Gavot­te“ zu Anfang des zwei­ten Sat­zes anstimm­ten und mit den Strei­chern dia­lo­gi­sier­ten. Mit Bra­vour gelang es Petren­ko, die gro­tes­ken und iro­ni­schen Facet­ten die­ses Kon­zerts plas­tisch her­aus­zu­ar­bei­ten. Bei die­sem Reper­toire war er spür­bar in sei­nem Ele­ment. Ver­ges­sen war die schwit­zi­ge Anspan­nung, unter der er im ver­gan­ge­nen Jahr in Ber­lin Mozarts Haff­ner-Sin­fo­nie diri­giert hat­te. Das Publi­kum dank­te es mit lau­tem Bei­fall, der sich vor allem an die in eine rot­glit­zern­de Hol­ly­wood-Robe geklei­de­te Pia­nis­tin rich­te­te.

Zu Anfang gab es Paul Dukas‘ schil­lern­de Bal­lett­mu­sik La Péri, die von den Phil­har­mo­ni­kern zuletzt 1961 unter Lei­tung von Ernest Anser­met auf­ge­führt wor­den war. Auch die Vier­te Sin­fo­nie des Öster­rei­chers Franz Schmidt, der zu Zei­ten von Gus­tav Mah­ler als Cel­list im Wie­ner Hof­opern­or­ches­ter spiel­te, war in Ber­lin bis­her sel­ten zu hören. Als Requi­em für Schmidts jung ver­stor­be­ne Toch­ter kom­po­niert, ist dem spät­ro­man­ti­schen Vor­bil­dern inspi­rier­ten Werk ein eigen­stän­di­ger Cha­rak­ter nicht abzu­spre­chen. Ein­dring­lich ent­fal­tet sich das melan­cho­li­sche Spiel der Solo­trom­pe­te (Gábor Tar­kö­vi), mit der das Werk beginnt und endet. Im Ada­gio lei­tet Lud­wig Quandts Cel­lo­so­lo zu einem berüh­ren­den Trau­er­marsch des Orches­ters über. Aller­dings hat die Sin­fo­nie stel­len­wei­se auch deut­li­che Län­gen. Anfang der 1930er Jah­re geschrie­ben und 1934 urauf­ge­führt, ist die­ses musi­ka­lisch anspruchs­vol­le Werk von der dama­li­gen Avant­gar­de unbe­ein­flusst und wirkt daher selt­sam rück­wärts­ge­wandt. Auch wenn sich Petren­ko in her­vor­ra­gen­der Form zeig­te, fiel der Applaus in dem bis auf den letz­ten Platz besetz­ten Saal am Ende doch eher ver­hal­ten aus.

Bei sei­nen nächs­ten Auf­trit­ten mit den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern setzt Petren­ko hin­ge­gen auf Alt­be­währ­tes. Mit Beet­ho­vens Sieb­ter Sin­fo­nie sowie Don Juan und Tod und Ver­klä­rung von Richard Strauss sind das Orches­ter und sein zukünf­ti­ger Chef­di­ri­gent Ende August auch beim Lucer­ne Fes­ti­val zu erle­ben, wo die Phil­har­mo­ni­ker zudem ihr 60. Luzer­ner Büh­nen­ju­bi­lä­um fei­ern.

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

3 Kommentare

  1. Frau Kol­be: ich weiß zwar nicht, was Sie für ein Kon­zert in Ber­lin besucht haben, aber dafür weiß ich, dass Rach­ma­nin­offs 3. Kla­vier­kon­zert sicher nicht gespielt wur­de. Ich bin aber sehr sicher, dass statt­des­sen Pro­ko­fieffs 3. Kla­vier­kon­zert in C-Dur gespielt wur­de.
    Wenn Sie die­se bei­den Wer­ke und die­se bei­den Kom­po­nis­ten nicht aus­ein­an­der­hal­ten kön­nen, soll­ten Sie drin­gend das Schrei­ben von Rezen­sio­nen las­sen, weil man ohne die­ses Gehör für die­se Auf­ga­be nicht geeig­net ist. Oder vor dem Kon­zert ein Pro­gramm­heft erwer­ben und ent­spre­chend rich­tig abschrei­ben.
    Das hilft sol­che Pein­lich­kei­ten zu ver­mei­den. Kein Ruh­mes­blatt…

    • Sehr geehr­ter Herr Simon,
      wie Ihnen bereits per­sön­lich mit­ge­teilt, bedan­ken wir uns für den Hin­weis, haben den Feh­ler bereits berich­tigt und uns per­sön­lich bei Ihnen dafür ent­schul­digt.
      Mit bes­ten Grü­ßen,
      Ihre CRE­SCEN­DO-Redak­ti­on

  2. Herr Simon: Den ein­fachs­ten, wahr­schein­lichs­ten Fall des Ver­schrei­bens (bei­de rus­si­schen Kom­po­nis­ten hei­ßen mit Vor­na­men Ser­gej …) schei­nen Sie von vorn­her­ein aus­zu­schlie­ßen. Obwohl Sie nach eige­ner Dar­stel­lung selbst nur „sehr sicher“ sind, was gespielt wur­de.
    Statt­des­sen spre­chen Sie der Autorin – noch­mal: wegen EINES ver­wech­sel­ten Namens! – gleich gene­rell das Schrei­ben von Rezen­sio­nen ab.
    Zwar gäbe es die Mög­lich­keit, der Redak­ti­on einen kur­zen Hin­weis per E-Mail oder Tele­fon zu sen­den.
    Statt­des­sen: „Ran an den Pran­ger!“ Denn sonst hät­te die Welt nie erfah­ren, dass Klaus Simon etwas auf­ge­fal­len ist. DAS ist kein Ruh­mes­blatt. Das ist erbärm­lich.

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