Franziska Kronfoth und Julia Lwowski vom Kollektiv Hauen und Stechen bringen an der Staatsoper Stuttgart Paul Dessaus Die Verurteilung des Lukullus auf die Bühne. Die Premiere ist am 1. November 2021.

Das von den beiden Regisseurinnen Franziska Kronfoth und Julia Lwowski ins Leben gerufene Kollektiv Hauen und Stechen setzt die Oper Die Verurteilung des Lukullus in Szene. Paul Dessau hatten die Erfahrungen des Exils zu einem politischen Künstler geformt. So kehrte er nach dem Krieg bewusst in die Sowjetische Besatzungszone zurück, um am Aufbau eines sozialistischen, demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Bertolt Brecht dagegen hatte sich erst für Ost-Berlin entschieden, nachdem er sich in Österreich und Westdeutschland vergeblich um ein Theater bemüht hatte, und er behielt auch zu DDR-Zeiten seinen österreichischen Pass.

Szenenfoto Die Verurteilung des Lukullus an der Staatsoper Stuttgart
Gerhard Siegel als Lukullus und Simon Bailey als Totenrichter in Paul Dessaus Die Verurteilung des Lukullus an der Stuttgarter Staatsoper
(Foto: © Martin Sigmund)

Zwischen 1949 und 1951 arbeiteten die beiden an der Vertonung des Librettos zu Brechts Radio-Hörspiel Das Verhör des Lukullus. Doch ihr Werk stieß nach der von Hermann Scherchen dirigierten Probeaufführung auf Ablehnung. Die Musik wurde als „volksfremd und formalistisch“ angegriffen, und die Oper löste eine kunstpolitische Debatte über den sozialistischen Realismus in der DDR aus. Der Kritiker Hans Borgelt brachte anlässlich der Aufführung seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass Brecht und Dessau klein beigegeben und an ihrer Oper „Verbesserungen“ vorgenommen hatten. „Dessau konnte ich verstehen, er wollte endlich sein erstes Musikdrama auf einer Bühne sehen… Brecht aber – hatte Brecht es nötig, zu Kreuze zu kriechen und seinen innerparteilichen Gegnern den Triumph zu überlassen?“

Der Dirigent Bernhard Kontarsky
Dirigiert Paul Dessaus Oper Die Verurteilung des Lukullus an der Stuttgarter Staatsoper: Bernhard Kontarsky

Die entscheidende Änderung betraf den Titel: Statt „Das Verhör“ hieß es nun „Die Verurteilung“, womit der negative Held von vornherein abqualifiziert war. Auch die gerügte pazifistische Tendenz wurde abgeschwächt und der Verteidigungskrieg aufgewertet. Kronfoth und Lwowski wollen mit ihrer Regiearbeit, in der Gerhard Siegel die Titelpartie übernimmt, die Oper mit Blick auf die Gegenwart befragen und Überlegungen anstellen, wer sich heute wem gegenüber verantworten müsste, wenn man den Begriff Gerechtigkeit ernst nehme. Die musikalische Leitung hat Bernhard Kontarsky inne.

Informationen zu den weiteren Aufführungen von Franziska Kronfoths und Julia Lwowskis Inszenierung der Oper Die Verurteilung des Lukullus an der Staatsoper Stuttgart am 6., 13., 15. und 20. November 2021 unter: www.staatsoper-stuttgart.de

Fotos: Martin Sigmund

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Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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