From Russia with Cough

von Axel Brüggemann

21. September 2020

Willkommen in der neuen KlassikWoche,

dieses Mal – leider – mit etwas mehr Corona, aber auch mit Denk­an­stößen zur Frage, was sich ver­än­dert – und zum Thema: Politik und Musik.

FROM RUSSIA WITH COUGH

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Corona auch die Theater erreicht. Das war absehbar, das ist auch nicht schlimm. Wir müssen nur damit umgehen! Pro­mi­nen­tester Fall war diese Woche natür­lich . Sie erklärte aus einem Hos­pital in St. Peters­burg, dass sie an COVID erkrankt sei und Lungen-Pro­bleme hätte, schaute aber gleich­zeitig mit Opti­mismus in die Zukunft (zum Glück habe sie es nun hinter sich, ihr Mann Jusif Eyvazov habe Anti­körper gebildet), und dann schob sie noch ein biss­chen Corona-Popu­lismus hin­terher (end­lich hätten die Gän­ge­lung und das Spiel mit der Angst ein Ende).
Und auch an die Wiener Staats­oper ist das Virus vor­ge­drungen: Nachdem Dut­zende Coro­na­virus-Fälle auf einer Stu­die­ren­den­vor­stel­lung von „Die lus­tige Witwe“ am Theater an der Gum­pen­dorfer Straße (TAG) ent­deckt wurden, waren auch Künstler an der Staats­oper betroffen. Die Stra­tegie von Inten­dant Bogdan Roščić: Ruhe, Tes­tungen, Trans­pa­renz – und die Auf­recht­erhal­tung des Spiel­be­triebes. In einer Umfrage auf meiner Insta­gram-Seite erklärten 90 Pro­zent, dass sie das Han­deln der Staats­oper für richtig und ver­ant­wor­tungs­voll hielten. 

PLANUNGEN IN MÜNCHEN UND BERLIN

In wird juris­tisch um die Corona-Regeln an Thea­tern gerungen. Der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richtshof wies einen Eil­an­trag von Mün­chen­Musik gegen die Corona-Regeln ab, aber das Gericht äußerte auch eine „sanfte juris­ti­sche Skepsis“ gegen­über dem „Son­der­be­trieb“ für Gas­teig und Staats­oper. Einen erschre­ckenden Lage­be­richt von der Ver­an­stalter-Front hat Thilo Egger­bauer in der Süd­deut­schen auf­ge­schrieben. In erklärt Kul­tur­se­nator Klaus Lederer im Deutsch­land­funk, man rechne mit 47 Mil­lionen Euro Ver­lust, denn öffent­liche Betriebe wie Theater, Orchester und Oper können nur zur Hälfte aus­ge­lastet werden. Außerdem star­tete er das Schwarze-Peter-Spiel: Berlin und haben eine Bun­des­rats­in­itia­tive initi­iert, um auf die schwie­rige Situa­tion der Künst­le­rinnen und Künstler, der Frei­be­rufler und Solo­selbst­stän­digen im Kul­tur­sektor hin­zu­weisen – eine Situa­tion, die sie aber selber auch nicht in den Griff bekommen haben. Die Läh­mung der Kul­tur­po­litik ist ein Trauerspiel! 

Der­weil haben die Häuser in der Haupt­stadt die Wahl zwi­schen „Schach­brett“ oder 1,5 Meter Abstand. Fre­derik Hanssen schreibt im Tages­spiegel: „Die Deut­sche Oper wird zum 27. Sep­tember auf das Schach­brett-Prinzip umstellen. Das ist der Tag, an dem Stefan Her­heims „Walküre“-Neuinszenierung Pre­mière feiert. Die Zahl der nutz­baren Plätze erhöht sich von 450 auf 770. An der Staats­oper ist Inten­dant Mat­thias Schulz noch in Bespre­chungen mit den Abtei­lungen des Hauses, geplant wird aber auch dort mit dem Schach­brett-Muster. Die Komi­sche Oper dagegen hat sich ent­schieden, vor­erst beim Sitz­plan mit 1,5 Meter Abstand und ohne Mund-Nasen-Bede­ckung wäh­rend der Vor­stel­lung zu bleiben. Was sicher auch daran liegt, dass Haus­herr Barrie Kosky die gesamte Pla­nung bis Ende des Jahres ver­worfen und durch ein coro­na­kom­pa­ti­bles Pro­gramm ersetzt hat, das jetzt bereits voll­ständig im Vor­ver­kauf ist.“ 

MUSIK MIT ABSTRICHEN

Die Nord­deut­sche Phil­har­monie  spielte schon am 13. Sep­tember mit Chef­di­ri­gent und vollem Orchester. Zu ver­danken ist dies einem beson­deren Pro­jekt: Regel­mä­ßige Rachen­ab­striche zum Nach­weis einer COVID-19-Infek­tion der Musi­ke­rInnen wurden vom Ros­to­cker Bio­tech-Unter­nehmen Cen­to­gene GmbH mit dem Volks­theater-Inten­danten Ralph Rei­chel und dem Chef­di­ri­genten Marcus Bosch auf den Weg gebracht. Ich war neu­gierig und habe bei einem Inten­danten in Öster­reich, wo der­ar­tige Tes­tungen seit Wochen durch­ge­führt werden, gefragt, was sie eigent­lich kosten. Das Ergebnis ist über­schaubar: Mit einer so genannten „Pool­tes­tung“ belaufen sich die Kosten für ein Orches­ters auf rund 1.500 Euro pro Testreihe.

WIE ES WEITERGEHEN KÖNNTE

Nichts wird sein, wie es einmal war. Diesen Satz haben wir oft gehört in den letzten Wochen und Monaten. Sicher ist: Corona ver­än­dert die Welt und damit auch die Kultur. Das Prinzip ist dabei das Gleiche: Vieles, was bereits krank war, wird jetzt als sol­ches sichtbar. Wir sam­meln Erfah­rungen, die uns helfen könnten, wenn die öffent­li­chen Haus­halte noch enger geschnürt werden müssen als heute schon.“ Ich habe mir grund­le­gende Über­le­gungen zu grund­le­genden Ver­än­de­rungen gemacht und würde mich sehr freuen, wenn wir über das „Wie kann es wei­ter­gehen?“ debat­tieren – hier und an anderen Stellen!

PER­SO­NA­LIEN DER WOCHE

Letzte Woche haben wir über das Ver­schwinden der bela­ru­si­schen Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­kerin und Flö­ten­spie­lerin Maria Kales­ni­kava berichtet – und über den huma­nis­ti­schen Sinn der Musik geschrieben. Viele Mails haben mich erreicht, die mich auf eine Peti­tion auf­merksam gemacht haben. Sie zu unter­schreiben, ist mehr als das Bekenntnis zur Soli­da­rität, es schafft inter­na­tio­nale Auf­merk­sam­keit. Ich hab’s gemacht. – Sie auch? +++ Der Kom­po­nist Enjott Schneider hat das Amt als Prä­si­dent des Deut­schen Kom­po­nis­ten­ver­bandes aus gesund­heit­li­chen Gründen zurück­ge­geben. Dafür rückte in den Bun­des­vor­stand nach – die prä­si­dialen Auf­gaben über­nimmt inte­rims­mäßig Vize­prä­si­dent Ralf Wei­gand. +++ wird Hono­rar­pro­fessor an der Dresdner Hoch­schule für Musik. Die Meis­ter­kurse sollen aller­dings nicht nur auf das Diri­gieren beschränkt werden, teilte die Hoch­schule für Musik mit. „Die Stu­die­renden werden auch in den Fach­be­rei­chen Kam­mer­musik, Oper und Lied von seiner exzel­lenten Kom­pe­tenz pro­fi­tieren und ihn dar­über hinaus bei Proben mit der Säch­si­schen Staats­ka­pelle in Aktion erleben können“, erklärte Rektor Axel Köhler. +++ Die Sän­gerin, Regis­seurin und Leh­rerin Annette Jahns ist nach schwerer Krank­heit im Alter von 62 Jahren ver­storben. Die warme und sinn­liche, dabei aber immer auch cha­rak­ter­volle, stets die Grenzen gesang­li­cher Mög­lich­keiten aus­rei­zende Tiefe des Klangs war ihre Spe­zia­lität als Altistin, heißt es in einem Nachruf von Boris Gruhl. +++ Etwas Großes und Kluges habe ich auf den Seiten des John Ken­nedy Cen­ters for the Per­forming Arts gesehen: Die in dieser Woche ver­stor­bene US-Rich­terin Ruth Bader Gins­burg über die Rolle der Musik in ihrem Leben.

MUSIK UND POLITIK

https://​www​.insta​gram​.com/​t​v​/​C​F​W​k​c​Z​I​q​q​cB/

Und dann habe ich mich per Insta­gram-Live noch mit dem Pia­nisten unter­halten. Der sitzt gerade 14 Tage lang in einem Hotel­zimmer in in Qua­ran­täne und reflek­tiert in täg­li­chen Posts das Leben und die Musik. Was mich auf­merksam gemacht hat: Sein Nach­sinnen über die poli­ti­sche Rolle des Künst­lers. Muss man zu jeder Welt­si­tua­tion eine Mei­nung öffent­lich for­mu­lieren – oder unter­gräbt das die Ent­fal­tungs­mög­lich­keiten der Musik. Span­nende Gedanken, und – wie ich finde – ein drin­gend neuer Blick auf eine Musik­kultur, die seit einiger Zeit Mei­nung mit Hal­tung verwechselt.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

[email protected]​crescendo.​de