Ganz große Gefühle

Bomsori Kim

Warum die koreanische Geigerin Bomsori Kim Musikwettbewerbe liebt und ihr erster Auftritt ein positiver Schock war.

Für viele Künstler sind Wettbewerbe ein notwendiges Übel. Für Bomsori Kim waren sie eine beglückende Inspirationsquelle bei ihrem Weg auf die großen Bühnen. So findet sich kaum ein Wettbewerb, an dem die brillante Geigerin nicht erfolgreich teilgenommen hat – Höhepunkte wie den ersten Preis beim ARD-Musikwettbewerb 2013 und den zweiten Preis bei der International Henryk Wieniawski Violin Competition inklusive. Doch es war weniger der Ehrgeiz, der Kim leitete, als ihre Sehnsucht nach internationaler musikalischer Erfahrung. „Die Vorbereitung auf die vielen Wettbewerbe und meine Erlebnisse dort haben mich in meiner Entwicklung extrem beeinflusst“, erklärt Kim. Dabei habe sie nicht nur gelernt, sich in sehr kurzer Zeit ein umfangreiches Repertoire zu erarbeiten, sondern auch, mit den verschiedensten Rahmenbedingungen umzugehen. „Ich habe ganz unterschiedliches Publikum kennengelernt und auch schwierige Seiten erfahren. Manchmal waren die Leute unkonzentriert, manchmal sogar zynisch. Das war ein gutes, ein hartes Training. Seither schockt mich nichts mehr“, bekennt Kim und lacht.

Auf diesem Instrument kannst du singen und den Klang verändern wie bei der menschlichen Stimme“

Die Zeit der Wettbewerbe ist vorbei, und längst ist die preisgekrönte Solistin international gefragt. Dabei stand am Anfang ihrer musikalischen Geschichte gar nicht die Geige. „Meine erste große Liebe war das Klavier“, erzählt Kim. Die Tochter einer Pianistin bekam schon mit vier Jahren Klavierunterricht. Als der Wunsch nach einem anderen Instrument aufkam, wurde es die Geige: „Auf diesem Instrument kannst du singen und den Klang verändern wie bei der menschlichen Stimme“, schwärmt Kim, „Das liebe ich sehr.“ In der Mittelschule stieß sie schließlich auf andere begabte Jugendliche. Damals trat Kim auch zum ersten Mal vor Publikum auf – eine prägende Erfahrung: „Das war ein Schock im positiven Sinne. Denn ich habe gemerkt, was für starke Gefühle ich bei den Menschen mit Musik auslösen kann“.

Bis heute spornt die 28-jährige Kim das zu Höchstleistungen auf ihrem Instrument an: „Ich will durch meine Musik mit der ganzen Welt kommunizieren!“ Das Rüstzeug dazu hat sie bei ihren Studien an der Seoul National University und der Juilliard School in New York erworben. Die beste Vorbereitung auf das Konzertleben aber waren für Kim tatsächlich die Wettbewerbe: „Jeder einzelne Auftritt ist für mich wie ein Wettbewerb, jedes Konzert steht für sich und ist in diesem Moment das Wichtigste, in das ich alles hineinlege. Als Musiker hast du in diesem Augenblick genau eine einzige Chance. Da gibt es keine weitere Runde und du hast keinerlei Wahl: Das Publikum erwartet schlicht das Beste von dir.“

Bomsori Kim ist dafür bestens gewappnet: Mit Virtuosität, Präsenz, Klarheit und einem warmen, fülligen Geigenton ist Kim eine agile Gestalterin des Moments. Das beweist die koreanische Musikerin auch auf ihrem Debütalbum, auf dem sie zusammen mit dem Warsaw National Philharmonic Orchestra einen berührenden Bogen zwischen zwei Schlüsselwerken der osteuropäischen Konzertliteratur schlägt: dem Zweiten Violinkonzert von Henryk Wieniawski und dem Ersten Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch.

ANZEIGE
Vorheriger ArtikelEsoterisch und romantisch
Nächster ArtikelDer unbeholfene Anton Bruckner
Dorothea Walchshäusl
Dorothea Walchshäusl ist Musikjournalistin und promovierte Politologin. Sie lebt und arbeitet in Passau. Den Mensch im Blick, die Musik im Ohr und das Gefühl in den Fingerspitzen, fasziniert die freie Autorin all das, was die Menschen im Kleinen wie im Großen bewegt und berührt. Für crescendo schreibt sie seit 2014 und erforscht in ihren Porträts und Reportagen mit Leidenschaft, warum sich Menschen mit Haut und Haar der Musik verschreiben.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here