András Adorján kennt das Werk der Doppler-Brüder wie kein Zweiter – als Flötist und Herausgeber. Nun legt er an der Seite von Emmanuel Pahud unter dem Titel „Doppler Discoveries“ mehrere Ersteinspielungen
von Werken für ein und zwei Flöten zusammen mit Klavier vor.

Franz und Carl Doppler bereisten ab 1852 als virtuos flötespielendes Brüderpaar ganz Europa. Franz übersiedelte 1858 nach Wien als Soloflötist der Hofoper und Dirigent fürs Ballett, dem er jährlich eine Komposition widmen musste. Sein Bruder Carl wurde 1865 für 30 Jahre Königlicher Hofkapellmeister in Stuttgart und spielte nur noch gelegentlich zusammen mit seinem Bruder in Konzerten.

CRESCENDO: Herr Adorján, schon in den 1960ern haben Sie begonnen, Unbekanntes der Doppler-Brüder zu suchen – und zu finden! Wie hat alles angefangen?

András Adorján: Mein Flötenlehrer in Dänemark, wo ich aufgewachsen bin, wenn auch in Ungarn geboren, gab mir irgendwann die Fantaisie pastorale hongroise zum Spielen, und für mich als Ungar war es natürlich etwas Besonderes, fern der Heimat auf eine Flötenkomposition mit ungarischer Thematik zu treffen. Als ich dann Jahre später, 1968, in Freiburg bei Aurèle Nicolet studiert habe, bin ich in einem Stuttgarter Telefonbuch auf den Namen „Franz Doppler – Kammermusiker“ gestoßen, der, wie sich herausstellte, ein Enkel von Carl Doppler war. Meine Frau und ich haben dann irgendwann ein kleines Konzert mit Werken für zwei Flöten von Franz und Carl Doppler, die ich in Bibliotheken gefunden hatte, im Wohnzimmer der Dopplers gespielt. 

Hatte der Enkel auch Noten?

Bis dahin hatte der Enkel geglaubt, keine Handschriften zu besitzen, und kannte auch die Musik des Großvaters überhaupt nicht. Doch im Speicher fand sich, nach hartnäckigem Insistieren meinerseits, dann überraschend doch eine Kiste mit meist unvollständigen Autografen. Aber auch ein ganzes, vollständiges Konzert für zwei Flöten, das nie gedruckt worden war. Das habe ich dann herausgegeben und 1976 mit Jean-Pierre Rampal, ebenfalls einer meiner Lehrer, aufgenommen. 

Der Enkel hatte geglaubt, keine Handschriften zu besitzen.“

Kann man den Anteil der beiden Brüder an den gemeinsam komponierten Stücken unterscheiden, deren Honorar sie – wie Aufzeichnungen beweisen – auch brüderlich geteilt haben? 

Es ist wohl schon so, dass Franz, der bedeutendere Komponist von beiden, für sich die erste Stimme geschrieben und die zweite vielleicht skizziert hat. Carl hat sie dann auskomponiert – als ebenso virtuose, aber eben tiefere Stimme.

Auf Ihrer CD findet sich auch die Erstfassung jener berühmten Fantaisie pastorale hongroise, als Stück für zwei Flöten, deren Solostimmen in der besagten Kiste gefunden wurden und die Sie von den Dopplers geschenkt bekamen. Wie unterscheiden sich die beiden Versionen?

Der Anfang beider Stücke ist gleich, danach sind sie aber völlig verschieden. Da hier zum Glück nur die Begleitung fehlte, ließ sich das Stück als der von den Brüdern oft gespielte, aber nie veröffentlichte „Ungarische Hirtengesang“ identifizieren. Und unser Pianist konnte seinen Part dazu rekonstruieren. 

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Franz und Carl Doppler

Ihr neuester Fund sind die beiden ersten Sätze der Sonate ­op. 25, die bislang nur als Andante und Rondo bekannt war. Wo und wie kam es dazu?

Im Zusammenhang mit der Neuherausgabe der Fantaisie pastorale hongroise habe ich nicht nur das Manuskript im Archiv des Schott-Verlags einsehen können, sondern auch die entsprechende Korrespondenz dazu. In einem Brief erwähnte Franz eine mir bis dahin unbekannte Sonate, allerdings mit der sehr bekannten Opusnummer 25. Ich wurde neugierig und bekam eine Kopie der Titelseite, worauf zu lesen war: „NB. Von dieser Sonate nur Andante u. Rondo stechen zu lassen und das Stück demgemäß zu titulieren.“ Ich suchte nach den verworfenen Sätzen und habe sie gefunden: ein großes, siebeneinhalb Minuten langes Moderato und ein kürzeres Menuetto. Neben dem Doppelkonzert war dies eine weitere Flötenkomposition der beiden, die keine Fantasie, kein Potpourri, keine Variationen und weder eine Opernbearbeitung noch ein Stück im beliebten Stil „à la hongroise“ darstellt. Welch toller Zufall, dass wir jetzt auch eine „seriöse“ Doppler-Sonate haben.   

Warum denken Sie, sollten diese beiden Sätze nicht veröffentlicht werden?

Eigentlich kann ich mir darauf keinen rechten Reim machen, außer dass es vielleicht Franz selbst aufgefallen war, wie sehr er sich in die Nähe von Schubert, Brahms oder gar Mendelssohn gewagt hatte. 

Was hat es mit Aus der Heimat, einem „Festspiel“ für zwei Flöten und Klavier auf sich, das die CD abschließt? Das klingt mit seinen vielen verschiedenen Tänzen ungemein spritzig und lebendig!

Diese Ballete mit eingewebten Gesängen, wie er es selbst genannt hat, ist ursprünglich ein Orchesterstück, wurde 1879 zur Silberhochzeit von Sisi und Kaiser Franz Joseph komponiert und zu sogenannten „Tableaux vivants“ in der Hofoper aufgeführt. Dem Regenten-Paar sollten alle musikalischen Facetten der Monarchie – etwa aus Österreich, Ungarn, Rumänien, der Slowakei oder Tirol – präsentiert werden. Das Stück war so populär, dass es bis 1881 über 50-mal gespielt und für verschiedene Instrumente bearbeitet wurde. So gibt es eine Version für zwei Flöten und Klavier, die aber kaum von den Dopplers sein kann, da hier die beiden Flöten fast immer unisono spielen. Anhand eines originalen Klavierauszuges, den ich in der Badischen Staatsbibliothek gefunden habe, konnten wir die beiden Flötenstimmen „à la Doppler“ rekonstruieren und was übrig blieb als Klavierbegleitung belassen. Somit ist nichts neu komponiert, diese Musik wurde lediglich für zwei Flöten und Klavier eingerichtet. 

Sie geben immer gleichzeitig die Noten heraus und gehen mit den Stücken, die Sie gefunden haben, ins Aufnahmestudio. 

Ja, für mich ist es sehr wichtig, Flötisten die Möglichkeit zu geben, ihr Repertoire zu bereichern. Es gibt tatsächlich Musiker, die ihre Funde einspielen, sie dann aber lieber nur für sich behalten. Eine Vorgehensweise, die ganz und gar nicht meiner Mentalität entspricht.

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