Georges Rouault gilt als der einzige große französische Expressionist und als der große christliche Künstler des 20. Jahrhunderts. Mit unerbittlichem und schmerzvollem Blick schaute er auf die Welt und brachte in seinen Bildern sein Entsetzen über das Leid zum Ausdruck. Am 27. Mai 2021 jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal. 

Georges Rouault erregte erste Aufmerksamkeit, als er 1903 beim Pariser Herbstsalon ausstellte. Präsident des Salons war damals der Maler Georges Desvallières, der die christliche Kunst erneuern wollte. Seine Ideen übten eine große Anziehungskraft auf Rouault aus.

Georges Rouault mit seiner Mutter 1907
Georges Rouault mit seiner Mutter 1907

Eine weitere wichtige Begegnung für Rouault war 1904 die mit dem Schriftsteller Léon Bloy, einem asketischen und fanatischen Anhänger des katholischen Glaubens, der sich einen „Pilger des Absoluten“ nannte und als Prophet verstand. Mit ihm pilgerte Rouault nach Ligugé, wo sich die Abtei Saint-Martin befand, die Martin von Tours 361 als erstes abendländisches Kloster gegründet hatte, und wo der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans ein Gemeinschaftshaus für katholische Künstler gründen wollte.

Georges Rouault: aquarellierte Kreidezeichnung Filles, inspiriert von Léon Bloy, aus dem Jahr 1905
Von Georges Rouault gezeigt beim Pariser Herbstsalon 1905: aquarellierte Kreidezeichnung Filles, inspiriert von Léon Bloy, aus dem Jahr 1905
(Centre Pompidou, Paris)

Für eine Sensation sorgte Rouault beim Pariser Herbstsalon 1905 mit dunkelleuchtenden Bildern von Clowns und Dirnen. Wie viele Expressionisten wurde auch er von der Zirkuswelt, den Jahrmärkten und der Prostitution angezogen. Doch brachte er in seinen Bildern die schmerzvolle dunkle Seite, das düstere Elend und den Schmerz und sein Entsetzen darüber zum Ausdruck. „Ein Schrei in der Nacht! Ein ersticktes Schluchzen! Ein Lachen, das sich selbst erwürgt“, beschrieb er seine Werke. Ihre glutvollen Farben, die aus schwarzen mit leidenschaftlichem dicken Pinselstrich aufgetragenen Konturen hervorleuchteten, weckten die Assoziation an gotische Kirchenfenster.

Georges Rouault: Clown, Öl auf Leinwand aus dem Jahr 1912
(Museum of Modern Art, New York)

Tatsächlich kam Rouault, als Sohn eines Handwerkers in Paris geboren, mit 14 Jahren zu einem Glasmaler in die Lehre und wirkte an der Restauration der Kirchenfenster von Saint-Séverin, der ältesten Kirche von Paris im Quartier Latin, mit. 1891 begann er ein Studium an der École des Beaux-Arts, wo er ein Lieblingsschüler des symbolistischen Künstler Gustave Moreau wurde und Henri Matisse und Albert Marquet zu seinen Mitschülern gehörten. Aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Moreau begeisterte ihn für mittelalterliche Kunst und ermutigte ihn zu seiner Arbeit.

Geißelt die Komödie der Gerechtigkeit: Die drei Richter aus dem Jahr 1936 von Georges Rouault
Geißelt die Komödie der Gerechtigkeit: Die drei Richter aus dem Jahr 1936 von Georges Rouault
(Tate Gallery London)

Zum Schwarz und Grün der Zirkusbilder, dem Violett der Prostitution und dem Blau fantastischer Landschaften trat das Rot der Gerichtshöfe. Um 1907 begann Rouault eine Reihe von Richterbildern. Die in dunklen Rottönen gemalten satirischen Darstellungen sind eine böse Anklage. Rouault geißelt in ihnen die Komödie der Gerechtigkeit.

Georges Rouault: Christus aus dem Jahr 1937
(Fondation Georges Rouault)
Georges Rouault: Christus aus dem Jahr 1937
(Fondation Georges Rouault)

»Ich bin der Efeu des ewigen Elends, der sich an die aussätzige Mauer klammert, hinter der die aufrührerische Menschheit ihre Laster und ihre Tugenden verbirgt.«

Georges Rouault über seine Arbeit als Künstler
Holzschnitt aus dem Buch Miserere et guerre, für das Georges Rouault auch den Text verfasste
Holzschnitt aus dem Buch Miserere et guerre, für das Georges Rouault auch den Text verfasste

Von 1918 bis 1928 schuf er für den Kunsthändler Ambroise Vollard Radierungen als Illustration für zahlreiche Bände, darunter La réincarnation du Père Ubu von Vollard, Les Fleurs du mal von Charles Baudelaire, und Miserere et guerre. Zu diesem Buch, das erst 1948 erschien, verfasste Georges Rouault selbst den Text in Form eines Gedichts, in dem er sein Schicksal als Künstler beschrieb. Er verbringe jeden Tag im Leiden, als liege er auf einem Nesselbett, bis er zum nächsten Leben gerufen werde. Morgen werde schöner sein, ist er mit Blick auf seinen Tod und das Jenseits überzeugt.

Georges Rouault: Der alte König aus dem Jahr 1936
Georges Rouault: Der alte König aus dem Jahr 1936

Erst 1929 wandte er sich wieder der Malerei zu. Hundertfach übermalt, entstanden in einem letzten Lebensabschnitt Bilder von dunkler Pracht. Bei seinem Tod 1958 in Paris konnte Georges Rouault auf sieben Jahrzehnte künstlerischen Schaffens zurückblicken. Seine Werke sind in die Museen der Welt verstreut.

Foto Titelbild: Georges Rouault in seinem Atalier

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Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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