Gestorben: Wolfgang Sawallisch

Zum Tod von Wolf­gang Sawal­lisch

von Pascal Morché

12. März 2013

Ich hatte Glück: den ersten „Tristan“ von Sawal­lisch diri­giert zu hören; die erste „Zauber­flöte“, „Elektra“, den ersten „Figaro“, „Ring“ … sowie Brahms‑, Beethoven‑, Bruckner-Sympho­nien und die Missa Solemnis zum ersten Mal … Das musi­ka­li­sche Reper­toire ist groß und die Ohren­de­flo­ra­tion geschah immer auf höchstem und schönstem musi­ka­li­schem Niveau: durch . Das prägte! Bis heute! Es ist erlaubt, dafür ganz persön­lich dankbar zu sein. Es ist jedem erlaubt, der „mit“ und „durch“ Wolf­gang Sawal­lisch die Musik kennen und lieben lernte.

Auch wenn Sawal­lisch in der ganzen Welt diri­gierte, ihm in eine gera­dezu fana­ti­sche Vereh­rung entge­gen­schlug und die Mailänder Scala nach seinen Diri­gaten vor Jubel tobte (zum Beispiel nach „Frau ohne Schatten“ oder 1990 nach den „Meis­ter­sin­gern“), am meisten Gele­gen­heit mit diesem uneitlen, präzisen, diesem leiden­schaft­li­chen und doch unpa­the­ti­schen großen Künstler Musik zu (er)leben, hatte man in der Münchner Oper: Hier, am Pult des Baye­ri­schen Staats­or­ches­ters in stand Wolf­gang Sawal­lisch seit 1971 für zwei Jahr­zehnte – zunächst als Gene­ral­mu­sik­di­rektor mit den Inten­danten Günther Rennert und August Ever­ding, später als Staats­opern­di­rektor.

In diesen Jahren diri­gierte er oftmals an vier Abenden in der Woche (an zwei weiteren standen und am Pult). Wolf­gang Sawal­lisch, der schon 1957 in debü­tierte (Mitschnitte von „Holländer“, „Tann­häuser“ und „Lohen­grin“ gelten heute noch als Refe­renz­auf­nahmen) war – über jeden Zweifel erhaben – „der“ Wagner- und Strauss-Diri­gent seiner Zeit. Über die Provinz, über , , Wies­baden, kehrte der gebür­tige Münchner nach München zurück; diese Stadt, ihr Opern­haus, das Natio­nal­theater, blieben sein Zentrum, als er längst in , , und mit den Wiener oder Berliner Phil­har­mo­ni­kern Triumphe feierte.

„Sein Name ist wie kein anderer mit der Münchner Oper verbunden, bis heute ist sein Wirken spürbar – und so wird es auch bleiben. Dies gilt nicht nur für das Publikum, sondern vor allem auch für die Mitglieder des Baye­ri­schen Staats­or­ches­ters und alle Mitar­beiter des Hauses“, so Staats­in­ten­dant Niko­laus Bachler zu Wolf­gang Sawal­lischs Tod. Als der Diri­gent, der auch ein singu­lärer Pianist und Lied­be­gleiter war, 1992 für zehn Jahre als Chef an das wunder­volle Phil­adel­phia Symphony Orchestra wech­selte, um sich nur noch der „abso­luten“ Musik, dem Konzert, zu widmen, da war dies auch ein Zeichen seiner Resi­gna­tion vor neuen Rich­tungen der Oper als Musik­theater. „Auf geht’s zum Komö­di­en­stadl“, rief ein Zuschauer in der Münchner Oper, als Sawal­lisch zur Première vom „Flie­genden Holländer“ im Januar 1981 ans Diri­gen­ten­pult trat. Über die Bühne ging damals eine geniale Produk­tion des Regis­seurs Herbert Wernicke, die dem Diri­genten im Orches­ter­graben ebenso fremd blieb wie dem krakee­lenden Zuhörer in seinem Nacken. Wolf­gang Sawal­lisch war Musiker und als dieser ein Künstler, dessen Größe auf einer Tugend beruhte, die in Zeiten von Marke­ting und PR verloren zu gehen droht: Hand­werk! Das große, souverän und uneitel vermit­telte Können dieses Diri­genten, seine gera­dezu unglaub­liche Reper­toire­kenntnis und Beschei­den­heit erlaubten es ihm, sich der Partitur unter­zu­ordnen; ja, „der Musik zu dienen“. Das klingt anti­quiert und ist es wohl auch. Der deut­sche Kapell­meister als charis­ma­ti­scher Welt­star – er ist mit Wolf­gang Sawal­lisch nicht nur gestorben – er ist mit ihm auch ausge­storben.

Fotos: Wilfried Hösl