Giora Feidman ist der unangefochtene „King of Klezmer“ – auch wenn er sich selbst niemals so nennen würde. Kurz nach seinem 85. Geburtstag verrät uns der Ausnahmeklarinettist, warum Musik über alle Religion hinausgeht und wie ein Araber, der Mozart hören wollte, sein Leben veränderte.

Die Klarinette ist das Mikrofon meiner Seele!“ Mit diesen Worten wird Giora Feidman gerne zitiert. Eigentlich aber sei jedes Instrument Mikrofon der Seele, fügt er hinzu. Denn das Instrument ist das Medium, sich selbst auszudrücken. „Mit der Klarinette übersetze ich ja nur die Sprache, die man Musik nennt.“ Bedeutender als das „womit“ ist für den Musiker das „für wen“. Denn das Publikum ist dem 85-Jährigen das allerwichtigste. Mit seinen Zuhörern möchte er seine Leidenschaft für die Musik teilen. Über alle Grenzen, Nationalitäten und Religionen hinweg. „Musik ist ein Gebet ohne Religion“, ist Feidman überzeugt.

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Giora Feidman spielt im Smolarz Auditorium in Tel Aviv The Jewish Melody. Er beginnt seine Konzerte stets mit einem Auftritt aus dem Publikum, und damit setzt die Musik ein, die wie ein einziger Strom ohne Unterbrechung bis zum Ende dahinfließt und bei der auch das Publikum zur Mitwirkung eingeladen ist.

Gleich zu Beginn des Gesprächs räumt Giora Feidman mit einem weitverbreiteten Missverständnis auf: Klezmer ist gar keine Musik. Klezmer ist der Musiker. Das Wort setzt sich nämlich aus den hebräischen Worten „kli“ und „zemer“ zusammen. Wörtlich sei ein Klezmer ein „Gefäß des Liedes“. „Der Körper ist das Instrument, das die Sprache spricht, die wir Musik nennen.“ Klezmorim stammen ursprünglich aus dem aschkenasischen Judentum und entwickelten um das 15. Jahrhundert eine Tradition weltlicher, nichtliturgischer jüdischer Musik. Sie orientierten sich dabei an religiösen Traditionen. Ihre musikalische Ausdrucksweise entwickelte sich indessen weiter bis in die Gegenwart. Das Repertoire bestand vor allem aus Musik zur Begleitung von Hochzeiten und anderen Festen.

Giora Feidman entstammt einer solchen Familie von Klezmorim, deren Tradition er in der vierten Generation fortsetzt. „Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen!“ Seine Vorfahren traten bei Hochzeiten, Bar-Mitzwa-Feiern und anderen Feierlichkeiten im Schtetl des osteuropäischen Raums auf. „Mein Vater ist im heutigen Rumänien geboren. Die eine Hälfte des Orchesters, in dem er spielte, waren ‚Gypsies‘. Die andere Hälfte war jüdisch.“ Als die Juden das Schtetl verließen und zu Hunderttausenden nach Amerika auswanderten, verbreitete sich die Klezmerkultur weltweit und wurde sehr populär. Man hörte die Musik in der Synagoge und in den Cafés.

Feidmans Eltern waren bessarabische Juden, die um 1905 wegen einsetzender Judenpogrome nach Südamerika auswanderten. „Meinen ersten öffentlichen Auftritt hatte ich gemeinsam mit meinem Vater bei einer Hochzeit.“ Und Hochzeiten seien nicht dafür geeignet gewesen, „meine Technik vorzuführen oder meinen Klang. Bei einer Hochzeit geht es schlichtweg darum, eine natürliche Energie zu erzeugen, die man Fröhlichkeit nennt.“ Obwohl man Spuren der Klezmorim in Deutschland bereits im 12. Jahrhundert finden kann, wurde der Begriff „Klezmermusik“ erst um 1970 geprägt. Und ohne Feidman würde es diese Musik in Deutschland gar nicht geben, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Definitiv hat er diese Musik „konzertsaalfähig“ gemacht. Der 85-Jährige gilt als einer der Erneuerer der „Klezmermusik“. Und eckte bisweilen damit bei Puristen und Traditionalisten an. Und tut das immer noch.

Giora Feidman
Giora Feidman (Foto: © Felix Bröde) 

»Wenn ich Musik höre, fühle ich mich nicht christlich oder jüdisch.«

Feidman nämlich interpretiert die Begrifflichkeit „Klezmer“ neu und schafft eine Philosophie: Dem Klezmer, dem Musiker als „Gefäß des Liedes“ kommt es nämlich grundsätzlich einmal nicht zuerst darauf an, welche Art von Musik er weitergibt. Feidman ist sich seiner Botschaft sicher: Das, was er spielt, ist Klezmer. Er kann gar nichts anderes spielen. Damit aber schafft er eine ganz neue Dimension von Klezmer. „Ich habe Mozart gespielt und ich habe Piazzolla gespielt“, erzählt Feidman. Er war Mitglied des Teatro Colón in Buenos Aires und im Israel Philharmonic Orchestra und spielte mit zahlreichen Ensembles. „Ich habe gelernt, dass Musik eine einzige Sprache ist: Musik eben!“ Wenn er ein Konzert spiele, sei es dem Publikum doch egal, welcher Religion er angehöre. „Wenn ich Musik höre, fühle ich mich ja nicht christlich oder jüdisch“. 

Giora Feidman scheut sich nicht, das Ave Maria in seine Konzertprogramme zu integrieren oder muslimische Gebete zu spielen. „Ich spiele das Ave Maria ja nicht, um dich daran zu erinnern, dass Du katholisch bist! Was ist, wenn ich einfach den Namen ändere? Music is beyond that! Musik geht über Religion hinaus!“ Deshalb haben seine Tonträger Namen wie „TangoKlezmer“, „Klezmer meets Jazz“ oder auch „Feidman plays Beatles“. Giora Feidman hat mit seiner Interpretation von Klezmer, mit seiner Aufwertung der übergreifenden Sicht, eine neue Denkrichtung angestoßen, eine Denkrichtung, durch die Klezmermusik die Musik des 21. Jahrhunderts ähnlich prägen könnte, wie der Jazz das 20. Jahrhundert geprägt hat. Diese Denkweise lässt sich letztendlich auf jede Musik übertragen.

Längst ist Feidmans Idee des Klezmer zu einem Ideal der Völkerverständigung angewachsen. Sein Leben lang ist er ein Streiter für den Frieden. „Du doch auch!“, entgegnet er. Das sei doch nicht außergewöhnlich. „Nur weil ich ab und zu den Mund aufmache?“ Im Grunde seines Herzens sei jeder Pazifist. „Frieden ist ein Grundbedürfnis.“ Und Musik kann helfen. Dabei sei es erst einmal nebensächlich, was gespielt würde. Es sei doch irrelevant, ob auf der Bühne Barock oder Schubert gespielt würde. Die Hauptsache sei, dass es die Seele berühre.

Giora Feidman
Giora Feidman (Foto: © Felix Bröde) 

»Ich träume, dass sich eines Tages jeder in Israel so fühlt, wie ich mich in Deutschland fühle.«

Giora Feidman schildert eine Begebenheit, die ihn seither begleitet. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 habe er für verwundete Soldaten gespielt, von denen sich einer Mozart wünschte. „Im Nebenraum lag ein verwundeter Araber, den ich fragte, ob ich etwas für ihn spielen solle. Er meinte nur: ‚Spiel das, was du eben gespielt hast!‘ ‚Hat es dir gefallen?‘, fragte ich. ‚Ja, das war ein schönes Lied. Ich musste weinen.‘ Dem Soldaten war es egal, dass das Mozart war. Für ihn war es einfach ein schönes Lied. Das ist die Essenz von Musik! Er war ‚der Feind‘, und nun war er ein Bruder – warum war er das nicht schon vor dem Krieg?“

Ich fühle mich heimisch in diesem Land“, schwärmt Giora Feidman, der während des Gesprächs in Hamburg festsitzt, weil er Corona-bedingt nicht nach Israel zurückkehren kann. Ihn begeistert das heutige gute Verhältnis von Juden und Deutschen. Nach allem, was während des Holocaust in Deutschland passiert sei, ist „diese Versöhnung doch der größten Ausdruck der Menschlichkeit – oder zumindest einer davon – auf diesem Planeten! Das sollte ein Beispiel für alle Menschen auf dieser Welt sein!“ Und nun klingt er beinahe wie Martin Luther King: „Ich träume, dass sich eines Tages jeder in Israel so fühlt, wie ich mich in Deutschland fühle.“

Foto Titelbild: Felix Bröde

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