Pianistin Sophie Pacini über ihr musikalisches Schlüsselerlebnis, die Liebe von Clara und Robert Schumann und Pasta mit Martha Argerich.

crescendo: Auf der Rückseite des Covers zu Ihrem neuen Album flattern Sie in gelbem Kleid auf dem Wasser. Was ging in Ihnen vor? Schließlich stürzte sich ja Robert Schumann in den Rhein …

Sophie Paci­ni: Nein, an sei­nen Selbst­mord­ver­such habe ich nie gedacht. Sei­ne Abgrün­de, Hoff­nungs­lo­sig­keit, Zer­ris­sen­heit wie sein Stre­ben nach voll­kom­me­ner Har­mo­nie kom­men beson­ders in den Wer­ken, die ich für das Album wähl­te, so deut­lich zum Aus­druck, dass es kei­ner opti­schen Unter­strei­chung bedarf. Das Schwe­ben im Was­ser bedeu­tet für mich Leich­tig­keit, Trans­pa­renz, Gren­zen­lo­sig­keit und Gleich­ge­wicht.

Musik von Verwandten und Wahlverwandten gibt es auf Ihrem Album zu hören. Das Ehepaar Schumann, die Geschwister Mendelssohn …

Inspi­riert zu die­sem Kon­zept wur­de ich von Chia­ri­na, jenem Stück aus dem Car­na­val von Robert Schu­mann, in dem er schmerz­lich expres­siv sei­ne Cla­ra por­trä­tiert. Das war der Anlass, mich mit ihr als gan­zer Künst­ler­per­sön­lich­keit zu beschäf­ti­gen. Ich woll­te – um mit Rai­ner Maria Ril­kes „Lie­bes­lied“ zu spre­chen – her­aus­fin­den, wie ihre „zwei Sai­ten sich zu einer Stim­me zie­hen“, wel­che „Tie­fen“ bei Robert „schwin­gen“, wenn es um Cla­ra geht. Fün­dig wur­de ich bei Cla­ras auf­wüh­len­dem, quä­len­dem Scher­zo. Es erin­nert sehr an Chia­ri­na und an die zwei Stü­cke aus Roberts op. 12 Des Abends und In der Nacht. Und von …

… Franz Liszt …

… spie­le ich sei­ne Bear­bei­tung von Schu­manns Wid­mung. Liszt war befreun­det mit dem Ehe­paar Schu­mann. Sei­ne h-Moll Sona­te wid­me­te er Robert Schu­mann, wäh­rend Cla­ra sei­ne Paga­ni­ni-Etü­den, deren Wid­mungs­trä­ge­rin sie auch war, erst­mals auf­führ­te. Cla­ra war eine gro­ße Vir­tuo­sin, aber nicht von ober­fläch­li­cher Natur. Ihre Kunst stand im Dienst des Aus­drucks, das ist an der Beschaf­fen­heit ihres Wer­kes klar zu erken­nen. Sie ließ sich aber auch ger­ne von den Wer­ken ihrer Zeit­ge­nos­sen inspi­rie­ren, die sie „in den Fin­gern hat­te“, wie zum Bei­spiel Cho­pin. Die­se gegen­sei­ti­ge Inspi­ra­ti­on ist ja bei allen Kom­po­nis­ten zu fin­den. Es ist immer sehr erqui­ckend, auf die Suche nach Par­al­le­len zu gehen …

Das Schwe­ben im Was­ser bedeu­tet für mich Leich­tig­keit, Trans­pa­renz, Gren­zen­lo­sig­keit und Gleich­ge­wicht“

… wie zwischen den Geschwistern Mendelssohn.

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Bei Fan­ny und Felix merkt man ganz klar, dass Fan­ny mit ihrem avant­gar­dis­ti­schen Kom­po­si­ti­ons­stil und ihrem Wesen Felix sehr geprägt und ange­spornt hat. Der Werk­be­griff „Lied ohne Wor­te“ wur­de übri­gens von Fan­ny erfun­den. Und Hei­ne beschrieb sie bei einem sei­ner Besu­che im Hau­se der Men­dels­sohns als ein strah­len­des „ganz und gar lied­haf­tes Wesen“. Auch wenn Felix sich in der Öffent­lich­keit nie dafür ein­setz­te, dass sei­ne Schwes­ter als bedeu­ten­de Musi­ke­rin wahr­ge­nom­men wur­de, war er ihr größ­ter Bewun­de­rer und gab ihr oft sei­ne Wer­ke zur Kom­plet­tie­rung, auch wenn dann man­che ihrer Wer­ke gar unter sei­nem Namen ver­öf­fent­licht wur­den. Letzt­lich eine inni­ge Lie­be und inspi­rie­ren­de Kraft.

Nietzsche fand übrigens, dass Schumann von „kleinem Geschmack“ war und einen „gefährlichen (sehr deutschen) Hang zur stillen Lyrik und Trunkenboldigkeit des Gefühls“ hatte. Und deshalb „nur noch ein deutsches Ereignis“, aber kein europäisches wie Beethoven mehr wurde.

Da ant­wor­te ich mit einem Zitat Gus­tav Mah­lers, das ich in einem Essay von Peter Gül­ke gefun­den habe: „Unter dem gan­zen Hee­re der Nach­be­ter, die sich bis heu­te nicht ent­blö­den, Schu­mann von oben her­ab zu behan­deln und zu belä­cheln, hat Wag­ners Irr­tum und hef­ti­ge Par­tei­lich­keit bedau­er­li­chen Scha­den ange­rich­tet“.

Der Flü­gel war für mich immer mein bes­ter Freund. Er, die­ser gro­ße schwar­ze, ele­gan­te Pan­ther und ich fan­den instink­tiv den Weg zuein­an­der“

Zurück zu Ihnen. Sie wuchsen in der Nähe von München auf.

Ja. Mei­ne Mut­ter ist Inter­nis­tin, mein Vater Pro­fes­sor für ita­lie­ni­sche Lite­ra­tur. Sie lie­ben Musik sehr. Mit ihrem ers­ten Ver­dienst schenk­te mei­ne Mut­ter mei­nem Vater ein Kla­vier in der Hoff­nung, er begin­ne wie­der zu spie­len. Mein Vater am Kla­vier … Die­ses Bild gehört zu mei­ner Kind­heit.

Entschieden Sie sich deshalb, Pianistin zu werden?

Der Flü­gel war für mich immer mein bes­ter Freund. Er, die­ser gro­ße schwar­ze, ele­gan­te Pan­ther und ich fan­den instink­tiv den Weg zuein­an­der. Mit acht Jah­ren nahm ich an einem Wett­be­werb teil. Für das Fina­le im Her­ku­les­saal durf­te ich an einem gro­ßen Stein­way-D-Flü­gel spie­len. Ich konn­te das Instru­ment kaum über­bli­cken, kam gera­de mal so an das Pedal. Ich spiel­te den zwei­ten Satz aus der F-Dur Mozart­so­na­te KV 280. Da gibt es eine Stel­le, an der zum ver­min­der­ten Akkord oben ein Des erklingt. Für mich der gol­de­ne Ton. Am klei­nen Kla­vier zu Hau­se klang er ganz nett, aber dort wur­de er zum gol­de­nen Trop­fen. Plötz­lich umgab mich ein war­mes Gefühl, weil ich spür­te, ich kann rich­tig for­men! Und einen Ton erklin­gen las­sen, so wie ich ihn mir vor­stell­te! Das war mein Schlüs­sel­mo­ment.

Unvergesslich sind auch die Begegnungen mit Martha Argerich.

Klar! Als Kind hat­te ich sie im Radio gehört, spä­ter kauf­te ich ihre Auf­nah­men und ging in ihre Kon­zer­te. Eines fand im Gas­teig statt. Ich woll­te unbe­dingt hin­ter die Büh­ne und schaff­te es auch. Sie lächel­te mich an, viel­leicht weil ich sehr zurück­hal­tend war und mich nicht auf­dräng­te. Als ich 18 war, traf ich sie wie­der. Wir ver­brach­ten die Som­mer­fe­ri­en in Pie­tra­san­ta, dem Geburts­ort mei­nes Vaters, und erfuh­ren, dass sie ein Kon­zert geben wür­de.
Ich tat alles, um ihr vor­zu­spie­len. Sie erin­ner­te sich an mich, hör­te mich an, und ihre gro­ße Begeis­te­rung war der Anbe­ginn einer inni­gen Freund­schaft und der Rit­ter­schlag, den ich brauch­te, um die­sen Beruf mit Mut, Selbst­ver­trau­en und einem Glanz in den Augen voll­ends ein­zu­schla­gen. Bei mir daheim in Mün­chen gibt’s dann mit ihr Pas­ta und Musik – ein­fach, direkt und ohne Äußer­lich­kei­ten.

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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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