Der Ring am Staatstheater in Oldenburg – kann das überhaupt gut gehen? Ja, wenn man die ­Perspektive verändert! Ein Plädoyer für mehr Wagnisse an unseren Stadttheatern.

Wag­ner wür­de wahr­schein­lich toben. Was hat er sich gefreut, als das Dresd­ner Barock­thea­ter in den Revo­lu­ti­ons­wir­ren einem Brand zum Opfer fiel. End­lich schien der Weg für ein neu­es Haus frei – so groß, dass sei­ne gigan­ti­schen Opern Platz hät­ten: Pau­ken und Har­fen, Hör­ner und gigan­ti­sche Strei­cher­grup­pen! Ein Haus, das er spä­ter dann wirk­lich bau­te: das Bay­reu­ther Fest­spiel­haus, eine Archi­tek­tur, so bom­bas­tisch wie Wag­ners Wahn­sinns­wer­ke.

Bis heu­te ist die Musik Wag­ners über­bor­dend und sprengt, allein schon von den Aus­ma­ßen der Par­ti­tur, so manch deut­sches Stadt­thea­ter. Gleich­sam gibt es kaum ein span­nen­de­res Pro­jekt für ein Ensem­ble, für Sän­ger, Chor und Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor, als eine Oper von Wag­ner auf die Bret­ter (und sei­en sie auch noch so klein) zu brin­gen. Tris­tan, Meis­ter­sin­ger, Par­si­fal und vor allem der Ring garan­tie­ren Musik am Limit. An gro­ßen Häu­sern wie Mün­chen, Stutt­gart, Ham­burg oder Ber­lin geht es in der Regel dar­um, eine ech­te Alter­na­ti­ve zu Bay­reuth zu sein: ein Wett­kampf um die bes­ten Sän­ger, die krea­tivs­ten Regie­kon­zep­te, um Scoups und öffent­li­che Auf­merk­sam­keit. Die Auf­füh­run­gen gro­ßer Wag­ner-Opern, beson­ders mit Mega­stars wie Jonas Kauf­mann und Büh­nen­bild­ex­pe­ri­men­ten wie denen von Georg Bas­elitz, sind in Wahr­heit viel­leicht nichts ande­res als lang­wei­li­ge Effekt­ha­sche­rei, aber sie garan­tie­ren, dass das inter­na­tio­na­le Feuil­le­ton anreist. Eine Zeit lang schien Bay­reuth tat­säch­lich nicht mehr das Maß aller Wag­ner-Din­ge zu sein. Aber inzwi­schen wur­de auch hier wie­der auf­ge­rüs­tet: Kon­kur­renz belebt das Wal­hall-Geschäft.

Kon­kur­renz belebt das Wal­hall-Geschäft“

Von den klei­nen Häu­sern hat sich die Opern­kri­tik – egal was sie sich ein­fal­len las­sen – schon lan­ge zurück­ge­zo­gen. Sel­ten, dass die FAZ oder die Süd­deut­sche wie einst über Pre­mie­ren in Mag­de­burg, Hal­le, Essen, Nürn­berg oder Olden­burg berich­ten. Hier muss schon etwas Beson­de­res auf das Pro­gramm gehievt wer­den. Etwas, das grö­ßer ist als das, was ein klei­nes, von öffent­li­chen Spar­zwän­gen gebeu­tel­tes Haus eigent­lich leis­ten kann. In der Regel wird dann Wag­ner gespielt. Mit durch­aus lan­ger Tra­di­ti­on: Legen­där war der Ring in Stutt­gart, insze­niert von vier unter­schied­li­chen Regis­seu­ren. Oder der von Chris­ti­ne Mie­litz in Mei­nin­gen, 2001, der zum ers­ten gro­ßen Durch­bruch für Kirill Petren­ko und für Sän­ge­rin­nen wie Lisa Gas­te­en wur­de. „Wag­nis Wag­ner“ nann­te Mie­litz damals ihr Pro­jekt, den Ring an vier auf­ein­an­der­fol­gen­den Tagen auf­zu­füh­ren – zum ers­ten Mal seit der Eröff­nung der Bay­reu­ther Fest­spie­le im Jah­re 1876. Im vol­len Bewusst­sein, mit ihrem Vor­ha­ben an das Mach­ba­re eines Opern­hau­ses von der Grö­ße Mei­nin­gens zu sto­ßen.

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Ich habe neu­lich eine Reper­toire­auf­füh­rung des Sieg­fried in Olden­burg besucht. Auch hier wird der­zeit am Ring geschmie­det. Ganz gro­ße Oper am ganz klei­nen Haus – kann das gut gehen? Das Thea­ter in Olden­burg ist das kleins­te Staats­thea­ter Deutsch­lands. Es wur­de 1833 gebaut und beher­bergt – umge­ben von gol­de­nem Stuck – 540 Sitz- und 43 Steh­plät­ze (von denen eini­ge für das Wag­ner-Orches­ter, das auch in den Logen sitzt, weg­fal­len). Aber Gene­ral­inten­dant Chris­ti­an Firm­bach und Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Hen­drik Vest­mann waren wild ent­schlos­sen, ihren eige­nen Ring zu schmie­den.

Nun ist es leicht zu sagen: Lasst es lie­ber! Zu groß. Zu kom­plex. Zu viel Selbst­ver­wirk­li­chung! Tat­säch­lich wur­de in der Auf­füh­rung des Sieg­fried ziem­lich schnell klar, wie sehr das Haus, die Tech­nik und das Ensem­ble am Limit ope­rie­ren. Dass Inten­dant Firm­bach gleich zu Beginn auf die Büh­ne tre­ten muss­te, um dem Publi­kum char­mant zu erklä­ren, dass der Mime, Timo­thy Oli­ver, erkrankt sei, die Rol­le nur spie­len und Dan Karl­ström aus Leip­zig ein­sprin­gen wür­de, kann auch an gro­ßen Häu­sern pas­sie­ren. Auch dass die Vor­stel­lung nach den ers­ten Wor­ten Mimes abge­bro­chen wer­den muss­te, weil die Com­pu­ter­tech­nik der Dreh­büh­ne ihren Geist auf­ge­ge­ben hat, ken­nen wir aus Bay­reuth – das ist Thea­ter! Wie es dazu kom­men konn­te, dass die Sprech­an­la­ge aus den Gar­de­ro­ben „Hier eine Zeit­an­sa­ge, es ist 17:45 Uhr“ in vol­ler Laut­stär­ke in den Publi­kums­saal über­tra­gen wur­de, weiß der Teu­fel. Aber all das sind Thea­ter-Wid­rig­kei­ten, die pas­sie­ren kön­nen. Und, ja, das sind per­fek­te Momen­te für ein Stadt­thea­ter wie Olden­burg, das sou­ve­rän bewei­sen konn­te, dass hier, so nahe am Publi­kum, nur ein Gebot gilt: „Der Lap­pen muss sich (wie­der) heben!“ Und das tat er dann auch.

Gro­ße Oper an klei­nen Häu­sern ist eine unglaub­li­che Chan­ce“

Natür­lich ist in den fünf Sieg­fried-Opern­stun­den immer auch zu beob­ach­ten, dass der Ring die Kapa­zi­tä­ten eines klei­nen Hau­ses schier spren­gen kann. Wobei das Olden­bur­ger Ensem­ble nie die Gren­ze zur Kata­stro­phe über­schrei­tet, wohl aber zuwei­len an deren Rand tanzt. Man hör­te, dass Hen­drik Vest­mann alle Mühe hat, sein Ensem­ble zusam­men­zu­hal­ten und weit­ge­hend unbe­scha­det und gemein­sam durch die Par­ti­tur zu kom­men. Was auch gelang, an eini­gen Stel­len durch­aus mit eige­nen Gedan­ken und span­nen­der Les­art, wenn der gro­ße Rausch der Liebes­szene zwi­schen Brünn­hil­de und Sieg­fried durch­fun­kelt, wenn der Zuhö­rer spürt: Hier hat­te man genü­gend Pro­be­zei­ten –über ande­re wur­de eher mit rhyth­mi­scher Mono­to­nie hin­weg­ge­schum­melt.

Gro­ße Oper an klei­nen Häu­sern ist aber auch eine unglaub­li­che Chan­ce, beson­ders, wenn Inten­dant und Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor noch an das gute alte Stadt­thea­ter glau­ben und die Ham­mer­par­ti­en nicht nur mit Sän­gern beset­zen, die sie für die Auf­füh­rung schnell ans Haus impor­tie­ren. Eines die­ser Ensem­ble­mit­glie­der in Olden­burg ist der unga­ri­sche Tenor Zol­tán Nyá­ri. Er hat auch an gro­ßen Häu­sern wie der Sem­per­oper gesun­gen, gehört nun aber zum fes­ten Ensem­ble in Olden­burg. Er legt sei­nen Sieg­fried beein­dru­ckend klug an, sodass ihm im letz­ten Auf­zug noch immer Atem, Stim­me, Lega­to und Höhe blei­ben, um ein Gän­se­haut-Fina­le zu stem­men. Sicher, auf dem Weg dort­hin schont er sich zuwei­len, auch ihm fehlt (wie dem Orches­ter) zuwei­len die Kon­zen­tra­ti­on, jede Nuan­ce aus­zu­kos­ten, man­ches wird im Stak­ka­to durch­ge­rat­tert, aber man schaut Nyá­ri gern zu, spürt, dass da noch viel Poten­zi­al ist, dass die­ses Debüt ein Anfang sein könn­te für das gro­ße Wag­ner-Fach an gro­ßen Häu­sern. Und am Ende besteht das Aben­teu­er Stadt­thea­ter ja auch dar­in, das Mor­gen im Heu­te zu hören.

Das Olden­bur­ger Ensem­ble singt zum gro­ßen Teil auf glei­chem Niveau wie die Gäs­te“

Das gilt auch für die Brünn­hil­de von Nan­cy Weiß­bach. Sie sang bereits in Mei­nin­gen unter Kirill Petren­ko und fiel beson­ders bei den Wag­ner-Fest­spie­len in Erl auf. Nun ist sie dabei, ihre Stimm­zo­ne im dra­ma­ti­schen Fach aus­zu­deh­nen. Ihre Stim­me ist fast schon zu groß für das klei­ne Olden­bur­gi­sche Thea­ter, aber ihr Volu­men (auch hier wür­de man sich zuwei­len etwas mehr Lyrik, mehr Lega­to, mehr Schmelz wün­schen) steckt ihre Kol­le­gen an. Nächs­tes Jahr wird Weiß­bach die Brünn­hil­de in der Kass­ler Wal­kü­re sin­gen. Für Sän­ger wie die­se saß Wolf­gang Wag­ner einst in jedem Pro­vinz­haus, das Wag­ner spiel­te, um neue Stim­men zu ent­de­cken.

Dem Ensem­ble­mit­glied Kihun Yoon als Albe­rich hört man die Freu­de an, end­lich ein­mal dra­ma­tisch auf­dre­hen zu kön­nen, Schau­spie­le­rei mit Gesang zu ver­men­gen und die Wän­de des klei­nen Opern­hau­ses beben zu las­sen. Sooye­on Lee hat in Olden­burg eher Rol­len wie die Gil­da in Rigo­let­to, die Kon­stan­ze aus der Ent­füh­rung oder in der Regi­ments­toch­ter gespielt – und es gehört zum Stad­thea­ter, auch Rol­len zu über­neh­men, die der eige­nen Stim­me viel­leicht nicht ganz lie­gen, so wie ihr Wald­vo­gel, in des­sen spie­le­ri­schem Tiri­lie­ren bei ihr immer noch die Sehn­sucht nach einer gro­ßen Arie zu spü­ren ist.

Mit ande­ren Wor­ten: Das Olden­bur­ger Ensem­ble singt zum gro­ßen Teil auf glei­chem Niveau wie die Gäs­te, etwa der ame­ri­ka­ni­sche Bari­ton Tho­mas Hall, der als sou­ve­rä­ner Wan­de­rer einen groß­ar­ti­gen Spa­gat zwi­schen wag­ner­haf­tem Schau­spiel und voka­ler Beflis­sen­heit hin­legt, Mar­ta Świ­der­s­ka als Erda, die eigent­lich an der Ham­bur­gi­schen Staats­oper zu Hau­se ist und der in Olden­burg das melan­cho­lisch träu­me­risch Ver­füh­re­ri­sche der Erda zuwei­len etwas abgeht, oder der Ein­sprin­ger Dan Karl­ström, der sich als Mime von der Sei­ten­büh­ne anfäng­lich noch zurück­hält, dann aber immer mehr in den Sog des Gesche­hens und des Ensem­bles gerät.

Die ganz gro­ße Oper an einem klei­nen Haus ist eine wun­der­ba­re Abwechs­lung vom Reper­toire­all­tag“

Was wirk­lich ent­täuscht an einem Abend der gro­ßen Oper am klei­nen Haus ist, dass Regis­seur Paul Ester­házy und Büh­nen­bild­ner Mathis Neid­hardt eine zutiefst bie­de­re Insze­nie­rung im Sti­le von Otto Schenk auf die Büh­ne stel­len und ihr Ensem­ble gleich­zei­tig durch eine sich per­ma­nent krei­sen­de Dreh­büh­ne mit unend­lich vie­len Türen trei­ben, sodass selbst in den gro­ßen Sze­nen, in denen man sowohl den Sän­gern als auch dem Publi­kum Ruhe gön­nen wür­de, die Kon­zen­tra­ti­on aller durch absur­de Auf- und Abtrit­te und end­lo­se Gän­ge gefähr­det. War­um, ver­dammt, müs­sen Sieg­fried und Brünn­hil­de in der gro­ßen Begeg­nungs­sze­ne immer wie­der in ande­re Zim­mer ver­schwin­den, war­um muss Wotan dau­ernd irgend­wel­che Töl­pel von irgend­wel­chen Bän­ken trei­ben, statt ein­fach mal inne­re Mono­lo­ge zu füh­ren? War­um muss der Wald­vo­gel als altes Müt­ter­chen dau­ernd einen Piep­matz im Käfig über die Sze­ne tra­gen, statt sich mit vol­lem Ein­satz um Sieg­fried zu küm­mern?

Sze­nisch wird das wun­der­bar grö­ßen­wahn­sin­ni­ge Olden­bur­ger Haus dann eben doch plötz­lich ganz klein und unmu­tig: Die Insze­nie­rung will bewusst immer schön sein, mit fal­len­dem Laub und Büh­nen­qualm bis zum Umfal­len. All das wäre gar nicht nötig gewe­sen. Sieg­fried als aus­ge­ruh­tes und dra­ma­ti­sches Kam­mer­spiel ohne Ablen­kung wäre voll­kom­men genug, das Ensem­ble hät­te mehr Ruhe durch­aus getra­gen. Ja, mehr noch: So war ­andau­ernd zu sehen, dass Regis­seur Ester­házy sei­ne Sän­ger mit gänz­lich unnüt­zen Gän­gen immer wie­der vom Wesent­li­chen abge­lenkt hat.

Und den­noch: Die ganz gro­ße Oper an einem klei­nen Haus ist eine wun­der­ba­re Abwechs­lung vom Reper­toire­all­tag. Für das Orches­ter, die Sän­ger – und das Publi­kum! Im Foy­er des Olden­bur­gi­schen Staats­thea­ters plau­der­ten vie­le jun­ge Besu­cher über die­sen Mara­thon­abend. Olden­burg hat ihnen eine Mög­lich­keit gebo­ten, Wag­ners Grö­ßen­wahn am eige­nen Lei­be zu erfah­ren. Einen thea­tra­len Aus­nah­me­zu­stand, bei dem jeder weiß: Eigent­lich ist das Wahn­sinn, was wir hier machen – aber wir machen es trotz­dem. Umso wich­ti­ger wäre es gewe­sen, auch in Regie­fra­gen viel­leicht etwas muti­ger zu agie­ren. Mag sein, dass Richard Wag­ner sich all das für sei­ne Opern ganz anders vor­ge­stellt hat. Ande­rer­seits: Er woll­te mit sei­nen Opern alle Men­schen errei­chen. Und das geht nur, wenn die Stadt­thea­ter so mutig sind wie das in Olden­burg und ein­fach mal das Unmög­li­che mög­lich machen. Im Wis­sen, dass ein Ring kein Nor­mal­zu­stand, son­dern der Aus­nah­me­zu­stand eines Stadt­thea­ters ist. Wenn man nicht Per­fek­ti­on anstrebt, aber Ver­trau­en in das eige­ne Ensem­ble setzt, in das Publi­kum und in die Musik an sich.

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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