Was geschieht mit Lehárs Paga­ni­ni-Schla­ger „Gern hab’ ich die Frau’n geküsst, hab’ nie gefragt, ob es gestat­tet ist; dach­te mir: nimm sie dir…“? Darf Jonas Kauf­mann die­ses Lied auf sei­ner neu­en Ope­ret­ten­plat­te noch sin­gen? Oder was wird aus dem Her­zog von Man­tua in Ver­dis Rigo­let­to, der die min­der­jäh­ri­ge Gil­da durch Täu­schung ver­führt und dies sin­gend zele­briert? Wei­te­re Bei­spie­le sind bei Bedarf vor­han­den.

»Die moralische Integrität oder Unbescholtenheit
des Arbeit nehmenden Künstlers kann kein Kriterium sein
zum Einhalten oder Auflösen eines Vertrages.«

Der Bari­ton gewor­de­ne alte Tenor wur­de welt­weit „ver­bo­ten“. Er sagt zu sei­ner Ver­tei­di­gung, dass in sei­ner glo­rio­sen Zeit „ande­re Stan­dards gegol­ten haben“ und so man­ches als nor­mal erach­tet wor­den sei, was heu­te für Auf­re­gung sor­ge. Er ver­ste­he die heu­ti­ge Welt nicht mehr. Die unauf­ge­reg­te Nor­ma­li­tät sagt klar und unmiss­ver­ständ­lich, dass abge­schlos­se­ne und unter­schrie­be­ne Thea­ter­ver­trä­ge sowohl vom Arbeit­ge­ber, als auch vom Arbeit­neh­mer zu respek­tie­ren sei­en. Die mora­li­sche Inte­gri­tät oder Unbe­schol­ten­heit des Arbeit neh­men­den Künst­lers kann kein Kri­te­ri­um sein zum Ein­hal­ten oder Auf­lö­sen eines Ver­tra­ges, höchs­tens dazu, die­sen nicht abzu­schlie­ßen, aus wel­chem Grund auch immer. Ist jedoch ein aus­üben­der Künst­ler gleich­zei­tig Arbeit­ge­ber als Lei­ter eines künst­le­ri­schen Insti­tu­tes und nützt sei­ne Stel­lung zur Erlan­gung eines per­sön­li­chen Vor­teils aus, kann und soll­te der Betref­fen­de von sei­ner füh­ren­den Macht­po­si­ti­on ent­fernt wer­den.

Auch Berühmt­heit kann eine Macht­po­si­ti­on bedeu­ten. Und wird eine sol­che Zele­bri­tät im Betrieb zum Unru­he­stif­ter, kann man sie zum Schutz der ande­ren Beschäf­tig­ten ent­fer­nen. Das alles soll­te für jeden klar und selbst­ver­ständ­lich sein und bedarf kei­ner Dis­kus­si­on. Die Anschul­di­gun­gen ent­stan­den doch nur, weil der einst dank sei­ner künst­le­ri­schen Leis­tung zu Recht beju­bel­te und gelieb­te Sän­ger heu­te gleich­zei­tig Arbeit­ge­ber und ‑neh­mer ist. Dies war immer äußerst dis­ku­ta­bel und soll­te ver­mie­den wer­den, heu­te viel­leicht mehr als ges­tern. Aber das ist auch wirk­lich alles, was man dazu sagen kann.

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1 Kommentar

  1. Nun, sol­che Aus­re­den mit „Stan­dards, die frü­her ande­re gewe­sen sei­en“ und er „ver­stün­de die Welt nicht mehr“ sind eben nix ande­res als bil­li­ge Aus­re­den. Auch in den 70er Jah­ren woll­ten Frau­en nicht beläs­tigt, bedrängt, unge­stat­tet geküsst wer­den (auch zu Lehars Zei­ten nicht), nur waren Inten­dan­ten und ande­re Ver­ant­wort­li­che, und sind es lei­der bis zum heu­ti­gen Tage nicht, nicht dazu bereit, einer Frau auch nur Gehör zu schen­ken. Wei­nen­de Frau­en hin­ter der Büh­ne sind kei­ne Sel­ten­heit (gewe­sen) und dies kam nicht nur davon, dass sie gra­de schlecht gesun­gen hat­ten oder der Regis­seur sie zusam­men­ge­staucht hat. Sän­ger wie Dom­in­go, Pro­fes­so­ren wie Mau­ser, Diri­gen­ten wie Levi­ne, Inten­dan­ten wie Kuhn sind nicht nur über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen, wie es uns ger­ne vor­ge­be­tet wird. War­um ver­ur­teilt man Pries­ter nicht nur medi­al auf das Schärfs­te (mit Recht) und wirft alle unsor­tiert in einen Topf (mit Unrecht), hin­ge­gen „bekann­te und all­seits belieb­te“ Künst­ler fein raus sind, weil ja Stan­dards ande­re gewe­sen sei­en? Fra­ge: Wür­de Dom­in­go heu­te, als gefei­er­ter jun­ger Tenor, wirk­lich anders agie­ren? Oder ist sein „Ich bin der Größ­te, wer nicht für mich ist, ist gegen mich und bekommt kei­nen Fuß mehr auf die Erde“ nicht doch weit wahr­schein­li­cher?
    Ich lobe mir alle die Kol­le­gen, mit denen ich arbei­ten durf­te und darf, die auch vor 30/40 Jah­ren schon wuss­ten, was sich gehört – selbst die mit welt­um­span­nen­den Eros.

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