Ein Kaffee mit Heino FerchFrüher habe ich Bundesliga geturnt und Don Giovanni gesungen!“

Heino Ferch
Foto: Agentur

Heino Ferch (*1963) ist ein in Bremerhaven geborener Schauspieler. Berühmt wurde er durch Kinofilme wie Comedian Harmonists, Der Untergang oder Vincent will Meer.

crescendo: Herr Ferch, haben Sie schon einmal eine Opernarie ­gesungen?

Heino Ferch: Viele! Don Giovanni und Sarastro und solches Zeug. Was halt zu meiner Stimmlage passte, Bariton bis Bassbariton.

Das klingt ja fast nach einem Plan b zu Ihrer Schauspiel­karriere.

Ich habe am Mozarteum in Salzburg Schauspiel studiert. Bei der Opernklasse habe ich einfach aus Spaß mitgemacht. In den drei Jahren dort war ich von morgens um acht bis nachts um zwölf in der Hochschule. Wir wollten alles mitnehmen, was geht. Das war eine ganz tolle Zeit.

Don Giovanni, Die Zauberflöte – Mozart würde man nicht als Ersten mit Ihnen in Verbindung bringen. Eher amerikanische Unterhaltungsmusik wie in Ihrem berühmten Film Comedian Harmonists.

Das haben wir natürlich mit der Opernklasse auch gemacht. Wir sind getingelt mit Annie Get Your Gun, ich habe den Riff aus der West Side Story gesungen. Und Chansons. Für mich als Norddeutschen war Salzburg ein veritabler Kulturschock. In dem Sommer, in dem ich am Mozarteum aufgenommen wurde, habe ich zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen gespielt und gemerkt: Das ist aber toll, das ist aber geil, Salzburg. Man atmet wirklich Musik.

Bei den Festspielen waren Sie bei Un re in ascolto von Berio dabei, das ist nicht gerade Unterhaltungsmusik.

Das war hardcore Zwölfton.

Froh, dass Sie nicht singen mussten?

Und wie! Da war ich als Artist.

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Ich habe Bundesliga geturnt, bis ich auf die Hochschule gegangen bin“

Was heißt das, haben Sie jongliert?

Nö, ich war Kunstturner. Ich habe Bundesliga geturnt, bis ich auf die Hochschule gegangen bin.

Wie sind Sie überhaupt zur Kunst gekommen?

Als ich 15 war, hat ein Regisseur am Theater in Bremerhaven für das Musical Can Can von Cole Porter Jungs gebraucht, die durch die Luft fliegen, die Flicflacs machen und Mädels stemmen und sich nicht auf die Schnauze legen dabei. Und dann hieß es, wir haben hier einen Verein, die sind sehr gut, die haben vielleicht ein paar, die Lust haben.

Wann war der Moment, in dem das Theater Sie infiziert hat?

Das weiß ich noch genau. Bei der Premiere von Can Can. Wie der Lappen aufging. Wir haben das Stück dann 50-mal gespielt, und als es abgespielt war, waren alle krank. Nicht weil sie sich so verausgabt hatten. Sondern weil sie Kummer hatten, ob’s das jetzt war.

Was haben denn Ihre Eltern zu diesem Fieber gesagt?

Die haben sich gefreut, dass ich von der Straße war! Ich war sowieso von der Straße, weil ich jeden Tag drei Stunden in der Turnhalle verbracht und Sport gemacht habe. Die Schule ist bissl zu kurz gekommen in der Zeit, das ging gerade so knirsch und Kante. Aber mein Vater, der Seefahrer war, hat gesagt, wenn der Junge was macht, was ihm Spaß macht, bin ich heilfroh.

Klassisches amerikanisches Musical liebe ich sehr“

Es ging also weiter nach Can Can?

Bis zum Abi habe ich ungefähr 20 Produktionen mitgemacht. Als Cascadeur, Akrobat, mal ein paar Sätze gesagt, Tür auf, Tür zu, bisschen gesungen, im Weißen Rössl gesteppt und vom Sprungbrett in den Wolfgangsee gesprungen, das heißt, in die Weichschaummatten hinter der Kulisse.

Diese Zeit der Comedian Harmonists, von Bernstein und Porter, ist das ein Stil, den Sie auch persönlich mögen?

Klassisches amerikanisches Musical liebe ich sehr. Das habe ich als Jugendlicher unheimlich viel geschmettert. Ein Sonntag mit Fred Astaire, Ginger Rogers und Gene Kelly, das waren so Lieblingsnachmittage.

Zu Hause bei Regen?

Ja, und auch bei Sonnenschein.

Und heute, legen Sie etwas auf und zelebrieren es?

Selten.

Sind Sie Spotifyer?

Ich bin Spotifyer, aber ich wähle auch bewusst aus. Aktuelles und Klassik. Ein Requiem oder eine Ouvertüre oder eine Opernszene, was weiß ich.

Sind Sie ein musikalischer Allesfresser?

Ich bin emotionaler Allesfresser. Musik geht für mich sehr stark mit Stimmung und Tagesform einher. Ich mag mir nichts vornehmen – außer dass man zu Weihnachten ein bisschen mehr Jingle Bells hört als sonst oder Last Christmas oder was die Kinder hören und lieben – aber ansonsten höre ich Musik komplett nach Gefühl.

Ich bin emotionaler Allesfresser“

Kommt es vor, dass Sie ein Stück hören und sofort wissen, das habe ich in diesem oder jenem wichtigen Moment gehört?

Das ist ein emotionales Gedächtnis, das sofort mitarbeitet. In meinem ersten Semester Schauspielstudium kam Amadeus von Miloš Forman ins Kino. Der Film hat mich unglaublich beeindruckt. Da ist diese wunderbare Szene, wo Constanze mit den Handschriften von Mozart zu Salieri kommt …

… das ist die mit den Venusbrüstchen!

Eigentlich bittet sie um einen Job für ihren Mann. Salieri, also ­
F. Murray Abraham, schlägt die Mappe auf, und während er liest, hört man dieses Potpourri an Sequenzen und sieht und fühlt, wie er verzweifelt: was für ein Genie!

Nicht eine Note darf man ändern.

Nicht eine! Verrückterweise habe ich die Szene gerade gestern gegoogelt, um sie Freunden vorzuspielen. Das ist eine der Gänsehautszenen überhaupt im guten alten 80er-Jahre-Kino.

Wenn Sie als Sänger oder Musiker einen Wunsch frei hätten, was würden Sie gerne mal tun?

Dirigieren.

Dirigieren! Was denn?

Also so genau habe ich mir das noch nicht überlegt – aber ich finde es einen faszinierenden Beruf.

Und ohne zu überlegen?

Na dann: Mozart-Requiem.

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