Willkommen zur neuen Klassik-Woche

die­ses Mal mit som­mer­li­chen Gefüh­len: Wir rei­sen zur Hen­ze-Vil­la nach Ita­li­en, stel­len uns Chris­ti­an Thie­le­mann allein zu Haus vor und geden­ken dem gro­ßen Joao Gil­ber­to.

WAS IST

Glück­li­che Zei­ten: Gemein­sam mit Hans Wer­ner Hen­ze in sei­ner Vil­la La Lepra­ra, die nun unter den Ham­mer kommt. (Foto: pri­vat)

HENZES VILLA UNTER DEM HAMMER

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Es war eines der denk­wür­digs­ten Inter­views, die ich je füh­ren durf­te: Hans Wer­ner Hen­ze hat­te mich (ich war als Stu­dent noch für das Opern­glas tätig) in sei­ne Vil­la La Lepra­ra in Mari­no bei Rom ein­ge­la­den. Früh am Mor­gen weck­te er mich in mei­nem Hotel am Tele­fon und frag­te: „Haben Sie eine Bade­ho­se dabei?“ Als ich – noch im Halb­schlaf – ver­nein­te, ant­wor­te­te er: „Umso bes­ser, Sie kön­nen auch so bei mir schwim­men.“ Einen gan­zen Tag lang habe ich mit Hen­ze und sei­nem Lebens­part­ner Faus­to Moro­ni ver­bracht: Auf dem Feder­ball-Feld, auf der Veran­da – ein Gespräch über die Ver­fol­gung durch die Nazis, den Kom­mu­nis­mus in Kuba, über Inge­borg Bach­mann, den Ham­bur­ger Medu­sa-Skan­dal und den Tod. Natür­lich hat Hen­ze auch über die gro­ßen Fes­te geschwärmt, die er auf La Lepra­ra aus­ge­rich­tet hat. Nun läuft der Count­down: Das Anwe­sen steht zum Ver­kauf – bis Ende des Jah­res soll es unter den Ham­mer. In der NZZ regt Mar­co Frei an, dass der Bund in der Pflicht sei, an die­sem Ort, an dem so viel Krea­ti­ves ent­stan­den sei, eine Art Vil­la Mas­si­mo ein­zu­rich­ten.

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NIKE WAGNER VERLÄSST BONN

In die­sem News­let­ter war sie immer wie­der The­ma: Ihr Umgang mit dem ver­ur­teil­ten Sieg­fried Mau­ser, ihr Umgang mit pri­va­ten Mails des Kom­po­nis­ten Moritz Eggert – aber auch, dass es Nike Wag­ner nur sel­ten gelun­gen ist, beim Beet­ho­ven­fest in Bonn Publi­kums­nä­he auf­zu­bau­en. Nun hat sie beschlos­sen, ihre Inten­danz nach 2020 auf­zu­ge­ben. Zunächst hör­ten sich ihre Wor­te mode­rat an, doch in einem BR-Klas­sik-Inter­view leg­te sie nach. Sie erklär­te, dass das Bon­ner Publi­kum zu kon­ser­va­tiv für ihre Plä­ne wäre, dass Expe­ri­men­te in der Stadt nicht gewünscht sei­en und dass das Fes­ti­val nach ihr sicher­lich „rech­ter“ wer­de – was auch immer das bedeu­ten mag. Fakt ist: Wag­ners quer­ge­dach­te Pro­gram­me hat­ten es schwer beim Publi­kum. Die Erfolgs­zah­len ihrer (ganz und gar nicht anbie­dern­den) Vor­gän­ge­rin Ilo­na Schmiel konn­te Wag­ner nicht hal­ten. Im Gegen­teil: Sie spiel­te ein finan­zi­el­les Defi­zit von 650 000 Euro ein. Das mag auch an ihrer Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on gele­gen haben. Doch davon will die Inten­dan­tin nichts wis­sen: Schuld sind die ande­ren – vor allen Din­gen: das doo­fe Publi­kum und die Stadt Bonn.

CHRISTIAN ALLEIN ZU HAUS

Ziem­lich poin­tiert hat Manu­el Brug den Wech­sel von Musik­ma­na­ger Jan Nast auf Twit­ter kom­men­tiert. Nast wird die Säch­si­sche Staats­ka­pel­le Dres­den im Okto­ber in Rich­tung Wie­ner Sym­pho­ni­ker ver­las­sen. Brug schrieb: „Was wie ein klei­ner Abstieg aus­sieht, bedeu­tet in Wahr­heit: ein bes­se­res und freu­di­ge­res Leben ohne Chris­ti­an Thie­le­mann.“ In einer Pres­se­mit­tei­lung beju­bel­te Nast bereits die Publi­kums­nä­he der Sym­pho­ni­ker und will sie als emo­tio­na­les und inter­na­tio­nal erfolg­rei­ches Orches­ter sowohl vor Ort als auch auf Tour­ne­en wei­ter­ent­wi­ckeln. Die Vor­ar­beit dafür hat sein Vor­gän­ger bereits erle­digt: Johan­nes Neu­bert hat die oft auf­ge­bläh­ten Musi­ker-Ver­trä­ge neu gestal­tet und das Orches­ter ver­schlankt – dafür muss­te er am Ende gehen. Ihn zieht es nun zur Radio­phil­har­mo­nie nach Paris – kein leich­ter Job. Nicht unwahr­schein­lich, dass Neu­bert sich in den Hin­tern beißt, Nasts Posi­ti­on in Dres­den hät­te der gebür­ti­ge Jena­er sicher­lich gern gehabt. Wer Nast zukünf­tig in Dres­den erset­zen wird, liegt im Gut­dün­ken von Chris­ti­an Thie­le­mann. Der kämpft aller­dings gera­de an zahl­rei­chen ande­ren Fron­ten: Sein Streit mit Niko­laus Bach­ler bei den Salz­bur­ger Oster­fest­spie­len scheint ver­här­tet, und auch der Rück­halt des Orches­ters scheint zu wan­ken. Anders kann man die Pres­se­mit­tei­lung der Musi­ker nicht ver­ste­hen, die Nast trä­nen­reich nach­wei­nen. Für den Dresd­ner Jour­na­lis­ten Mar­tin Mor­gen­stern steht Thie­le­mann wie ein wei­ßer Ele­fant im Raum, über den nie­mand zu spre­chen wagt. Dabei waren unter sei­ner Lei­tung in den letz­ten Jah­ren und Mona­ten zahl­rei­che Abgän­ge zu ver­zeich­nen: „Jan Nasts lang­jäh­ri­ge Assis­ten­tin Agnes Mon­re­al war bereits 2016 nach Schles­wig-Hol­stein gewech­selt, die Orches­ter­ma­na­ge­rin Eli­sa­beth Roeder von Diers­burg wech­sel­te vor kur­zem zu Baren­bo­im an die Ber­li­ner Staats­oper. Der lang­jäh­ri­ge Orches­ter­dra­ma­turg Tobi­as Nie­der­schlag und der Lei­ter der Kom­mu­ni­ka­ti­on, Mat­thi­as Clau­di, haben schließ­lich die Staats­ka­pel­le letz­tes Jahr ver­las­sen.“ Manu­el Brug fasst all das in einem Satz zusam­men: „Chris­ti­an allein zu Haus.“ Das wie­der­um erin­nert ein biss­chen an den Anfang der Ver­wer­fun­gen in Ber­lin und spä­ter in Mün­chen.     

DRAMATURG RECHNET MIT OPERNBETRIEB AB

Der Chef­dra­ma­turg der Frank­fur­ter Oper, Nor­bert Abels, ver­lässt das Haus. In der FAZ hat er Micha­el Hier­hol­zer ein sehr lesens­wer­tes Inter­view gege­ben, in dem er mit dem Betrieb abrech­net. Eine Pflicht­lek­tü­re für alle, die an einem Opern­haus beschäf­tigt sind: „‚Die gän­gi­ge Denk­fi­gur ist immer, dass Häu­ser mit den Lei­tern, den Inten­dan­ten iden­ti­fi­ziert wer­den‘, sagt Abels. ‚Wir haben noch ein Den­ken wie aus der Zeit der Duo­dez­fürs­ten­tü­mer.‘ In den sel­tens­ten Fäl­len wer­de zur Kennt­nis genom­men, dass eine Gesamt­leis­tung sehr vie­ler Men­schen hin­ter dem Erfolg eines Opern­hau­ses ste­he.“ 

WAS WAR

Wird auch die­ses Jahr Bay­reuth wie­der besu­chen: Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel. Wird sie dann auch Vla­di­mir Putin begeg­nen?

GIPFELTREFFEN IN BAYREUTH?

Diri­gent Vale­ry Ger­giev hat um eini­ge Kar­ten für sei­ne Bay­reuth-Pre­mie­re am 25. Juli mit Richard Wag­ners Tann­häu­ser gebe­ten. An wen er sie wei­ter­gibt, weiß nie­mand! Nicht aus­ge­schlos­sen, dass Wla­di­mir Putin (ein Freund Ger­gievs) spon­tan Inter­es­se am Grü­nen Hügel bekun­den könn­te und auf­taucht. Dann könn­te Ange­la Mer­kels jähr­li­che Musik-Aus­zeit sich schnell in einen diplo­ma­ti­schen Draht­seil­akt ver­wan­deln. Die Kanz­le­rin hat sich näm­lich auch die­ses Jahr wie­der ange­mel­det, gefolgt von Gesund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters und Digi­tal-Staats­mi­nis­te­rin Doro­thee Bär. Die Pre­mie­re in der Regie von Tobi­as Krat­zer wird wie immer im Kino über­tra­gen – und ich freue mich, wenn wir uns dort wie­der­se­hen. 

STUDIE ZU PUBLIKUMSZAHLEN

Man könn­te die Besu­cher­zahl um 75 Pro­zent stei­gern“, sag­te der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Mar­tin Trönd­le im Deutsch­land­funk. Opern- und Kon­zert­häu­ser lit­ten nicht unter Geld- oder Zeit­man­gel der poten­zi­el­len Besu­cher, son­dern eine Stu­die zei­ge, dass die Nähe zur Kul­tur im Eltern­haus und die Mög­lich­keit, im Freun­des­kreis über die Ver­an­stal­tun­gen zu reden, wich­tig sei­en. Beson­ders rele­vant sei der Begriff der Nähe, betont Trönd­le. Wenn Kon­zert­be­su­cher Nähe erfah­ren, durch das Eltern­haus, die Schu­le oder die eige­ne Bil­dung, wür­den sie auch öfter kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen besu­chen. 

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PERSONALIEN DER WOCHE

Die geor­gi­sche Mez­zo­so­pra­nis­tin Ani­ta Rach­ve­lish­vi­li hat bekannt gege­ben, dass sie nicht mehr in Russ­land auf­tre­ten wer­de. Die rus­si­sche klas­si­sche Musik sei eine der schöns­te der Welt, schrieb sie, aber sie wer­de auf Grund der Poli­tik in Russ­land nicht mehr auf­tre­ten. Wegen des Dik­ta­tors Wla­di­mir Putin und weil Wla­di­mir Putin unser Volk tötet und unser Land stiehlt!“ +++ Der Gene­ral­inten­dant des Meck­len­bur­gi­schen Staats­thea­ters hat die Nase voll. Lars Tiet­je erklär­te in einer Pres­se­mit­tei­lung: „Mit Kul­tur­mi­nis­te­rin Bet­ti­na Mar­tin habe ich mich (…) mehr­fach (…) aus­ge­tauscht. (…) Ich habe den Ein­druck gewon­nen, dass ich nicht das hun­dert­pro­zen­ti­ge Ver­trau­en aller Gesell­schaf­ter habe.“ +++ Die West­deut­sche Zei­tung hat den Diri­gen­ten Axel Kober zu des­sen 10-jäh­ri­gem Jubi­lä­um in Düs­sel­dorf por­trä­tiert – lesens­wert. +++ Ein letz­ter Scoop für den schei­den­den Sca­la-Inten­dan­ten Alex­an­der Perei­ra: Woo­dy Allen wird in Mai­land Puc­ci­nis Gian­ni Schic­chi insze­nie­ren. +++ Die Schwei­zer Regis­seu­rin Bar­ba­ra Frey wird neue Inten­dan­tin der Ruhr­tri­en­na­le. +++ Der Pia­nist Radu Lupu hat bekannt gege­ben, dass er nach die­ser Sai­son vom Kon­zert­po­di­um zurück­tre­ten wird. +++ In einem gro­ßen Arti­kel im Stan­dard nimmt Lju­bi­sa Tosic das aktu­el­le Inten­dan­ten­ka­rus­sell in Euro­pa unter die Lupe und fragt nach den Chan­cen für Sté­pha­ne Lissner, Domi­ni­que Mey­er oder Ste­fan Her­heim. +++ Der Schwei­zer Kom­po­nist Urs Ring­ger ist gestor­ben – Peter Hag­mann ruft dem Kol­le­gen in der NZZ nach

AUF UNSEREN BÜHNEN

Der Fana­tis­mus der Alli­anz aus Pöbel und Adel fes­tigt die Macht der Obrig­keit“ – die­ses Mot­to stell­te Chris­ti­an Schmidt vom Tages­spie­gel über Peter Kon­wit­sch­nys Insze­nie­rung der Huge­not­ten in Dres­den. Ein gelun­ge­ner Abend, befand der Kri­ti­ker. +++ Mit Pau­ken und Trom­pe­ten wur­den die ers­ten Fest­spie­le in Erl ohne Gus­tav Kuhn ein­ge­läu­tet. In der Tiro­ler Zei­tung schwärmt Diri­gen­tin Audrey Saint-Gil über die Neu­erfin­dung des Ortes, die neu­en Gesich­ter und ihre Aida-Pro­duk­ti­on. +++ Joa­chim Lan­ge fei­ert in der Deut­schen Büh­ne die Pre­mie­re des von Romeo Castel­luc­ci sze­nisch ein­ge­rich­te­ten Mozart-Requi­ems unter Raphaël Pichon in Aix-en-Pro­vence: „Zum Schluss rich­tet sich der Büh­nen­bo­den effekt­voll ganz lang­sam zu einer Tabu­la rasa auf und lässt all den Unrat, den die Men­schen dort zurück­ge­las­sen haben, nach unten rut­schen.“ +++ Begeis­tert war der Kri­ti­ker der New York Times von der Idee des Regis­seurs Chris­to­phe Hono­ré, sei­ne Tos­ca in Aix-en-Pro­vence mit der Arie Vis­si d’arte, gesun­gen von Vete­ran-Sopran Cathe­ri­ne Mal­fi­ta­no, begin­nen zu las­sen. Der Film­re­gis­seur hät­te eine Oper in Sze­ne gesetzt, die auf jeden Fall eines ver­mei­den will: Lan­ge­wei­le. +++ Die Staats­oper Ber­lin nennt es „Digi­tal­stra­te­gie“ – gemeint ist: BMW zahlt einen Hau­fen Geld für eini­ge Back­stage-Vide­os von Dani­el Baren­bo­ims Opern­haus. Mein Kom­men­tar dazu hier. +++  

WAS LOHNT

Ein his­to­ri­sches Paar: Die Affä­re der Pia­nis­ten Nico Kauf­mann und Vla­di­mir Horo­witz dient Lea Sin­ger als Grund­la­ge für einen neu­en Roman.

Um ehr­lich zu sein, weiß ich nicht, ob sich die­ses Buch wirk­lich lohnt, da ich es noch nicht gele­sen habe. Aber ich kann es mir durch­aus als unter­halt­sa­me Som­mer­lek­tü­re vor­stel­len. Eva Gesi­ne Baur, mit der ich unter ande­rem einen Film über Mozarts Zau­ber­flö­te gedreht habe, hat unter ihrem lite­ra­ri­schen Pseud­onym Lea Sin­ger den Roman Der Kla­vier­schü­ler vor­ge­legt. Dabei hat sie sich an der his­to­risch wah­ren Geschich­te um Nico Kauf­mann, der bei Vla­di­mir Horo­witz Kla­vier­un­ter­richt nahm und zum Lieb­ha­ber des Pia­nis­ten wur­de, ori­en­tiert. Paul Jandl jubelt in der NZZ: „Lea Sin­gers Der Kla­vier­schü­ler ist ein Buch, das mit empa­thi­scher Hin­ga­be von Musik und Tod erzählt. Von Berühm­ten und weni­ger Berühm­ten. Was in der Höl­le von Depres­sio­nen beginnt, führt all­mäh­lich in die lich­ten Höhen gros­ser Geis­ter.“ Ich packe das Buch auf jeden Fall als Urlaubs­lek­tü­re ein.  

Ach so, natür­lich – dazu wer­de ich mir som­mer­li­chen Bos­sa-Nova auf­le­gen und João Gil­ber­tos geden­ken, der mit 88 Jah­ren gestor­ben ist.

Genie­ßen Sie die Leich­tig­keit des Som­mers, und hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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