Celviano Grand Hybrid-Piano Was können die neuen „Flügelzwitter“?

In Berlin war das Celviano Grand Hybrid-Piano von Casio erstmals in einem Sinfoniekonzert zu hören.

Auf einem ech­ten Kon­zert­flü­gel zu spie­len, bleibt für Ama­teur­pia­nis­ten meist ein uner­füll­ter Traum. Für das Geld kriegt man locker einen Mit­tel­klas­se­wa­gen. Die Woh­nung ist zu klein. Und dann sind da noch die Nach­barn, die ihre Ruhe haben wol­len. Für sol­che Fäl­le hat der japa­ni­sche Elek­tronik­rie­se Casio ein gemein­sam mit C. Bech­stein ent­wi­ckel­tes Hybrid-Digi­tal­pia­no zu bie­ten. Einem akus­ti­schen Flü­gel soll es in Klang, Hap­tik und Spiel­erleb­nis täu­schend nahe kom­men. Kann ein sol­ches Instru­ment, das mit einer Ham­mer­me­cha­nik, aber ohne Sai­ten aus­ge­stat­tet ist, die­sen hohen Ansprü­chen tat­säch­lich gerecht wer­den? Selbst Pro­fis wie der bri­ti­sche Pia­nist Ben­ja­min Gros­ve­nor zei­gen sich bereits von der Qua­li­tät über­zeugt. Im Kam­mer­mu­sik­saal der Ber­li­ner Phil­har­mo­nie hat Casio sein Vor­zei­ge­instru­ment jetzt einem Pra­xis­test vor Publi­kum unter­zo­gen.

Zum ers­ten Mal, so ver­spra­chen es die Ver­an­stal­ter, kam das Hybrid-Pia­no hier bei einem Sin­fo­nie­kon­zert zum Ein­satz. Der japa­ni­sche Pia­nist Haru­ka Kuroi­wa spiel­te mit der Neu­en Preu­ßi­schen Phil­har­mo­nie unter Lei­tung von Tho­mas Hen­nig Mozarts Kla­vier­kon­zert Nr. 23 in A-Dur zunächst auf einem ori­gi­na­len Bech­stein-Kon­zert­flü­gel. Den drit­ten Satz wie­der­hol­te er dann auf dem Cel­via­no-Pia­no. Das Ergeb­nis dürf­te sogar Skep­ti­ker posi­tiv über­rascht haben. Vor allem in höhe­ren Lagen schafft es Cel­via­no, mit einem beson­ders kla­ren und bril­lan­ten Klang zu punk­ten. Im zwei­ten Pro­gramm­teil war das Pia­no in eine Auf­füh­rung von Mah­lers Lied von der Erde in der Kam­mer­mu­sik­fas­sung von Arnold Schön­berg inte­griert. Als Gesangs­so­lis­ten waren die Mez­zo­so­pra­nis­tin Gun­du­la Hintz und der Tenor Vin­cent Wolfs­tei­ner zu erle­ben.

Vor dem Kon­zert demons­trier­te die ita­lie­ni­sche Pia­nis­tin Ire­ne Vene­zia­no in der schall­ar­men Akus­tik des Foy­ers die Fines­sen des Instru­ments. Des­sen Tas­ta­tur besteht wie bei einem Bech­stein-Flü­gel aus Fich­ten­holz. Die Töne wer­den jedoch elek­tro­nisch erzeugt. Mit Hil­fe eines akus­ti­schen Simu­la­tors wird die Reso­nanz der Sai­ten und des gesam­ten Klang­kör­pers eines Flü­gels repro­du­ziert. Wie bei einem tra­di­tio­nel­len Kla­vier kann der Spie­ler den Klang durch ein Dämp­fer­pe­dal ver­än­dern. Sechs ein­ge­bau­te Laut­spre­cher sol­len einen mög­lichst authen­ti­schen Flü­gel-Sound erzeu­gen. Vene­zia­no zeig­te auch, wie mit dem so genann­ten „Hall Simu­la­tor“ die Akus­tik bekann­ter Spiel­stät­ten nach­ge­schaf­fen wer­den kann. Von den vor­ge­stell­ten Bei­spie­len „Ber­lin Grand“, „Ham­burg Grand“ und „Vien­na Grand“ konn­te ins­be­son­de­re die Wie­ner Vari­an­te durch einen war­men, ästhe­ti­schen anspre­chen­den Klang über­zeu­gen.

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Ohne Fra­ge kann und soll selbst ein Hybrid-Pia­no mit einer so aus­ge­feil­ten Tech­nik kei­nen her­kömm­li­chen Kon­zert­flü­gel erset­zen. Für den Haus­ge­brauch bie­tet es jedoch Vor­tei­le. So kann der Pia­nist theo­re­tisch auch nachts üben, weil er das Instru­ment stumm­schal­ten und sein Spiel über Kopf­hö­rer kon­trol­lie­ren kann. Durch die Funk­ti­on „Con­cert Play“ hat er zudem die Mög­lich­keit, sein Kön­nen als Solist in Kla­vier­kon­zer­ten zu erpro­ben. Zu aus­ge­wähl­ten Wer­ken lässt sich die voll­stän­di­ge Orches­ter­be­glei­tung zuschal­ten. Bei der schwarz polier­ten Cel­via­no-Luxus­aus­füh­rung GP-500BP kann der Klang außer­dem spe­zi­ell auf Kla­vier­stü­cke eines bestimm­ten Kom­po­nis­ten ein­ge­stellt wer­den. Selbst der ambi­tio­nier­tes­te Anfän­ger wird aber auf dem Cel­via­no nicht aus dem Stand ein Mozart-Kon­zert spie­len kön­nen. Im bes­ten Fall kann die Moti­va­ti­on zum Üben gestärkt wer­den. Preis­lich bewe­gen sich die Grand Hybrid-Model­le, die nicht gewar­tet und gestimmt wer­den müs­sen, in etwa auf dem Niveau akus­ti­scher Kla­vie­re im Ein­stei­ger­be­reich.

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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