Ian Bostridge Lieder in Zeiten des Krieges

Seit Jahren beschäftigt sich der britische Tenor Ian Bostridge mit den beiden Weltkriegen und der Musik, die in jenen Zeiten entstand. Nun erscheint sein Album mit Liedern zu dem Thema.

Ian Bos­tridge ist der abso­lu­te Gegen­ent­wurf zum Typus des mit Schmelz und Schmalz auf­trump­fen­den Gon­do­lie­ren-Tenors. Der hage­re 54-Jäh­ri­ge ist der Inbe­griff des intel­lek­tu­el­len Sän­gers, der nichts dem Zufall über­lässt. Er ist umfang­reich gebil­det, hoch­re­flek­tiert und hat nicht nur eine Gesangs­aus­bil­dung absol­viert, son­dern auch Phi­lo­so­phie und Geschich­te in Oxford und Cam­bridge stu­diert. Gemein­sam mit dem Bas­sis­ten Mat­thi­as Goer­ne Ben­ja­min stand er an der Ber­li­ner Staats­oper Unter den Lin­den mit Brit­tens War Requi­em auf der Büh­ne, am Pult stand Bos­tridges lang­jäh­ri­ger musi­ka­li­scher Gefähr­te, Sir Anto­nio Pap­pa­no, der auch als Pia­nist auf sei­nem neu­en Welt­kriegs­lie­der-Album mit­wirk­te. Auf­fal­lend freund­lich, offen und unprä­ten­ti­ös ist die­ser Künst­ler, der, hat er ein­mal ange­fan­gen zu erzäh­len, spru­delt wie ein uner­schöpf­li­cher Quell.

crescendo: Herr Bostridge, was war die Idee zu einem Album, das sich um den Ersten Weltkrieg dreht?

Ian Bos­tridge: Ursprüng­lich hat­te ich eigent­lich geplant, zu die­ser The­ma­tik ein Buch zu ver­öf­fent­li­chen. Wäh­rend eines Kon­zerts von Ben­ja­min Brit­tens War Requi­em in Mont­re­al wur­de mir plötz­lich klar, dass es mei­ne 74. Auf­füh­rung die­ses Werks war. Und so dach­te ich, ich soll­te viel­leicht über etwas schrei­ben, das einen Bezug zum War Requi­em mit­bringt.
Ich konn­te dafür die Lie­der aus mei­nem Reper­toire ver­wen­den, ­die eine Ver­bin­dung zum Ers­ten Welt­krieg haben und eine Art intel­lek­tu­el­les Nar­ra­tiv kre­ieren. Zum Bei­spiel mit drei Lie­dern von Gus­tav Mah­ler aus dem Zyklus Des Kna­ben Wun­der­horn begin­nen und die Ursprün­ge der Wun­der­horn-Lie­der anschau­en – eini­ge kamen aus dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, ande­re aus den Napo­leo­ni­schen Krie­gen. Es stell­te sich dann die Fra­ge, in wel­cher Gesell­schaft Mah­ler auf­wuchs, er hör­te ja die gan­ze Zeit Mili­tär­mu­sik. War Öster­reich eine beson­ders mili­ta­ri­sier­te Gesell­schaft? Und wie war Mah­lers Hal­tung gegen­über dem Krieg?

Damit wäre die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg abgedeckt.

Genau. Dann hat­te ich auch Lie­der von zwei Kom­po­nis­ten gesun­gen, die in die­sem Krieg auf bei­den Sei­ten getö­tet wur­den. Der Eng­län­der Geor­ge But­ter­worth fiel in der Schlacht an der Som­me und der deut­sche Kom­po­nist Rudi Ste­phan in Gali­zi­en an der Ost­front. Zwar haben Ste­phans Lie­der nicht direkt mit dem Krieg zu tun, sie ent­stan­den jedoch in den Kriegs­jah­ren 1913/14. Es sind sind unge­mein inter­es­san­te Wer­ke mit einem unver­wech­sel­ba­ren Ton – und Ste­phan ver­sucht hier nicht, einen ande­ren Kom­po­nis­ten zu imi­tie­ren.
Die But­ter­worth-Lie­der hin­ge­gen sind enger mit dem The­ma Krieg ver­knüpft. Die Gedich­te, auf denen sie basie­ren, sind der berühm­ten Samm­lung „A Shropshire Lad“ des eng­li­schen Dich­ters A. E. Hous­man ent­nom­men. Sie wur­den in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts sehr häu­fig von eng­li­schen Kom­po­nis­ten ver­tont. Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs nah­men vie­le Sol­da­ten die­se Gedicht­samm­lung mit in den Schüt­zen­gra­ben, um wäh­rend des Bom­bar­de­ments etwas Ablen­kung zu haben.

Ich habe ein gro­ßes Inter­es­se an Wis­sen­schafts­ge­schich­te und der Ent­wick­lung der Ratio­na­li­tät“

Wie ist denn die Verbindung von Kurt Weills Four Walt ­Whitman Songs zum Krieg?

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Da ist es etwas kom­pli­zier­ter. Den Rah­men bil­det hier das Leben des Dich­ters Walt Whit­man, der im ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg als frei­wil­li­ger Sani­täts­hel­fer in Laza­ret­ten arbei­te­te und wäh­rend der 1860er-Jah­re eine Viel­zahl an Gedich­ten über den Krieg schrieb. Die­ser Bür­ger­krieg ist wahr­schein­lich der ers­te mecha­ni­sier­te Krieg über­haupt, denn er ist der ers­te Krieg, in dem Maschi­nen­ge­weh­re zum Ein­satz kamen. Weill kom­po­nier­te die Whit­man-Lie­der wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs. In ihnen zeigt sich teil­wei­se bereits ein ame­ri­ka­ni­scher Ton­fall, der auch die Musi­cals, die er in den 1940er-Jah­ren schrieb, kenn­zeich­net.

Sie selbst haben ja ebenfalls Geschichte studiert. Haben Sie sich im Rahmen Ihres Studiums auch mit den beiden Weltkriegen beschäftigt?

Nicht pro­fes­sio­nell. Die Ver­bin­dung zum Ers­ten Welt­krieg lief für mich in ers­ter Linie über mei­nen Bru­der Mark. Er ist Schrift­stel­ler und hat meh­re­re Bücher dar­über ver­fasst, etwa über das Jahr 1914 in Eng­land oder über die eng­li­sche Autorin Vera Brit­tain. Sie ver­öf­fent­lich­te 1933 ihre Memoi­ren über ihre Erfah­run­gen als Frau wäh­rend des Krie­ges und war in den 1940er-Jah­ren eine akti­ve Pazi­fis­tin.

Ihre Doktorarbeit haben Sie über Hexerei geschrieben. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Nun, ich habe ein gro­ßes Inter­es­se an Wis­sen­schafts­ge­schich­te und der Ent­wick­lung der Ratio­na­li­tät. Wäh­rend mei­ner Stu­di­en­zeit in Cam­bridge kam ich auf die Idee, eine Dok­tor­ar­beit über Hexe­rei zu schrei­ben und dar­in zu unter­su­chen, war­um gebil­de­te Men­schen um 1760 in Eng­land auf­hör­ten, dar­an zu glau­ben. Mei­ne Ant­wort war, dass die Leu­te nicht des­halb nicht mehr dar­an glaub­ten, weil sie plötz­lich die Ratio­na­li­tät für sich ent­deckt hat­ten, son­dern weil es poli­tisch pein­lich wur­de und unter reli­giö­sen Aspek­ten als nicht ganz rich­tig ange­se­hen wur­de.

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Mario Vogt
Mario-Felix Vogt wurde 1972 geboren und wuchs in Heidelberg auf. Er studierte in Düsseldorf und Essen Klavier, Bratsche und Musikwissenschaft und lebt seit 2016 in Berlin, wo er an seinem Schreibtisch über Texten brütet, die sich zumeist um spannende Musiker – am liebsten Pianisten – und ungewöhnliche Themen drehen. Außer für crescendo ist er als Autor für das Klaviermagazin PIANIST und die Berliner Morgenpost tätig.

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