So einfach ist das gar nicht, den Intendanten des Münchner Volkstheaters an die Strippe zu bekommen. Ende November steht die nächste Premiere an, und bis zu den nächsten Passionsspielen sind es auch nur noch anderthalb Jahre …

Herr Stückl, wobei störe ich Sie gerade?

Ich war gerade mitten in einem Gespräch mit meiner Dramaturgie. Ich bin zurzeit gut beschäftigt, denn ich stecke mitten in den Vorbereitungen zu Glaube Liebe Hoffnung von Ödön von Horváth.

Wird Ihre Inszenierung am Volkstheater sozusagen in die Gegenwart „übersetzt“? Im Original ist das Stück ja in der Weimarer Republik verortet.

Horváths Stücke haben immer Anklänge an die damalige Zeit. Bei Glaube Liebe Hoffnung ist das allerdings nicht so arg. Hier geht es wirklich um die Geschichte eines ­Mädels, das unter die Räder kommt. Man muss es ­also nicht in die heutige Zeit verlegen – man befindet sich ohnehin in einer ganz eigenen Welt.

Am 30. November ist Premiere. Liegen Sie gut in der Zeit?

Ja, schon. Allerdings muss ich mich im Moment als Intendant ein bisschen teilen. Wir haben vor Kurzem in Oberammergau die Darsteller für die nächsten Passionsspiele ausgewählt. Jetzt hock ich in den Proben, und außerdem bauen wir noch ein neues Volkstheater. Ich bin schon in der Zeit, aber es ist alles ziemlich eng …

„Ich würde mich zwischendurch gerne verstecken und einfach weg sein“

Das Volkstheater hat für diese Spielzeit das Thema „Superhelden“ ausgegeben. Hätten Sie in der Hinsicht gerne Superkräfte?

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Ich inszeniere wahnsinnig gerne. Bei den Proben fällt immer alles ab und ich bin zu 100 Prozent dabei. Viel schwieriger ist es hinterher. Wenn man aus der Probe kommt, weiß man schon: Im Büro wollen sie dich alle haben, und dann steht wieder dieses und jenes auf dem Terminplan. Manchmal hätte ich statt Superkräften lieber eine Tarnkappe. Ich würde mich zwischendurch gerne verstecken und einfach weg sein. Kraft habe ich schon viel …

Das Horváth-Stück hat mit Superhelden nichts zu tun, oder?

Eigentlich nicht, nein. In Glaube Liebe Hoffnung findet man keine Superhelden. Da findet man ziemlich unangenehme Menschen.

Hätte die Protagonistin Elisabeth einen ­Superhelden brauchen können?

Ja, schon, aber ich weiß nicht, ob man überall in unserem Leben auf Superhelden warten sollte. Manchmal geht das auch ein bisschen in die Hose. Es gibt ja Amerikaner, die sehen in diesem blondgeschopften Menschen einen Superhelden. Mit „Superheld“ muss man sehr, sehr aufpassen, was da herauskommt.

„Bei den Passionsspielen wirken fast 2.500 Personen mit“

Die nächsten Passionsspiele in Oberammergau sind 2020. Vermutlich ist das nur vordergründig viel Zeit, oder?

Bei den Passionsspielen wirken fast 2.500 Personen mit. 1.850 Erwachsene und 450 Kinder. Wir müssen für alle Kostüme machen, haben am Ende bis zu 2.800 Kostüme. Es entsteht ein ganz neues Bühnenbild, ich muss am Text arbeiten. Ich bin froh, dass es den Premierentermin gibt. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, würde ich sagen: Schafft man nie! Aber wir müssen es schaffen, denn am 16. Mai 2020 ist Premiere – und darauf ist alles fokussiert.

Bei den Passionsspielen wird ein Muslim eine wichtige Rolle übernehmen: Cengiz Görür spielt den Judas. Wird Ihnen diese Tatsache manchmal ein wenig zu hoch gehängt?

Das wird mir absolut zu hoch gehängt. Wir haben in Oberammergau relativ harte Regeln. Wenn man mitspielen will, muss man dort geboren sein oder mindestens seit 20 Jahren dort leben. Sehr integrativ ist das nicht. Cengiz ist 18, in Oberammergau geboren, und seine Familie lebt in dritter Generation dort. Ich kenne den Buben schon, seit er mit zehn Jahren an den Passionsspielen teilgenommen hat. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass er Moslem ist. Darüber nachzudenken, ist eine eigenartige Erscheinung unserer Zeit. Immer, wenn da jemand nicht den katholischen oder evangelischen Glauben hat, ist er entweder aus der Kirche ausgetreten – das interessiert aber keinen –, oder er ist Moslem. Und dann interessiert es komischerweise jeden. Heutzutage wird mit dem Islam immer dieser Abgrenzungspunkt gesucht. Den brauchen wir aber nicht!

Klaus Härtel
Als Klaus Härtel anno dazumal das Trompete-Spielen erlernte, dachte er nicht im Entferntesten daran, dass Musik einmal dem Broterwerb dienen könnte. Musik war in erster Linie zeitintensiver Zeitvertreib. Die aktive, geblasene Musik trat in den Hintergrund, die passiv gehörte nach dem Journalismus-Studium in den Vordergrund.

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