Der junge Finne Santtu-Matias Rouvali sieht aus wie ein Hipster, dabei liebt er das Leben auf dem Land und die Stille. Als Chefdirigent der Göteborger Symphoniker will er das komplette sinfonische Werk seines Landsmanns Sibelius aufnehmen. Mit der 1. Sinfonie hat er jetzt einen Anfang gemacht

Wenn er einen Arti­kel über sich selbst schrei­ben müss­te, dann wäre der ers­te Satz: „Ich bin Jäger und Fischer.“ Erst danach käme der Beruf als Diri­gent, sagt Sant­tu-Mati­as Rou­va­li. Er sitzt auf einem Leder­so­fa in einem Ham­bur­ger Hotel, dun­kel­ro­ter Swea­ter, schwar­zes T‑Shirt, läs­si­ge blon­de Locken. Er ist wahr­schein­lich der auf­re­gends­te jun­ge Diri­gent Finn­lands und wirkt dabei tiefen­ent­spannt. Als hät­te er mit dem Tru­bel um sei­ne Per­son am aller­we­nigs­ten zu tun. Er mag es unkom­pli­ziert. Kein Chi­chi, kei­ne Allü­ren. Er phi­lo­so­phiert nicht über Musik, benutzt kei­ne Bil­der, wird nicht zu emo­tio­nal.

Ich will, dass die Musi­ker mein Mind Map eines Stücks ver­ste­hen“

Da wun­dert es nicht, dass sich schon das ein oder ande­re Orches­ter frag­te: „Was macht der Skate­boar­der denn da vor­ne?“, wenn Rou­va­li mit der Par­ti­tur unterm Arm aufs Diri­gen­ten­pult zumar­schier­te. Auch als coo­ler aus­tra­li­scher Sur­fer­boy könn­te der 33-Jäh­ri­ge, der sei­ne musi­ka­li­sche Kar­rie­re einst als Per­kus­sio­nist begann, rein optisch locker durch­ge­hen – zumin­dest, bis er den Stab hebt. Denn musi­ka­lisch ist mit Rou­va­li nicht zu spa­ßen. Musi­ka­lisch hat er eine ganz kla­re Vor­stel­lung – er will, dass die Musi­ker, so beschreibt er es selbst, sein „Mind Map“ eines Stücks ver­ste­hen. Sein Spe­zi­al­ge­biet: Sibe­li­us.

x„Alle sagen, Sibe­li­us sei ein Natur­bur­sche gewe­sen – dabei war er ein Dan­dy und, ehr­lich gesagt, ein nicht sehr net­ter Mensch. Er konn­te ziem­lich grob sein und hat­te ein Pro­blem mit dem Alko­hol“, erklärt der Fin­ne. „Manch­mal gibt es in den Par­ti­tu­ren Gene­ral­pau­sen über vier Tak­te. Man mun­kelt, über die­sen Noten sei Sibe­li­us abends ein­ge­schla­fen, nach­dem er zu viel getrun­ken hat­te. Ihm ist der Kopf auf die Par­ti­tur gefal­len und am nächs­ten Mor­gen hat er dann aus­ge­schla­fen genau an der Stel­le wei­ter­kom­po­niert …“

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Wenn nun schon Jean Sibe­li­us aber kein Natur­bur­sche war, dann ist es Sant­tu-Mati­as Rou­va­li umso mehr. Nicht weit von dem Ört­chen, in dem der Kom­po­nist selbst leb­te, wohnt Rou­va­li auf einer Farm. Die Fel­der drum her­um hat er an ech­te Bau­ern ver­pach­tet, sagt er, aber ansons­ten genießt er alle Vor­tei­le des Land­le­bens. Vor allem die Stil­le. Und den Platz. „Ehr­lich gesagt, mag ich kei­ne Städ­te. Ich bin gern mal für einen Tag da, aber auch immer froh, wenn ich wie­der gehen kann.“ Dass ein Musi­ker wie er zu Hau­se nicht mal Laut­spre­cher hat, mag man kaum glau­ben. Aber Rou­va­li winkt ab: „Ich höre zu Hau­se ein­fach kei­ne Musik. Die meis­te Zeit ver­brin­ge ich in der Sau­na. Das ist so eine Holz­sau­na, das dau­ert ziem­lich lan­ge, bis man sie auf­ge­heizt hat. Wäh­rend­des­sen trin­ke ich ein paar Bier. Sau­nen ist ein Life­style.“

„Ich höre zu Hau­se kei­ne Musik. Die meis­te Zeit ver­brin­ge ich in der Sau­na“

Viel­leicht nimmt er sogar mal eine Par­ti­tur mit zum Auf­guss? Neue Stü­cke jeden­falls lernt er aus­schließ­lich mit Kla­vier und Noten. Er will sein eige­nes Ding machen. Das ist das, was ihn am Musik­ma­chen reizt: Er will über­ra­schen. „Ich mache, was ich will. Ich sche­re mich nicht um Tra­di­tio­nen.“ Des­we­gen tüf­telt er mit den Orches­tern an Klang­far­ben und beson­ders gern an den kom­ple­xen Rhyth­men in Sibe­li­us‘ Werk.

Seit 2017 ist Sant­tu-Mati­as Rou­va­li Chef­di­ri­gent der Göte­bor­ger Sym­pho­ni­ker. Eine span­nen­de Kom­bi­na­ti­on: der fin­ni­sche Wir­bel­wind als Kopf eines aus­ge­spro­chen tra­di­ti­ons­rei­chen Klang­kör­pers, der gera­de in der Sibe­li­us-Inter­pre­ta­ti­on jahr­zehn­te­lan­ge Erfah­rung vor­wei­sen kann. „Es ist span­nend, die­se Musik gemein­sam neu zu ent­de­cken. Das ist gar nicht so ein­fach, denn die Art, wie das Orches­ter Sibe­li­us spielt, ist tief ver­wur­zelt. Aber die Musi­ker wol­len mit­zie­hen: Das gro­ße Schiff dreht sich lang­sam, aber sicher in mei­ne Geschmacks­rich­tung.“ Rou­va­li lobt die Göte­bor­ger Kon­zert­hal­le, einen Bau aus den 1930ern, der für eine aus­ge­spro­chen gute Akus­tik bekannt ist – und in dem auch Sibe­li­us selbst schon am Pult stand. Dass Rou­va­li sei­ne Klang­vor­stel­lun­gen mit denen des Orches­ters zusam­men­brin­gen kann und will, bewei­sen er und die Göte­bor­ger jetzt in einer neu­en Auf­nah­merei­he: In den kom­men­den Jah­ren wol­len sie das kom­plet­te sin­fo­ni­sche Werk von Sibe­li­us auf CD auf­neh­men. Zu Beginn haben sie sich der 1. Sin­fo­nie gewid­met: einer Kom­po­si­ti­on voll poli­ti­scher Zwi­schen­tö­ne, mit Natur­mo­ti­ven und mit viel fin­ni­schem Kolo­rit. Auch unab­hän­gig von der Ver­bin­dung zu sei­nem Hei­mat­land ist die 1. Sin­fo­nie für den fin­ni­schen Maes­tro ein Her­zens­stück: „Ich mag die­se Sin­fo­nie am liebs­ten. Sibe­li­us war selbst noch ein jun­ger Kerl, als er sie geschrie­ben hat. Er hat in die­sem Stück wahn­sin­nig viel aus­pro­biert – und natür­lich hat nichts davon so rich­tig funk­tio­niert. Und doch sieht man schon vie­le The­men, die einem in spä­te­ren Sin­fo­ni­en begeg­nen. Viel­leicht hat­te er das alles schon im Kopf.“ Dass die Skan­di­na­vi­er Sibe­li­us und sei­nem Werk in der Inter­pre­ta­ti­on instink­tiv näher­stün­den, sei ganz natür­lich.

„Ich sche­re mich nicht um Tra­di­tio­nen“

Genau des­we­gen fin­det Sant­tu-Mati­as Rou­va­li es span­nend, Sibe­li­us auf ver­schie­de­nen Kon­zert­po­di­en in ganz Euro­pa und auch in Ame­ri­ka oder Asi­en zu spie­len: So kann er den Zuhö­rern und auch den Orches­tern zei­gen, wie Sibe­li­us aus nor­di­scher Per­spek­ti­ve klin­gen kann.

Das ist wahr­schein­lich Rou­va­lis größ­tes Dilem­ma: Er liebt es, ver­schie­de­ne Musi­ker und Men­schen mit die­sen Klän­gen zu kon­fron­tie­ren, aber er hasst das Rei­sen. „Wenn ich unter­wegs bin, mache ich nichts. Ich sit­ze und den­ke. Ich brau­che kei­nen Fern­se­her in den Hotels, ich schaue kei­ne Fil­me. Ich bin lang­wei­lig.“ Da muss man dem Fin­nen direkt wider­spre­chen. Musi­ka­lisch ist er alles ande­re als das, im Gegen­teil. Kürz­lich hat er bei den Münch­ner Phil­har­mo­ni­kern debü­tiert und beim Deut­schen Sym­pho­nie-Orches­ter Ber­lin. Auf ihn war­ten neben dem Sibe­li­us-Zyklus mit den Göte­bor­gern span­nen­de Pro­jek­te mit dem Tam­pe­re Phil­har­mo­nic Orches­tra nahe sei­ner Hei­mat in Finn­land, das er seit 2013 als Chef lei­tet. Und regel­mä­ßig ist er in Lon­don zu erle­ben, als Ers­ter Gast­di­ri­gent des Phil­har­mo­nia Orches­tra.

„Wenn ich unter­wegs bin, mache ich nichts. Ich sit­ze und den­ke“

Eine Gemein­sam­keit zwi­schen ihm und Jean Sibe­li­us, dem Kom­po­nis­ten, der ihn so fas­zi­niert, ver­rät Sant­tu-Mati­as Rou­va­li zum Schluss noch: „Wir ver­schwin­den bei­de manch­mal – und kei­ner weiß, wo wir sind.“ In den sozia­len Netz­wer­ken muss man den Diri­gen­ten jeden­falls nicht suchen. „Ich weiß nicht, wie Face­book funk­tio­niert, was soll ich da?“ Er sei eben der simp­le Typ. Jemand, der sich nicht in die Zukunft träu­me, son­dern sehr dank­bar und zufrie­den im Hier und Jetzt sei. Mit unkom­pli­zier­ten Men­schen um sich her­um und am liebs­ten mit bei­den Bei­nen fest auf dem Boden. Wahr­schein­lich also wird man Sant­tu-Mati­as Rou­va­li drau­ßen fin­den, auf sei­nen Fel­dern. Beim Jagen oder Fischen. Oder mit einem Bier in der Sau­na.

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Anna Novák
Als Redakteurin bei crescendo hat Anna Novák mit Placido Domingo Schokoriegel gegessen, mit Charlie Siem Handstand in Südfrankreich gemacht und mit Philippe Jaroussky über Gesang gefachsimpelt. Am meisten vermisst die Musikwissenschaftlerin an dem Job aber bis heute: den Geruch des frisch gedruckten Magazins. Weil sie als Sängerin schon immer fasziniert war vom Element Stimme, wechselte Anna Novák 2013 zum Radio: mit Station über den Bayerischen Rundfunk ging's 2016 zurück in den geliebten hohen Norden, wo sie die Hörer als Moderatorin bei NDR Kultur mit unterhaltsamen Klassik-Anekdoten durch den Tag begleitet.

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