Die vene­zo­la­nisch-inter­na­tio­na­le Pia­nis­tin Gabrie­la Mon­te­ro (Foto oben: © Anders Bro­gaard) ist auf dem Weg vom Bar­ce­lo­na­er Flug­ha­fen nach Hau­se, als mein ver­ein­bar­ter Tele­fon­an­ruf sie erreicht. Sie parkt kur­zer­hand am Stra­ßen­rand.
CRESCENDO: Wir machen das so kurz und schmerz­los wie mög­lich, ver­spre­che ich.
Gabrie­la Mon­te­ro: Och, Inter­views sind eigent­lich meist recht schmerz­los. Nur wenn ich über spe­zi­fi­sche poli­ti­sche Aspek­te befragt wer­de, kann es manch­mal etwas schmerz­lich wer­den.
Weil die Situa­ti­on – vor allem in Ihrem Hei­mat­land – quä­lend ist?
Ja, lei­der. Wir den­ken oft über Poli­tik nach, als wäre es etwas, was uns nichts angeht und mit unse­rer glo­ba­len Gesell­schaft gar nichts zu tun hat. Tat­sa­che ist, dass Poli­tik in alle Aspek­te unse­res Seins hin­ein­spielt. Sie bestimmt, wie die Welt zusam­men­ge­fügt ist. Und die Situa-
tion ist schmerz­lich. Aber wir kön­nen auch nur über Musik reden. Das soll mir auch recht sein.
Das wird gar nicht so leicht – Ihre Kom­po­si­tio­nen sind per­sön­lich-poli­ti­sche Bekennt­nis­se. Kom­men wir doch gleich zu Ihrem Latin Con­cer­to. Es ist gera­de mit dem Ravel-Kon­zert her­aus­ge­kom­men und ist Ihr ers­tes Kla­vier­kon­zert, will man Ihr Opus 1, ExPa­tria, als etwas wie eine Rhaps­odie für Kla­vier und Orches­ter betrach­ten.
Ich wür­de ExPa­tria als Ton­dich­tung bezeich­nen … Ein gänz­lich poli­ti­sches State­ment in musi­ka­li­scher Form. Als ich über Jah­re kon­zer­tie­rend um die Welt reis­te, so vie­le ver­schie­de­ne Zuhö­rer ken­nen­lern­te und gleich­zei­tig bemerk­te, wie viel Unwis­sen über Vene­zue­la exis­tiert, wur­de mir bewusst, dass ich einen Weg fin­den muss, um zu kom­mu­ni­zie­ren, was in Vene­zue­la wirk­lich vor sich geht. Mit dem emo­tio­na­len Medi­um Musik konn­te ich die intel­lek­tu­el­le Dis­kus­si­on über Poli­tik umge­hen und direkt von dem mensch­li­chen Aspekt und Leid spre­chen.

Wenn ich komponiere, dann immer, weil ich eine Geschichte erzählen möchte: Wer bin ich – als Frau, als Musikerin, als Venezolanerin.“

 

Wenn Sie kom­po­nie­ren, was über­wiegt? Die Kom­po­nis­tin, die eine Aus­sa­ge tref­fen will? Oder die Pia­nis­tin, die das kom­po­niert, was sie spä­ter ger­ne selbst auf der Büh­ne spielt?
In ers­ter Linie sehe ich mich als Inter­pre­tin, weil ich Kom­mu­ni­ka­to­rin bin. Und kom­mu­ni­ziert habe ich schon immer über mei­ne vie­len Impro­vi­sa­tio­nen, aber auch über mein Spiel von Reper­toire­stü­cken. Wenn ich kom­po­nie­re, dann immer, weil ich eine Geschich­te erzäh­len möch­te: Wer bin ich – als Frau, als Musi­ke­rin, als Vene­zo­la­ne­rin –, und was den­ke ich über die aktu­el­len Ereig­nis­se, die sich so sehr auf mein Leben und mein Land aus­wir­ken? Es geht mir dann also nicht so sehr um den Aspekt der Dar­bie­tung, son­dern eher dar­um, Bot­schaf­te­rin zu sein und ein Doku­ment zu hin­ter­las­sen. Dar­über, was die Vene­zo­la­ner schon alles haben durch­ma­chen und durch­lei­den müs­sen. Könn­te ich Wor­te benut­zen, die genau­so wirk­sam sind, ich wür­de Wor­te wäh­len. Aber Musik ist so wir­kungs­voll in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, weil sie direkt zum Her­zen geht.

Es gibt zuhauf Schatten, die unsere Entwicklung und
unser
Wohlergehen gefährden.“ 

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So weit ExPa­tria. Was ich hin­ge­gen mit dem Latin Con­cer­to kom­mu­ni­zie­ren will, ist das: Ja, Süd­ame­ri­ka ist ein Kon­ti­nent, der bekannt ist für sei­ne Rhyth­men, sei­ne Bunt­heit, sei­nen Geist. Für sei­nen Humor, die Sinn­lich­keit sei­ner Län­der und Leu­te. Auch für eine Ein­stel­lung, die es irgend­wie immer schafft, allen Schwie­rig­kei­ten und Extre­men zu trot­zen. Das Kon­zert ist eine Refle­xi­on über die Tat­sa­che, dass das zwar alles irgend­wie zutrifft, aber dass Land und Kon­ti­nent noch so viel mehr sind. Ins­be­son­de­re auch, dass es da eine ganz beacht­li­che dunk­le Sei­te gibt. Klar kann man davon die Rhyth­men und Melo­di­en, die Sprit­zig­keit und Leucht­kraft mit­neh­men. Aber es gibt zuhauf Schat­ten, die unse­re Ent­wick­lung und unser Wohl­erge­hen gefähr­den. Die­se Bot­schaf­ten über die dunk­le­ren Sei­ten unse­rer Natur sind mit ein­ge­bet­tet.

Gabriela Montero: „Mein Ziel ist es, unter die Oberfläche
zu kommen, um wirklich herauszufinden,
was in diesen
Ländern los ist.“ (Foto: © Anders Brogaard)

Es gibt in der klas­si­schen Musik einen Topos des „latein­ame­ri­ka­ni­schen Klangs“ – bei dem süd­ame­ri­ka­ni­sche Leben­dig­keit schnell kippt und man meint, Spee­dy Gon­za­lez höchst­per­sön­lich wäre mit den Mara­cas davon­ge­lau­fen. Das pas­siert in Ihrem Kon­zert nicht – weil Sie auch die dunk­le­ren Sei­ten anspre­chen?
Ja, die Ten­denz zu einer Kari­ka­tur des Latein­ame­ri­ka­ni­schen gibt es lei­der. Die­se Idee, dass sich in Latein­ame­ri­ka alles um Spaß, Son­ne, Strand, Musik und Moji­tos dreht … So ist es nicht. Die Rea­li­tät ist weit­aus kom­ple­xer und grau­sa­mer als das, wor­über die Leu­te wirk­lich reden wol­len. Mein Ziel ist es, unter die Ober­flä­che zu kom­men, um wirk­lich her­aus­zu­fin­den, was in die­sen Län­dern los ist. Und natür­lich hat Musik ihre Gren­zen – sie kann sehr abs­trakt sein. Des­halb hal­te ich den Begleit­text zum Kon­zert für wich­tig. Man mag den Paja­ril­lo (ein typisch ven­zue­la­ni­scher Tanz, dem Joro­po ähn­lich) im drit­ten Satz hören und den­ken: „Oh, das ist wun­der­bar tanz­ba­re Musik.“ Aber das ist sie nicht wirk­lich. Es ist viel­mehr ein Ver­such, ein Por­trät mei­ner Kul­tur zu malen, mit allen Ecken und Kan­ten. Es ist wie ein vor­ge­hal­te­ner Spie­gel, durch den ein lan­ger Sprung geht. Man hört zwar den Mam­bo, aber man ahnt unter­schwel­lig die Belas­tun­gen … Und das sogar ziem­lich bru­tal.

Es geht mir darum, Fingerabdrücke zu hinterlassen:
Wie ich gelebt habe, was ich gesehen habe.“

 

Den­ken Sie schon an den Moment, in dem Ihr Kon­zert von jemand ande­rem auf­ge­führt wer­den wird?
Bis­her habe nur ich mei­ne Stü­cke gespielt. Aber es wird inter­es­sant wer­den, soll­te es dazu kom­men. Weil es doch irgend­wie wie bei einem eige­nen Kind ist: Man muss ler­nen los­zu­las­sen. Ich ver­mu­te, das wird am Anfang schwie­rig sein … Es ist ja auch ein biss­chen so, wie ich das Leben sehe: Ich erschaf­fe etwas, ich ent­wer­fe etwas – und dann gehe ich wei­ter. Ich suche kei­ne Unsterb­lich­keit, ich habe kein Inter­es­se dar­an, der Kom­po­nist mit dem größ­ten Port­fo­lio zu wer­den, ich habe kein Inter­es­se dar­an, der größ­te Name in irgend­et­was zu wer­den. Es geht mir dar­um, Fin­ger­ab­drü­cke zu hin­ter­las­sen: Wie ich gelebt habe, was ich gese­hen habe, was ich für wich­tig hal­te – und dar­über zu spre­chen. Gesprä­che anzu­sto­ßen, ja, zu pro­vo­zie­ren. Und dann blät­te­re ich um und mache wei­ter.
Sie woh­nen in Bar­ce­lo­na …
Na ja, eher mehr „über­all“. Aber mei­ne Gar­de­ro­be – zumin­dest ein Teil davon – ist in Bar­ce­lo­na, ja. 
… und davor haben Sie in Kali­for­ni­en gelebt: Ist es wich­tig, dass es, wo immer Sie leben, groß­ar­ti­gen Wein gibt?
Um ehr­lich zu sein, habe ich dar­über nie wirk­lich nach­ge­dacht. Ich glau­be, es sagt mir eigent­lich mehr über Sie.  Aber ich mag Was­ser – ich lebe auf jeden Fall ger­ne in der Nähe von Gewäs­sern. Und guten Flug­hä­fen. Und natür­lich guten Freun­den, das ist das Wich­tigs­te!

Mau­rice Ravel: „Kla­vier­kon­zert G‑Dur“,
Gabrie­la Mon­te­ro: Kla­vier­kon­zert Nr. 1 „Latin Con­cer­to“,
Gabrie­la Mon­te­ro (Orchid Clas­sics)
www.amazon.de

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen und Auf­tritts­ter­mi­ne: www.gabrielamontero.com

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Jens Laurson
Jens F. Laurson fand mit Bach, Haydn und Rheinberger-Messen (als Domspatz) zur klassischen Musik losgelassen und ist bekennender musikalischer „Allesfresser“. Eigentlich studierter Politologe, kam er über Tim Page und die Washington Post zum Musikjournalismus. Er kann „Gennadi Roschdestwenski” buchstabieren, ohne nachschlagen zu müssen.

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