Ein Anruf bei Pianist Igor Levit Genialer Musiker und kritischer Europäer

Der in Berlin lebende und in Russland geborene Pianist Igor Levit äußert sich via Twitter immer wieder politisch. Nichts weiter als erste Bürgerpflicht, meint er, und will nicht wieder ein Gespräch führen, in dem er darauf reduziert wird. Genauso gern spricht er nämlich über die Musik.

crescendo: Herr Levit, Sie engagieren sich unter anderem auf Twitter aktiv gegen rechts. Woher kommt dieses Bedürfnis nach politischer Artikulation?

Igor Levit: Das kommt so völlig unspektakulär daher, dass ich glaube, Sie und jeder andere Bürger haben genau die gleiche Verantwortung wie ich. Wir sind Staatsbürger, und ich habe in der Schule gelernt, dass das oberste Pflicht ist – nicht nur sein Kreuz zu machen und dann zu sagen, jetzt macht mal. Ich sehe, was um mich herum passiert und ich agiere dementsprechend. Mehr als das ist es auch nicht.

Aber es wird dadurch besonders, dass andere öffentliche Personen die Bühne nicht vergleichbar nutzen.

Die Bühne ist dafür kein exklusiver Ort. Aber an alle öffentlichen Personen gerichtet, die bis jetzt eine gewisse Form von Apathie an den Tag gelegt haben: Das haben sie sich die längste Zeit leisten können. Nicht positioniert zu sein und nicht klar zu agieren, kann man nur so lange, wie die Gesellschaft es einem erlaubt. Diese Zeit ist vorbei! Wer das jetzt noch nicht begriffen hat, der wird sehr bald eines Besseren belehrt werden.

„Nicht positioniert zu sein und nicht klar zu agieren, kann man nur so lange, wie die Gesellschaft es einem erlaubt“

In welchem Verhältnis sehen Sie Musik und Politik?

Das ist eine schwierige Frage. Musik kann sicherlich politisch sein. Aber letztendlich ist es nicht die Musik für sich, sondern immer das, was wir Menschen daraus machen. Nehmen Sie nur die Neunte Sinfonie von Beethoven – es gibt wohl kaum ein Stück, das zu so vielen verschiedenen Dingen missbraucht worden ist.

Sie treten für einen „linken Humanismus“ ein. Was genau verstehen Sie darunter?

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Dass ich es im Privaten ebenso wie in der Öffentlichkeit niemals akzeptieren werde, dass Menschen die Idee vertreten, es gäbe Menschen zweiter Klasse. Das fängt bei kleinen Witzen am Abendbrottisch an bis hin zur öffentlichen Abwertung.

Nach Ihrer Nationalität gefragt, war Ihre Antwort einmal „Europäer“. Wäre das heute immer noch dieselbe?

Fügen Sie das Wort „kritischer“ hinzu. Aber: ja.

„Wir müssen so lange kämpfen, bis wir wieder einfach nur lustig sein und entspannt über Musik und Kunst reden können“

Welche Rolle spielt in Ihrem Leben der Humor?

Eine riesengroße. Aber ich habe gerade keinen. Mir hat ein Kabarettistenfreund mal geschrieben: Wir müssen so lange kämpfen, bis wir wieder einfach nur lustig sein und entspannt über Musik und Kunst reden können.

Lassen Sie uns das jetzt versuchen, wenn auch zu einem sehr ernsten Thema. Sie haben Ihr neues Album Ihrem verstorbenen Freund Hannes Malte Mahler gewidmet und es „Life“ genannt. Was ist in den vergangenen zwei Jahren passiert?

Es ging um nichts anderes als um einen totalen Neuaufbau für mich. Sie müssen sich klarmachen: Hannes war nicht nur mein bester Freund. Er war außerhalb meiner Familie der wichtigste Mensch in meinem Leben. Er war wie ein Bruder für mich und die engste Bezugsperson, die ich jemals hatte. Durch seinen Tod war all das auf einmal nicht mehr da und ich stand vor der Frage: In welche Richtung geht es jetzt? Wer bist du jetzt überhaupt?

„Nichts, gar nichts von meiner Traurigkeit und meinem Unverständnis über diesen Verlust ist weniger geworden“

Tatsächlich liest sich das Programm auf dem Doppelalbum entsprechend existenziell. Die Stücke reichen von Bachs Chaconne bis zu Bill Evans Peace Piece. Was ist die Idee dahinter?

Ich habe für dieses Album „Lebensfeierwerke“ ausgewählt, die zutiefst menschliche Zustände beschreiben und mit denen ich sehr viel verbinde. Die Grundidee des Albums ist die Frage: Wie geht der Mensch damit um, wenn plötzlich existenzielle Fragen gestellt werden, es um Verlust geht, um den Tod oder die Liebe? Jedes Stück auf dem Album feiert das Leben auf seine ganz eigene Art. Das Herzstück des Programms ist Mensch von Frederic Rzewski. Es ist das einzige Stück, das wirklich unmittelbar mit Hannes verbunden ist. Ein sehr zentrales Werk ist aber auch die Fantasia after J. S. Bach von Busoni. Darin gedenkt Busoni zwar seines kurz vorher verstorbenen Vaters, gleichzeitig blickt er aber auch lebendig in die Zukunft. Die dunkelste Komposition dieses Albums sind sicher die Geistervariationen von Robert Schumann. Hier ist Schumann nur noch in sich selbst gefangen und kommt aus dieser Verfassung nicht mehr he­raus. Auch das ist ein Zustand, den ich beim Verarbeiten des Todes von Hannes erlebt habe.

Welche Rolle hat dabei die Musik gespielt?

Überhaupt keine. Die Vorstellung, Musik könne helfen, war für mich grotesk. Mir hat nichts geholfen, außer Menschen. Und ich kann Ihnen versichern: Nichts, gar nichts von meiner Traurigkeit und meinem Unverständnis über diesen Verlust ist weniger geworden. Ich kann damit umgehen, ich kann damit leben lernen. Aber trotzdem bin ich genauso sauer wie vorher. Dennoch ist die Musik auf dem Album keine Therapie, sondern eher das Dokument eines inneren Zustandes. Ich bin sowieso dagegen, Musik irgendwelche Richtungen vorzugeben. Das halte ich für zutiefst unmusikalisch.

Dorothea Walchshäusl
Dorothea Walchshäusl ist Musikjournalistin und promovierte Politologin. Sie lebt und arbeitet in Passau. Den Mensch im Blick, die Musik im Ohr und das Gefühl in den Fingerspitzen, fasziniert die freie Autorin all das, was die Menschen im Kleinen wie im Großen bewegt und berührt. Für crescendo schreibt sie seit 2014 und erforscht in ihren Porträts und Reportagen mit Leidenschaft, warum sich Menschen mit Haut und Haar der Musik verschreiben.

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