Das Café „Klein und Kai­ser­lich“ ist im stil­ech­ten Wie­ner Plüsch gehal­ten, liegt aber nur einen Stein­wurf von der Ham­bur­ger Elb­phil­har­mo­nie ent­fernt. Am Abend hat der Vio­li­nist Dani­el Loza­ko­vich (Foto oben: © Johan Sandberg/DG) dort sei­nen Auf­tritt mit dem Moscow Cham­ber Orches­tra. Nichts, was den gera­de 18-jäh­ri­gen Shoo­ting­star aus der Ruhe brin­gen wür­de. Er nimmt sich viel Zeit, um über sei­ne Tschai­kow­sky-Auf­nah­me „None but the lone­ly heart“ und die gemisch­te rus­si­sche See­le zu spre­chen.

CRESCENDO: Sind Städ­te für Sie mit Musik ver­bun­den?
Dani­el Loza­ko­vich: Es kommt natür­lich auf die Stadt an. Jede hat ihre eige­ne Kul­tur, die wie­der­um eine spe­zi­fi­sche Musik atmet. Wenn es eine Kom­po­nis­ten­stadt ist, wird die Inspi­ra­ti­on natür­lich grö­ßer. In Leip­zig spü­re ich den Ein­fluss von Bach, in Salz­burg natür­lich den Mozarts. Und in Mos­kau ist es Tschai­kow­sky.

Stel­len Sie sich einen Sound­track zusam­men, der Sie auf Rei­sen beglei­tet?
Sobald ich auf­wa­che, höre ich Musik. Heu­te Mor­gen war es Beet­ho­ven, die Rasu­mow­sky-Quar­tet­te, Streich­quar­tett Nr. 7. Es gibt natür­lich auch Momen­te, in denen ich mich nach Stil­le seh­ne. Wäh­rend eines Kon­zerts zum Bei­spiel. Da hal­te ich es mit Vla­di­mir Horo­witz, der gesagt hat, es gehe ihm nicht um Applaus, son­dern um Stil­le. Natür­lich freue ich mich über Bei­fall. Aber ech­te, kon­zen­trier­te Stil­le nach einem Stück kann atem­be­rau­bend sein.

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Erle­ben Sie den Hype, der um Sie tobt, manch­mal wie Lärm?
Nein, um ehr­lich zu sein, den­ke ich dar­über nicht viel nach. Ich bin fast aus­schließ­lich von groß­ar­ti­gen Musi­kern umge­ben, die ich bewun­de­re – und von Men­schen, die mit Musik gar nichts zu tun haben. Das brau­che ich als Aus­gleich. Ich habe gera­de die Schu­le abge­schlos­sen, Gott sei Dank, die war ein schwe­rer Ruck­sack auf mei­nen Schul­tern. Wäh­rend des Übens kreis­ten mei­ne Gedan­ken immer dar­um, wel­chen Unter­richts­stoff ich ver­säumt habe, wel­che Prü­fun­gen anste­hen. Jetzt kann ich mich aus­schließ­lich mei­ner Kunst wid­men, dane­ben gibt es nichts.

Ihnen wer­den vie­le Label ver­passt: „Wun­der­kind“, „Der neue Menu­hin“ – kön­nen Sie das bei­sei­te­schie­ben?
Mit Yehu­di Menu­hin wer­de ich ver­gli­chen, seit ich zwölf war. Natür­lich ist er einer mei­ner Lieb­lings­vio­li­nis­ten, ich bewun­de­re ihn gren­zen­los, aber mein Spiel ist anders, weil ich eine ande­re Per­sön­lich­keit habe, ganz ein­fach. Wobei es eine Ehre ist, mit ihm ver­gli­chen zu wer­den – bes­ser als mit einem Stüm­per! 

Daniel Lozakovich: „Als ich zum ersten Mal eine Violine gesehen
habe, wusste ich, das ist mein
Instrument, ich werde Musiker.“ 
(Foto: © Johan Sandberg / DG)

Haben Sie sich die­ses Selbst­be­wusst­sein erst aneig­nen müs­sen?
Ich hat­te immer die­ses Ver­trau­en in mich. Ich weiß gar nicht, war­um. Als ich zum ers­ten Mal eine Vio­li­ne gese­hen habe, wuss­te ich, das ist mein Instru­ment, ich wer­de Musi­ker. Und nicht bloß irgend­ei­ner, son­dern der bes­te. Damals war ich noch jung und wuss­te nicht, dass es den bes­ten nicht gibt. Schon mei­nen Eltern zu eröff­nen, dass ich Vio­li­nist wer­de, war ein Beweis von Selbst­be­wusst­sein. Sie sind eben kei­ne Musi­ker, mei­ne Mut­ter war scho­ckiert. Ver­ständ­lich, wir wis­sen ja alle, wie eine Vio­li­ne klingt, wenn man erst anfängt zu üben. Aber ich habe sie über­zeugt.

Wie ist Ihnen das gelun­gen?
Mei­ne Mut­ter woll­te, dass ich Ten­nis­spie­ler wer­de. Ich habe zu ihr gesagt, Ten­nis­pro­fi kann ich nur sein, bis ich 30 bin. Die Vio­li­ne kann ich mein Leben lang spie­len. Ich bin dann um die hal­be Welt gereist, um gute Leh­rer zu fin­den, das war die größ­te Her­aus­for­de­rung. Als ich Josef Ris­sin in Deutsch­land getrof­fen habe, wuss­te ich sofort: Er ist der Rich­ti­ge für mich. Bei ihm habe ich mit elf Jah­ren zu stu­die­ren begon­nen, er hat den Vio­li­nis­ten aus mir gemacht, der ich jetzt bin. Spä­ter habe ich mei­nen zwei­ten Leh­rer gefun­den, der eher ein Coach war und mitt­ler­wei­le wie ein zwei­ter Vater für mich ist, Edu­ard Wulfson. Wenn ich auf Tour­nee bin, ist er immer an mei­ner Sei­te.

Im Sport gibt es Rang­lis­ten. In Ihrem Metier ist es schwe­rer zu beur­tei­len, wann die Spit­ze erreicht ist. Wor­an merkt man es?
Es nützt jeden­falls nichts, wenn man es nur selbst merkt und sonst kei­ner! Man­che wid­men sich der Musik aus vol­lem Her­zen, aber nie­mand fühlt mit ihnen, also genügt es nicht. Ande­re nähern sich ihr rein intel­lek­tu­ell, das kann sehr lang­wei­lig sein. Erst wenn sich bei­des ver­bin­det, erreicht man die Men­schen. Aber es gibt in der Kunst nicht den Bes­ten. Wenn Sie vor einem Gemäl­de von Rem­brandt oder Picas­so ste­hen, stel­len Sie doch auch kei­ne Ver­glei­che an, oder? Man taucht ganz ein in deren Welt. Nichts ande­res exis­tiert in die­sem Moment.

Daniel Lozakovich: „Sein Geheimnis, seine Homosexualität,
konnte Tschaikowksy niemandem
anvertrauen.“
(Foto: © Johan Sandberg / DG)

Bringt eine Solo­kar­rie­re wie Ihre Ein­sam­keit mit sich?
Gera­de vor Kon­zer­ten bin ich gern allein. Ich bin so dar­an gewöhnt, nie­man­den zu sehen, dass es zur Nor­ma­li­tät gewor­den ist. Fast schon zur Sucht. Aber natür­lich ken­ne ich Momen­te von Ein­sam­keit, in denen ich mich nach der Gesell­schaft von ande­ren seh­ne.

Was ist der Unter­schied zwi­schen Ein­sam­keit und Iso­la­ti­on?
Ein­sam ist in gewis­ser Wei­se doch jeder. Ein­sam­keit kann durch­bro­chen wer­den. Von jeman­dem, der sich einem zuwen­det. Aber wenn man iso­liert ist, lebt man in der Angst, über­haupt ande­ren zu begeg­nen, den­ke ich.

Tschai­kow­sky war sehr iso­liert in sei­ner Zeit.
Ein­sam und iso­liert, ja. Er trug eine so schwe­re Bür­de. Sein Geheim­nis, sei­ne Homo­se­xua­li­tät, konn­te er nie­man­dem anver­trau­en, ohne schlim­me Kon­se­quen­zen zu fürch­ten.

Immer­hin hat­te er sei­nen Bru­der, dem er sich anver­trau­en konn­te.
Das genüg­te wohl nicht. Auch Vin­cent van Gogh hat­te einen Bru­der, dem er ver­trau­te, aber sie waren sehr ein­sa­me Men­schen. Tschai­kow­sky war in Russ­land ver­wur­zelt, er trug sei­ne Hei­mat immer mit sich, wie ein Kreuz um den Hals. Öff­nen konn­te er sich aus­schließ­lich in der Musik. Und das hat er wie kein ande­rer Kom­po­nist getan. Sein Stil ist natür­lich rus­sisch, aber war auch geprägt von fran­zö­si­schen und deut­schen Ein­flüs­sen, von Mozart und Beet­ho­ven – nicht Brahms!

Daniel Lozakovich: „Ich versuche, über jeden
Komponisten so viel wie möglich herauszufinden.“
(Foto: © Johan Sandberg / DG)

Wie wich­tig ist es Ihnen, sich das Uni­ver­sum eines Kom­po­nis­ten zu erschlie­ßen, den Sie spie­len?
Ich ver­su­che, über jeden Kom­po­nis­ten so viel wie mög­lich her­aus­zu­fin­den. Ich recher­chie­re, las­se mir Tipps geben, schaue mir die kom­plet­ten Par­ti­tu­ren an – viel­leicht hat das Werk mir etwas zu erzäh­len, das ich sonst nir­gends erfah­ren kann. Wie hat der Kom­po­nist gelebt, wie gefühlt, was war sei­ne Inspi­ra­ti­on? Der Vor­gang ist mit Schau­spie­le­rei ver­gleich­bar. Gro­ße Schau­spie­ler müs­sen mit den Figu­ren eins wer­den, die sie ver­kör­pern.

Und Sie ver­schmel­zen mit dem Kom­po­nis­ten?
Ich ver­su­che es. Mein Violin­spiel soll der Musik hel­fen. Nicht umge­kehrt. Ech­te Vir­tuo­si­tät ist für mich nicht das Prot­zen mit tech­ni­schen Fähig­kei­ten, son­dern es bedeu­tet, eine Kom­po­si­ti­on bis ins Kleins­te zu ver­ste­hen. Nur dann kann man mit ihr die Men­schen mit­rei­ßen, scho­ckie­ren, sie schwin­deln las­sen. Wenn das nicht gelingt, was vor­kom­men kann, wird es kein gutes Kon­zert.

Daniel Lozakovich und Maestro Vladimir Spivakov
(Foto: © Johan Sandberg / DG)

Sie haben Ihr Tschai­kow­sky-Album in Mos­kau auf­ge­nom­men, im Hei­mat­land des Kom­po­nis­ten, in dem heu­te ein ziem­lich homo­pho­bes Kli­ma herrscht. War das ein Zwie­spalt?
Nein, so habe ich das nicht emp­fun­den. Tschai­kow­sky ist der Star in Russ­land, die Leu­te ver­ste­hen sei­ne Musik, sie berührt jeden. Wer ein Geheim­nis mit sich her­um­schlep­pen muss, kann sich Tschai­kow­sky anver­trau­en. Es war wich­tig für mich, das Album in Russ­land auf­zu­neh­men. Und vor allem: es mit Maes­tro Vla­di­mir Spiva­kov ein­zu­spie­len, der mein ers­ter Diri­gent über­haupt war und der mein Lieb­lings­vio­li­nist für Tschai­kow­sky ist.

Eine Rück­kehr zu den Wur­zeln in jun­gen Jah­ren …
Wir haben in der­sel­ben Hal­le gear­bei­tet, in der ich zum ers­ten Mal mit Orches­ter auf­ge­tre­ten bin. Ich woll­te an die­se unver­gess­li­che Erfah­rung anknüp­fen und sie neu erfin­den, des­we­gen muss­te es auch eine Live-Auf­nah­me sein.

Daniel Lozakovich: „Um Melancholie hörbar zu
machen, muss man sie in sich haben.“
(Foto: © Johan Sandberg / DG)

Wie über­setzt man Gefüh­le in Musik? Tschai­kow­skys Médi­ta­ti­on beschrei­ben Sie selbst als ein Stück von kaum in Wor­te zu fas­sen­der Melan­cho­lie.
Ich gebe zu, das ist schwer. Um Melan­cho­lie hör­bar zu machen, muss man sie in sich haben. Manch­mal genügt es dafür schon, sich zurück­zu­zie­hen und allein zu sein. Melan­cho­lie bedeu­tet ja nicht ein­fach, trau­rig zu sein. Sie ist ein Schmerz, mit dem man sich ver­söh­nen kann. Picas­sos Blaue Peri­ode beschreibt Melan­cho­lie per­fekt, Der alte Gitar­ren­spie­ler zum Bei­spiel.

Braucht es so etwas wie die viel­be­schwo­re­ne rus­si­sche See­le, um Tschai­kow­sky ganz durch­drin­gen zu kön­nen?
Schwer zu sagen. Ich habe eine Men­ge rus­si­scher Ein­flüs­se in mir, aber auch vie­le ande­re, es ist also eine gemisch­te rus­si­sche See­le … mei­ne Eltern und Groß­el­tern kom­men aus Län­dern, die mit der

Sowjet­uni­on ver­bun­den waren, natür­lich füh­le ich eine Nähe zu Tschai­kow­sky. Aber das geht mir auch mit deut­schen Kom­po­nis­ten so.

Maes­tro Spiva­kov soll gesagt haben: „Jetzt sind Sie für die nächs­ten 50 Jah­re dran mit die­sem Con­cer­to“ …
Spiva­kovs Auf­nah­me des Con­cer­tos ist für mich und vie­le ande­re die bes­te aller Zei­ten. Natür­lich hat mich sein Satz sehr berührt. Und ich emp­fin­de ihn auch als Ver­pflich­tung. Ich habe mir die Vio­li­ne aus­ge­sucht, um sie bis ans Lebens­en­de zu spie­len, also wer­de ich immer mein Bes­tes geben.

Pjotr Iljitsch Tschai­kow­sky: „Con­cer­tos for Vio­lin
and Orches­tra, None but the Lone­ly Heart u.a.“,
Dani­el Loza­ko­vich, Natio­nal Phil­har­mo­nic Orches­tra
of Rus­sia, Vla­di­mir Siva­kov (DG)
www.amazon.de

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen und „Auf­tritts­ter­mi­ne: www.lozakovich.com

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