MailandIm Design-Elysium

Fotos: Fornasetti

Ob die Besessenheit von der Opern-Diva Lina Cavalieri oder den Stil-Ikonen der 70er-Jahre: Mailands Design-Elite schöpft Fabelhaftes aus ihren Inspirationsquellen.

Wie kommt das Tiramisu bloß in die Kugel hinein? Im futuristisch gestylten Rooftop-Restaurant des Excelsior Hotel Gallia in Mailand wird das typisch italienische Dessert in einer Art Weihnachtskugel aus Zucker serviert. Der neugierige Gast wagt es kaum, das dekorative Objekt aus der Küche von Vincenzo und Antonio Lebano mit dem Löffel aufzubrechen – doch das Probieren lohnt sich!

In Mailand ist einfallsreiches Design nicht nur im Museum, sondern in der ganzen Stadt anzutreffen. Das von der Familie Gallia gegründete Luxushotel, das 1932 fast zeitgleich mit dem nebenan gelegenen Mailänder Hauptbahnhof eröffnete, hat Künstler zu Grenzgängen quer durch die Epochen verführt. Vor einigen Jahren hat der Architekt Marco Piva das Haus mit seiner von Jugendstil und Art déco geprägten Fassade grundlegend modernisiert. Der historische Palazzo wurde durch einen neuen Flügel erweitert. Marmorflächen und Glaselemente im minimalistischen Design des 21. Jahrhunderts kon­trastieren jetzt mit der verspielten Ästhetik früherer Zeiten. Im eleganten Treppenhaus mit floralen Elementen aus Gusseisen zieht eine 25 Meter lange, kegelförmige Lichtskulptur alle Blicke auf sich. 180 Leuchtzylinder aus weißem Murano-Glas der Firma De Majo, die an unterschiedlich langen Kabeln hängen, scheinen sich wie ein Wasserfall durch acht Stockwerke zu ergießen.

Piero Fornasetti hatte eine Obsession für italienische Oper

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Durch die Korridore zieht ein dezenter Blütenduft, der eigens für das Hotel mit insgesamt 235 Zimmern und einem großzügigen Spa-Bereich komponiert wurde. Wer besonders viel Platz braucht, kann im obersten Stock die 1.000 Quadratmeter große Katara Royal Suite inklusive zwei Terrassen, Solarium und Jacuzzi mieten. Mehrere kleinere Suiten sind prominenten Mailänder Architekten und Designern gewidmet. Gut möglich, dass die von Flos hergestellte Pendelleuchte „Taraxacum“ der Brüder Achille und Pier Giacomo Castiglioni, die wie ein überdimensionaler Ball aus Seifenblasen über einem Tisch schwebt, am Ende sogar die Küchenchefs zu ihrer Tiramisu-Kreation inspiriert hat.

In einem anderen Zimmer erkennt man die Designklassiker-Lampen von Vico Magistretti aus den 1970er-Jahren, die bis heute von Oluce produziert werden. Hotelgäste, die von langen Stadtbesichtigungen zurückkommen, freuen sich auch über den Stuhl „Dormitio“, den Gio Ponti extra für müde Wanderer in einem Benediktinerkloster entwarf. In den 1930er-Jahren begann der legendäre Architekt, den jungen Maler, Buchdrucker und Designer Piero Fornasetti zu fördern. Dessen surreal anmutende Wohnobjekte kann man heute in einem Geschäft am Corso Venezia, nicht weit von den exklusiven Armani-, Versace- und Prada-Boutiquen im „Quadrilatero della moda“, besichtigen. In dem Haus wohnte einst Filippo Tommaso Marinetti, der Gründer der Futuristen-Bewegung.

Ein Rundgang im Fornasetti-Laden, der sich über drei Etagen erstreckt, wird zu einer Entdeckungsreise durch eine Welt voller schräger Fantasien. In Räumen mit verschiedenfarbigen Wänden ist ein Sammelsurium von Schränkchen, Tischen, Paravents, Vasen, Tassen, Aschenbechern oder Duftkerzen ausgestellt. Diese Objekte sind mit Schmetterlingen, Händen, Harlekinen, Spielkarten, Sonnen oder anderen obsessiv wiederkehrenden Motiven dekoriert, die Fornasettis schier unerschöpfliche Vorstellungskraft beflügelt haben.

Foto: Matteo Barro

Besonders beliebt ist die Serie „Tema e variazioni“ mit dem Konterfei der Operndiva Lina Cavalieri. Insgesamt mehr als 500 Mal hat Fornasetti das Bild der Sopranistin variiert, die er nie persönlich kennengelernt hatte. Cavalieri, die Anfang des 20. Jahrhunderts als „schönste Frau der Welt“ gefeiert wurde, ist allein auf mehr als 300 verschiedenen Wandtellern dargestellt. Gefesselt, verschleiert, zerstückelt, im Maul eines Krokodils oder mit frech herausgestreckter Zunge wurde sie zu einer Gefangenen der Fantasie des Designers, der von ihrem Anblick regelrecht besessen war. Mailands berühmtes Opernhaus, das Teatro alla Scala, hat Fornasetti auf einem Lacktablett dargestellt. Plakate von Uraufführungen bekannter Opern wie Verdis Otello 1887 oder von Arturo Toscaninis Konzert zur Wiedereröffnung der Scala 1946 dienten ihm als Vorlage für eine Serie von Aschenbechern.

Als Bühnen- und Kostümbildner arbeitete er 1954 bei einer Inszenierung von Gian Carlo Menottis komischer Oper Amelia va al ballo mit dem Theater zusammen.

Nach Piero Fornasettis Tod 1988 setzt nun Sohn Barnaba die Arbeit seines Vaters fort. Am Teatro dell ’Arte in Mailand und am Teatro della Pergola in Florenz brachte er im Winter 2016/17 Mozarts Oper Don Giovanni in der Prager Urfassung auf die Bühne und entwarf dazu das Bühnenbild. Mit dem notorischen Frauen­helden befasst er sich auch in seiner neuesten Design-Kollektion. Hände auf Tabletts und Tischchen symbolisieren die Leichtlebigkeit des Verführers. Und die Operndiva, durch deren Gesicht auf einem Wandteller ein Riss geht, verkörpert die verschiedenen Identitäten seiner weiblichen Opfer.

www.excelsiorhotelgallia.com/de | Fornasetti: www.fornasetti.com

Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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