Die Gat­tung Noc­turne beschäf­tig­te Cho­pin sein Leben lang. Zwi­schen 1827 und 1846 ver­fass­te er 21 die­ser Minia­tu­ren und voll­zog eine sti­lis­ti­sche Ent­wick­lung von der instru­men­ta­len Arie zum medi­ta­ti­ven Nacht­stück. Fast alle Gesamt­auf­nah­men fol­gen die­ser durch­aus logi­schen Chro­no­lo­gie, als sei das Gan­ze eine gro­ße zusam­men­hän­gen­de Nach­ter­zäh­lung. Die aus Argen­ti­ni­en stam­men­de, heu­te in der Schweiz leben­de Pia­nis­tin Ingrid Fli­ter, eine aus­ge­wie­se­ne Cho­pin-Exper­tin, hat alle Noc­turnes in einer eige­nen, von der Chro­no­lo­gie abwei­chen­den Rei­hen­fol­ge in zwei Zeh­ner­grup­pen ein­ge­spielt, was zunächst irri­tiert, aber bald nicht mehr stört, da sie mit über­zeu­gen­der Erzähl­kraft den melo­di­schen Bogen und das dra­ma­ti­sche Poten­zi­al jedes ein­zel­nen Stü­ckes auf­leuch­ten lässt. Durch Fli­ters eigen­ar­ti­ge, durch­aus rät­sel­haf­te Anord­nung gewin­nen die­se inti­men Nacht­mo­no­lo­ge neu­en ener­ge­ti­schen Schub und cha­ris­ma­ti­schen Zau­ber, der in die­ser eher mil­den Gat­tung auch das unter­schwel­lig bro­deln­de Ver­zweif­lungs­po­ten­zi­al durch­bre­chen lässt: Man spürt, dass hin­ter aller Schön­heit und Melan­cho­lie der Abgrund lau­ert.

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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