Ioan Holender über die künstlerischen Einschränkungen und ihre gefürchteten Folgen für die Zukunft der Kunst

Mitte März wurden plötzlich von heute auf morgen Opern- und Theatervorstellungen abgesagt, und man stand vor geschlossenen Türen in den Konzerthäusern. Viele Monate fanden keinerlei Darbietungen mit oder für die Kunst statt, Museen waren zu. Die Wiener Staatsoper war zum ersten Mal seit der Wiedereröffnung im Jahr 1955 länger geschlossen. Im Zweiten Weltkrieg hat sie kürzere Zeit nicht gespielt als in diesem Jahr. Damals herrschte Angst vor den Bomben, jetzt lähmt die Angst vor dem Coronavirus alle und alles.

Seit einem Monat wird in den Theater- und Opernhäusern in Europa mit teilweise radikalen Einschränkungen und störenden Maßnahmen gespielt, mit schmerzvollen Auflagen, die leider auch eine negative Auswirkung auf die künstlerische Qualität des Dargebotenen haben. An manchen Orten werden nur Aufführungen ohne Pause gespielt, die Stücke oder Opernpartituren werden gekürzt dargeboten, die Künstler dürfen sich auf der Bühne nicht näher kommen, Chöre sind unsichtbar und werden nur akustisch übertragen oder ganz gestrichen, die ursprüngliche Inszenierung wird radikal in eine sogenannte Corona-Inszenierung abgeändert. Eine Mahler-Sinfonie wird mit reduzierten Instrumenten musiziert!

Keine Alternative zum lebendigen Hör- und Seherlebnis

Das Publikum wird auf die Hälfte oder noch weniger beschränkt. Die Besucher müssen ab dem Betreten des Hauses bis Vorstellungsbeginn – teilweise auch während der Vorstellung – Masken tragen. Die Bewegung im Haus, vom Toilettenzugang bis zum Pausentisch und zum Verlassen des Hauses durch eine der wenigen Türen, wird zusätzlich durch strenge, im harschen Befehlston agierende Billeteure geregelt. Das Traurigste ist jedoch, dass das reduzierte Kartenangebot meistens nicht ausgenutzt wird. Oft bleibt ein Großteil der angebotenen Karten unverkauft. Das Streaming wird in der Not von manchen als ein versuchter Ersatz angeboten und natürlich kaum angenommen, denn es bietet keine Alternative zum lebendigen Hör- und Seherlebnis.

Das Schlimmste wird folgen, wenn der Zugang – hoffentlich bald – wieder ganz zugelassen wird, der Spuk vorbei ist und es trotzdem lange dauern wird, bis das Publikum wie vorher die Häuser wieder füllen wird. Die Menschen gewöhnen es sich ab, ins Theater zu gehen, Abonnements wurden notgedrungen aufgelöst, deren Inhaber gingen verloren und kommen kaum zurück. Die Angst vor der Pandemie wird diese selbst noch überleben. Je mehr jetzt geschieht, je mehr Publikum jetzt kommt, umso mehr wird auch später wieder kommen. Was man in dieser eingeschränkten Zeit anbietet, darf die künstlerische Qualität unter keinen Umständen verlieren. Sonst haben wir auch die Zukunft fast schon verloren.

kulTOUR Holender“ auf ServusTV Deutschland:
13.11., 23:35 Uhr und 15.11., 9 Uhr: Bern – die verkannte Hauptstadt
22.11., 9 Uhr: Palermo – Wiedergeburt einer Kulturstadt
29.11., 9 Uhr: Genf – Im Spiegel der Hugenotten

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Foto Titelbild: ServusTV / Hoermandinger