Ioan Holender-KolumneHab’ nie gefragt, ob es gestattet ist…“

ServusTV Moderator Ioan Holender im Teesalon der Staatsoper Wien.

Was geschieht mit Lehárs Paganini-Schlager „Gern hab’ ich die Frau’n geküsst, hab’ nie gefragt, ob es gestattet ist; dachte mir: nimm sie dir…“? Darf Jonas Kaufmann dieses Lied auf seiner neuen Operettenplatte noch singen? Oder was wird aus dem Herzog von Mantua in Verdis Rigoletto, der die minderjährige Gilda durch Täuschung verführt und dies singend zelebriert? Weitere Beispiele sind bei Bedarf vorhanden.

»Die moralische Integrität oder Unbescholtenheit
des Arbeit nehmenden Künstlers kann kein Kriterium sein
zum Einhalten oder Auflösen eines Vertrages.«

Der Bariton gewordene alte Tenor wurde weltweit „verboten“. Er sagt zu seiner Verteidigung, dass in seiner gloriosen Zeit „andere Standards gegolten haben“ und so manches als normal erachtet worden sei, was heute für Aufregung sorge. Er verstehe die heutige Welt nicht mehr. Die unaufgeregte Normalität sagt klar und unmissverständlich, dass abgeschlossene und unterschriebene Theaterverträge sowohl vom Arbeitgeber, als auch vom Arbeitnehmer zu respektieren seien. Die moralische Integrität oder Unbescholtenheit des Arbeit nehmenden Künstlers kann kein Kriterium sein zum Einhalten oder Auflösen eines Vertrages, höchstens dazu, diesen nicht abzuschließen, aus welchem Grund auch immer. Ist jedoch ein ausübender Künstler gleichzeitig Arbeitgeber als Leiter eines künstlerischen Institutes und nützt seine Stellung zur Erlangung eines persönlichen Vorteils aus, kann und sollte der Betreffende von seiner führenden Machtposition entfernt werden.

Auch Berühmtheit kann eine Machtposition bedeuten. Und wird eine solche Zelebrität im Betrieb zum Unruhestifter, kann man sie zum Schutz der anderen Beschäftigten entfernen. Das alles sollte für jeden klar und selbstverständlich sein und bedarf keiner Diskussion. Die Anschuldigungen entstanden doch nur, weil der einst dank seiner künstlerischen Leistung zu Recht bejubelte und geliebte Sänger heute gleichzeitig Arbeitgeber und ‑nehmer ist. Dies war immer äußerst diskutabel und sollte vermieden werden, heute vielleicht mehr als gestern. Aber das ist auch wirklich alles, was man dazu sagen kann.

kulTOUR mit Holender“ auf ServusTV Deutschland:
10. und 12. Januar 2020 Günther Groissböck – Ein Bass lässt tief blicken
17. und 19. Januar 2020 Deutsche Oper am Rhein
24. und 26. Januar 2020 Pesaro – Rossini, Rossini, Rossini
31. Januar und 2. Februar 2020 Adrian Eröd
7. und 9. Februar 2020 Momo oder „Was ist Kinderoper?“
14. und 16. Februar 2020 St. Gallen
21. und 23. Februar 2020 Sofia – Kulturperle Bulgariens
28. Februar und 1. März 2020 Festspiele Erl

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1 Kommentar

  1. Nun, solche Ausreden mit „Standards, die früher andere gewesen seien“ und er „verstünde die Welt nicht mehr“ sind eben nix anderes als billige Ausreden. Auch in den 70er Jahren wollten Frauen nicht belästigt, bedrängt, ungestattet geküsst werden (auch zu Lehars Zeiten nicht), nur waren Intendanten und andere Verantwortliche, und sind es leider bis zum heutigen Tage nicht, nicht dazu bereit, einer Frau auch nur Gehör zu schenken. Weinende Frauen hinter der Bühne sind keine Seltenheit (gewesen) und dies kam nicht nur davon, dass sie grade schlecht gesungen hatten oder der Regisseur sie zusammengestaucht hat. Sänger wie Domingo, Professoren wie Mauser, Dirigenten wie Levine, Intendanten wie Kuhn sind nicht nur über das Ziel hinausgeschossen, wie es uns gerne vorgebetet wird. Warum verurteilt man Priester nicht nur medial auf das Schärfste (mit Recht) und wirft alle unsortiert in einen Topf (mit Unrecht), hingegen „bekannte und allseits beliebte“ Künstler fein raus sind, weil ja Standards andere gewesen seien? Frage: Würde Domingo heute, als gefeierter junger Tenor, wirklich anders agieren? Oder ist sein „Ich bin der Größte, wer nicht für mich ist, ist gegen mich und bekommt keinen Fuß mehr auf die Erde“ nicht doch weit wahrscheinlicher?
    Ich lobe mir alle die Kollegen, mit denen ich arbeiten durfte und darf, die auch vor 30/40 Jahren schon wussten, was sich gehört – selbst die mit weltumspannenden Eros.

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