Ioan Holender-Kolumne

Bewahren wir das Stadt­theater

von Ioan Holender

10. Juli 2019

Ioan Holender über die Bedeutung der Stadttheater für angehende Opernsänger

Als im März sein 40-jähriges Debüt an der mit einem glän­zenden Arien­abend feierte, erhielt er als Geschenk das Plakat mit seinem Debüt als Figaro im Barbier von aus dem Jahr 1979. Nucci sprang damals für ein erkranktes Ensem­ble­mit­glied ein, und neben seinem Namen stand „als Gast“. Alle anderen Rollen wurden selbst­ver­ständ­lich von Mitglie­dern des Haus-Ensem­bles besetzt. Das war in allen großen Opern­häu­sern der Bundes­re­pu­blik von bis so.

Unmög­lich, sich ein Reper­toire aufzu­bauen

Doch bereits als ich 1991 die Direk­tion der Wiener Staats­oper über­nahm, gab es die Spezi­fi­zie­rung „a. G.“ nicht mehr. Heute kennt man diesen Zusatz gar nicht. Viel­mehr versu­chen sogar kleine und mitt­lere Stadt­theater, Haupt­par­tien mit Gästen zu besetzen. Für einen ange­henden Opern­sänger wird es damit unmög­lich, sich langsam und entspre­chend seiner vokalen Entwick­lung ein Reper­toire aufzu­bauen.

Opern­stu­dios als Ersatz

Als Ersatz dafür führen nahezu alle großen Opern­häuser soge­nannte Opern­stu­dios. Diese funk­tio­nieren neben dem Normal­be­trieb des Opern­hauses, und die Mitglieder des Studios werden für klei­nere Partien dort auch einge­setzt. Die Ausbil­dung im Opern­studio ist auf zwei Jahre beschränkt. So über­nehmen die Opern­stu­dios die Endaus­bil­dung, die in den Musik­hoch­schulen statt­finden sollte, und stellen eine Zwischen­stufe zum Beruf dar. Sie sind aber eine Notlö­sung und ein Ersatz für die ersten Enga­ge­ments, bei denen Anfänger mit wich­tigen und ihrer Entwick­lung entspre­chenden Partien betraut werden. Es ist gut, dass es sie gibt, denn es ist fast der einzige Ort, an dem ange­hende Sänger noch wachsen können, wenn auch äußerst bescheiden bezahlt.

Gefahr für die Gattung Oper

Wenn die Stadt­theater keine voll­stän­digen Ensem­bles mehr beschäf­tigen und ihre Exis­tenz weiterhin gefährdet ist, dann gerät die gesamte Gattung Oper in Gefahr und nicht nur in unseren Brei­ten­graden. Als Gast­sänger kann man sich nicht aussu­chen, welche Partie man singt. Man muss sich nach dem Markt richten und den Ange­boten der Agenten. Ein Opern­haus enga­giert, was es braucht, und die wenigsten jungen Sänger sagen Nein zu einer Partie, die sie nicht oder noch nicht singen sollten.

Sich einordnen, um zu über­leben

Ein von einem kundigen Leiter geführtes Opern­haus – das gibt es noch, wenn auch selten – wird ein Ensem­ble­mit­glied nach dem Reper­toire­vor­haben enga­gieren oder den Spiel­plan danach ausrichten, welche Sänger zur Verfü­gung stehen. Der Markt dagegen reagiert wie die Opern­szene, und die Sänger sind eine sekun­däre Notwen­dig­keit. Sie müssen sich einordnen um zu über­leben.

Fotos: Servus TV / Hoermandinger