Aus einem spon­ta­nen Ein­sprin­gen wur­de eine der span­nends­ten Auf­nah­men zum Beet­ho­ven-Jahr. Jan Lisiecki nahm im Ber­li­ner Kon­zert­haus mit der Aca­de­my of St Mar­tin in the Fields sämt­li­che Kla­vier­kon­zer­te von Beet­ho­ven auf.

Im Dezem­ber 2018 muss­te Mur­ray Per­ahia aus gesund­heit­li­chen Grün­den einen Zyklus der Beet­ho­ven-Kla­vier­kon­zer­te absa­gen. Der jun­ge Pia­nist Jan Lisiecki sprang spon­tan für ihn ein und begeis­tert jetzt mit sei­ner Inter­pre­ta­ti­on der fünf Reper­toire-Gigan­ten.

CRESCENDO: War es eine spon­ta­ne Idee, aus dem „Einspringer“-Zyklus eine CD-Auf­nah­me zu machen? 
Jan Lisiecki: Total spon­tan! Ich wuss­te erst einen Monat vor­her, dass ich die Kon­zer­te über­haupt spie­len wür­de. Wir dach­ten, viel­leicht soll­ten wir sie auf­neh­men – nur so als Erin­ne­rung, falls alles gut geht und das Zusam­men­spiel funk­tio­niert. Der Vor­teil war, dass die Auf­nah­me dadurch ohne den Druck ent­stand, sie zu ver­öf­fent­li­chen.

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Spielen Beethoven: Jan Lisiecki und die Academy of St Martin in the Fields im Berliner Konzerthaus

(Foto: © Peter Rigaud)

CRESCENDO: Statt das Ange­bot anzu­neh­men, nur eines oder zwei der Kon­zer­te aus­zu­wäh­len, haben Sie sich dazu ent­schlos­sen, den gan­zen Zyklus der Kla­vier­kon­zer­te von Beet­ho­ven zu spie­len und sogar die von Mur­ray Per­ahia aus­ge­wähl­te paar­wei­se Ver­tei­lung der Kon­zer­te auf die ein­zel­nen Aben­de über­nom­men. Haben Sie die fünf Kon­zer­te immer abruf­be­reit? 
Jan Lisiecki: Man­ches hat man bes­ser in den Fin­gern als ande­res. In der letz­ten Sai­son habe ich eini­ge der Kon­zer­te gespielt. Es gab also kei­ne kom­plet­te Beet­ho­ven-Dür­re. Aber natür­lich ist die kurz­fris­ti­ge Vor­be­rei­tung auf eine so inten­si­ve Pha­se ein ziem­li­ches Unter­neh­men. Neben vie­len Rei­sen und einer enor­men Men­ge an Reper­toire.

Jan Lisiecki: »Das Überraschende, Unerwartete kann einem viel Stress bereiten, aber auch viel Freude.« 

(Foto: © Chris­toph Köst­lin)

CRESCENDO: Der Beet­ho­ven-Zyklus war nicht Ihr ein­zi­ges Enga­ge­ment in die­ser Zeit… 
Jan Lisiecki: Weil es ein „Ein­sprin­ger“ war, hat­te ich noch vie­le ande­re Kon­zer­te drum­her­um. Ich erin­ne­re mich, dass ich von Ham­burg nach Lon­don zu den Pro­ben geflo­gen bin und danach sofort wei­ter nach Lis­sa­bon. Direkt nach dem Kon­zert in Lis­sa­bon ging es nach Luxem­burg und von dort zurück nach Ber­lin. Dadurch ent­stan­den kom­plett ver­rück­te Situa­tio­nen. Wäre das ein paar Sai­sons frü­her geplant wor­den, wäre das sicher so nie­mals der Fall gewe­sen. Das hat ziem­lich viel Fokus gefor­dert.

Ein neuer Partner für Jan Lisiecki: die Academy of St Martin in the Fields

(Foto: © Ben­ja­min Eal­ove­ga)

CRESCENDO: Und die Aca­de­my of St Mar­tin in the Fields war bei den Kla­vier­kon­zer­ten von Beet­ho­ven ein neu­er Part­ner für Sie? 
Jan Lisiecki: Ja! Wir haben zwar eine Tour gemein­sam geplant, aber erst in der über­nächs­ten Sai­son. Es war also das ers­te Mal, dass wir uns getrof­fen haben – ein wei­te­rer Unsi­cher­heits­fak­tor. Wir alle sind gute Musi­ker, aber das heißt nicht unbe­dingt, dass wir uns auch gut ver­ste­hen und gut zusam­men­pas­sen.

CRESCENDO: Den­ken Sie, die­se Unge­wiss­heit hat zur „Leben­dig­keit“ der Auf­nah­me bei­getra­gen? 
Jan Lisiecki: Ich den­ke schon. Das Über­ra­schen­de, Uner­war­te­te kann einem viel Stress berei­ten, aber auch viel Freu­de. Hät­te ich es schon Jah­re im Vor­aus geplant, hät­te ich viel­leicht eine detail­lier­te­re Vor­be­rei­tungs­zeit gehabt – mehr Zeit, über Din­ge nach­zu­den­ken. Aber manch­mal braucht man eben auch das Gegen­teil: Spon­ta­nei­tät, Ener­gie, Impul­si­vi­tät. Ob es das­sel­be Ergeb­nis gewor­den wäre, wenn ich mich jah­re­lang in der Par­ti­tur ver­bud­delt und auf die Auf­nah­me vor­be­rei­tet hät­te? Viel­leicht wäre das Ergeb­nis ganz anders gewor­den, aber das ist okay! Es ist eben eine Moment­auf­nah­me die­ser Kon­zer­te im letz­ten Dezem­ber.

CRESCENDO: Schon da wur­de immer wie­der erwähnt, dass Sie „anstel­le von“ Mur­ray Per­ahia spie­len. Wie ste­hen Sie zu sol­chen Ein­sprin­gern – Fluch oder Segen? 
Jan Lisiecki: In jedem Fall eine wirk­lich gro­ße Ver­pflich­tung. Beson­ders in einem Fall wie die­sem. Ich ver­eh­re Mur­ray Per­ahia sehr. Das sind ziem­lich gro­ße Fuß­stap­fen, in die man da tre­ten muss. Hät­te ich Tickets für sein Kon­zert und jemand ande­rer wür­de spie­len, wäre ich sehr ent­täuscht. Für ihn ein­zu­sprin­gen heißt nicht, dass ich bes­ser spie­len will als er. Ich will dar­aus mein eige­nes Kon­zert machen. Das Publi­kum, das die Tickets für Mur­ray Per­ahia gekauft hat, freut sich auf das, was man von einem sei­ner Kon­zer­te erwar­tet: einen groß­ar­ti­gen Auf­tritt, einen tol­len Abend, etwas, das in Erin­ne­rung bleibt. Und ich hof­fe, dass ich ihm das auch mit mei­nem Kon­zert geben kann. Das war immer mei­ne Ein­stel­lung zu Ein­sprin­gern. Trotz­dem kann es manch­mal sehr belas­tend sein. Man möch­te sich selbst prä­sen­tie­ren, aber gleich­zei­tig auch respekt­voll gegen­über der Per­son sein, die man ver­tritt.

Jan Lisiecki: »Beethovens Klavierkonzerte erzählen eine Geschichte.«

(Foto: © Chris­toph Köst­lin)

CRESCENDO: Wie war Ihre ers­te Begeg­nung mit den Kla­vier­kon­zer­ten von Beet­ho­ven? 
Jan Lisiecki: Ich erin­ne­re mich, dass ich zuerst das Drit­te Kon­zert gelernt habe. Es war eigent­lich eine natür­li­che Evo­lu­ti­on vom Mozart­spie­len – vor allem dem d‑Moll-Kon­zert – zu Beet­ho­ven. Ein ganz logi­scher Schritt. Es ist das „mitt­le­re“ der Kon­zer­te und kein „frü­her“, oder „spä­ter“ Beet­ho­ven, son­dern irgend­wo dazwi­schen. Von da aus lern­te ich die ande­ren vier. Eini­ge habe ich unend­lich oft auf Tour gespielt. Das Ers­te und Zwei­te sind die bei­den Kon­zer­te, die am sel­tens­ten gespielt wer­den, gene­rell und auch bei mir per­sön­lich. Ich habe sie fast aus­schließ­lich im Rah­men sol­cher Beet­ho­ven-Zyklen gespielt. Ich möch­te die bei­den in Zukunft aber auch ein­zeln spie­len – sie ver­die­nen ihre Zeit im Ram­pen­licht!

CRESCENDO: Wie emp­fin­den Sie das Ver­hält­nis der fünf Kla­vier­kon­zer­te von Beet­ho­ven zuein­an­der? 
Jan Lisiecki: Ich den­ke, jedes hat sei­nen Platz, und man fühlt immer die­se Beet­ho­ven-Tex­tur. Aber was ich wirk­lich an ihnen lie­be, ist, dass sie so wun­der­bar zusam­men funk­tio­nie­ren. Sie erzäh­len eine Geschich­te: Beet­ho­vens Rei­se, die Art, in der er sei­nen Stil ver­än­dert und wei­ter­ent­wi­ckelt. Er hat das Kla­vier­kon­zert in sei­ner Defi­ni­ti­on kom­plett ver­än­dert. Vom tra­di­tio­nel­len Stil aus­ge­hend hat er immer unge­wöhn­li­che­re Ide­en hin­zu­ge­fügt. So offen­sicht­li­che Din­ge wie die Kadenz weg­zu­las­sen oder dass das Kla­vier allein beginnt. Ich den­ke, der Anfang des Vier­ten Kon­zer­tes ist der stres­sigs­te, unge­wöhn­lichs­te und ergrei­fend-schöns­te aller Kon­zer­te, die für das Kla­vier geschrie­ben wor­den sind.

Jan Lisiecki: »Ab und zu ist es wichtig, den historischen Kontext zu vergessen.«

(Foto: © Chris­toph Köst­lin)

CRESCENDO: Das Cover zeigt Sie sehr ernst. Eine Beet­ho­ven-Anspie­lung? 
Jan Lisiecki: Das Foto ist noch vom Shoo­ting für mein Men­dels­sohn-Album. Damals hat­te ich über­haupt kei­ne Ahnung, dass ich in die­sem Jahr auch noch eine Beet­ho­ven-CD auf­neh­men wür­de. Ich dach­te ein­fach, dass es gut passt. Es ist wirk­lich sehr ernst, aber es gibt ja auch kei­nen Grund, auf einem Beet­ho­ven-Cover breit zu grin­sen.

CRESCENDO: Fin­den Sie es wich­tig, sich mit den his­to­ri­schen und bio­gra­fi­schen Hin­ter­grün­den eines Stü­ckes aus­ein­an­der­zu­set­zen? 
Jan Lisiecki: Hm, dar­auf gibt es kei­ne leich­te Ant­wort. Ich den­ke, es ist schon wich­tig zu wis­sen, was pas­siert ist, und sich zu bil­den. Ande­rer­seits den­ke ich nicht, dass Musik zwin­gend his­to­ri­sche Wer­te ent­hal­ten muss. Wenn man sich ande­re Kunst­for­men anguckt, ist es, glau­be ich, sehr ähn­lich. Manch­mal hilft das Wis­sen, manch­mal ver­än­dert es die Sicht­wei­se – oft bin ich nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Wir den­ken Emo­tio­nen für Kom­po­nis­ten nach. Aber sind die Stü­cke immer eine Refle­xi­on? Okay, Beet­ho­ven war taub, als er das Fünf­te Kon­zert kom­po­nier­te, er konn­te es nicht mehr selbst auf­füh­ren – aber was bedeu­tet das? Hat es eine Rele­vanz für die­ses Meis­ter­werk? Ab und zu ist es genau­so wich­tig, den his­to­ri­schen Kon­text zu ver­ges­sen.

CRESCENDO: Sie haben, auch ohne für jeman­den ein­zu­sprin­gen, einen sehr vol­len Ter­min­ka­len­der. Woher neh­men Sie die­se Ener­gie?
Jan Lisiecki: Das gehört ein­fach zu mei­ner Per­son. Da habe ich Glück: Die Ener­gie kommt von innen. Man muss kon­ti­nu­ier­lich Inspi­ra­ti­on fin­den. Auch wenn ich mal müde bin, habe ich meis­tens kein Pro­blem damit, jeden Tag mit einem Lächeln auf­zu­wa­chen.

CRESCENDO: Ziem­lich hilf­reich ist sicher, dass Sie gern rei­sen. Anders als Beet­ho­ven muss man heu­te ja nicht mehr die Kut­sche neh­men… 
Jan Lisiecki: Zum Glück nicht!

Jan Lisiecki: »An irgendeinem Punkt meines Leben möchte ich alle Länder gesehen haben.«

(Foto: © Chris­toph Köst­lin)

CRESCENDO: Zu sei­ner Zeit war man noch „gut bewan­dert“, weil man auf den lan­gen Rei­sen viel sehen und ler­nen konn­te. Ist es beim heu­ti­gen Rei­se­tem­po noch mög­lich, eine Stadt rich­tig ken­nen­zu­ler­nen, wenn man für ein Kon­zert nur weni­ge Tage dort ist? 
Jan Lisiecki: Ich wür­de sagen, das ist ziem­lich sub­jek­tiv. Die all­ge­mei­ne Annah­me ist ja, dass Künst­ler nichts von den Städ­ten sehen. Ich ken­ne wirk­lich eini­ge Kol­le­gen, die sehr zufrie­den damit sind, vom Hotel­zim­mer zum Kon­zert­ort zu fah­ren, auf­zu­tre­ten, zurück ins Hotel­zim­mer zu gehen und dann wei­ter­zu­flie­gen. Für mich wäre das unvor­stell­bar. Ich muss raus­ge­hen, mir Sachen anse­hen. Ich bin, wie gesagt, eine ener­gie­ge­la­de­ne Per­son. Für mich ist es ähn­lich wie in der Musik: Eine Stadt ver­än­dert sich dau­ernd, stän­dig pas­siert etwas Neu­es, man wird sie nie zu 100 Pro­zent ken­nen. So ist es auch mit den Stü­cken von Mozart, Cho­pin oder Beet­ho­ven. Egal wie oft man sie geübt und ana­ly­siert hat, man kann sie nie­mals kom­plett ver­ste­hen.

CRESCENDO: Sie waren bereits in 85 Län­dern. Gibt es Orte, die Sie unbe­dingt noch sehen wol­len? 
Jan Lisiecki: An irgend­ei­nem Punkt mei­nes Lebens möch­te ich alle Län­der gese­hen haben, aber eben auch eini­ge genau­er ken­nen­ler­nen. Ich habe das Gefühl, ich ken­ne Deutsch­land ganz gut, aber gleich­zei­tig habe ich fest­ge­stellt, dass ich zum Bei­spiel noch nie im Saar­land war. Selbst in Deutsch­land, wo ich fast jeden Monat bin, gibt es Sachen, die ich noch sehen muss.

CRESCENDO: Hören Sie auf Ihren Rei­sen Musik? 
Jan Lisiecki: Ich habe immer ziem­lich viel Musik gehört. Da ich mitt­ler­wei­le aber viel unter­wegs bin, bin ich manch­mal mehr als zufrie­den, auch mal etwas Ruhe zu haben. Nor­ma­ler­wei­se spielt ohne­hin immer etwas in mei­nem Kopf. So ein klei­nes biss­chen Ruhe scha­det also über­haupt nicht.

Lud­wig van Beetho­ven: „Com­ple­te Pia­no Con­cer­tos“, Jan Lisiecki, Aca­de­my of St Mar­tin in the Fields; auch als DVD und Blu-Ray (DG)

www.amazon.de

Wei­te­re Auf­nah­men von Beet­ho­vens Kla­vier­kon­zer­te auf crescendo.de 

 

 

 

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Sina Kleinedler
Direkt nach ihrem Abi wirbelte Sina Kleinedler bereits als Praktikantin durch die crescendo-Redaktion. Ein Musikjournalismus- und Cellostudium in Dortmund und Hannover schlossen an. Heute gibt sie unter anderem regelmäßig Konzerteinführungen in der Philharmonie Köln. „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“ (Augustinus Aurelius), lautet ihre Devise.

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