Jörg Widmanns Komposition „Es war einmal …“ spielt mit alten Ritualen und öffnet dennoch neue Welten.

Preis­trä­ger der Kate­go­rie: Kam­mer­mu­sik­ein­spie­lung | Musik 19. Jh. / gem. Ensem­ble

Es war ein­mal …“ – so begin­nen Mär­chen, so begin­nen Rei­sen in voll­kom­men neue Wel­ten, so begin­nen Geschich­ten zum Träu­men. Und so beginnt für vie­le die Kind­heit. Auch für den Kla­ri­net­tis­ten und Kom­po­nis­ten Jörg Wid­mann: „Mär­chen mit ihren arche­ty­pi­schen Figu­ren und ihren Mär­chen­for­meln wie ‚Und wenn sie nicht gestor­ben sind …‘ haben mich, seit ich den­ken kann, fas­zi­niert und in Unru­he ver­setzt“, sagt er. „Weil sie immer auch Seis­mo­graf unter­schwel­li­ger mensch­li­cher Ur-Ängs­te und ‑Wün­sche sind.“ Das „Es war ein­mal …“-Phä­no­men hat Wid­mann bis heu­te nicht los­ge­las­sen. Ihm geht er in sei­ner wun­der­bar-wun­der­sa­men Kom­po­si­ti­on nun auf den Grund. Natür­lich mit einem Vor­bild im Kopf: Robert Schu­manns Mär­chen­er­zäh­lun­gen.

Das Label myri­os clas­sics hat Es war ein­mal … mit Wid­mann selbst, der wun­der­ba­ren Brat­schis­tin Tabea Zim­mer­mann und dem Pia­nis­ten Dénes Vár­jon auf­ge­nom­men. Wid­manns Idee ist, das Mär­chen aus unse­rer Zeit her­aus neu zu bele­ben: Die „Es war ein­mal …“-Welt ist für ihn auch ein Gegen­ent­wurf zu unse­rer Wirk­­­lichkeit, zu dem, was wir Rea­li­tät nen­nen, zu Zwän­gen und Erwar­tun­gen und gleich­sam ein Kos­mos dunk­ler Ab­­gründe, unse­rer Ängs­te und Sor­gen.

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Als Inter­pret und als Kom­po­nist habe ich Robert Schu­manns Mär­chen­er­zäh­lun­gen immer als ein zer­ris­se­nes, moder­nes, kom­ple­xes Stück emp­fun­den“, sagt Wid­mann. „Inso­fern möch­te ich mein eige­nes ‚Es war ein­mal …‘ auch nicht als sen­ti­men­tal-nost­al­gi­sche Flucht in lang zurück­lie­gen­de Zei­ten ver­stan­den wis­sen, son­dern als naiv-fan­tas­ti­schen Gegen­ent­wurf zu unse­rer rea­len Welt mit all ihren Ver­wer­fun­gen.“

Genau das macht den Charme die­ser Auf­nah­me aus. Tabea Zim­mer­mann ist mit ihrem dun­kel-leuch­ten­den Brat­schen­ton kei­ne Mär­cheno­ma, eben­so­we­nig erzäh­len Jörg Wid­mann mit sei­nem samt-sei­di­gen Kla­ri­net­ten­klang und Dénes Vár­jon mit sei­nem sin­gen­den Kla­vier alte Geschich­ten wie alte Män­ner. Im Gegen­teil: Es war ein­mal … ist eine Kom­po­si­ti­on, die den Geist unse­rer Gegen­wart trägt und gleich­sam abtaucht in Wel­ten des ritu­el­len Erzäh­lens und auch Visio­nen für ein neu­es, gegen­wär­ti­ges Mär­chen ent­wirft. Der Kon­trast zwi­schen neu­en und alten Mär­chen, zwi­schen Ober­flä­che und Tief­gang tut sich beson­ders dann auf, wenn am Ende der Auf­nah­me die alten Mär­chen­bil­der von Schu­mann in ihrer moder­nen Zer­ris­sen­heit zu hören sind.

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