Eberhard Waechter und andere Sängerpersönlichkeiten der 1970er-Jahre nahmen mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Heinz Wallberg die einzige Oper von Johann Strauss Ritter Pásmán auf. Die Trouvaille liegt nun auf CD vor. 

Bei der Entscheidung für das Textbuch seiner einzigen Oper Ritter Pásmán zeigte der Walzerkönig Johann Strauss entweder zu viel Nachsicht für die Wünsche seiner Auftraggeber oder zu wenig Kritikbewusstsein bei der Wahl seiner Sujets. Während in der Literatur und in der Oper des späten 19. Jahrhunderts Triebhaftigkeit und die physischen Komponenten von gewaltsamen und freiwilligen Zweisamkeiten thematisiert wurden, geht es in Ludwig von Dóczis Textbuch nach einer Erzählung von János Arany nur um einen – fast – unschuldigen Kuss, den ein Unbekannter Eva, der Frau des Ritters Pásmán, auf die Stirn haucht. Ritter Pásmán schäumt, schließlich kommt es zur Wiedergutmachung. Denn der sich erdreistende Küsser war niemand anders als Karl Robert von Anjou, der König Ungarns höchstselbst – und zur Sühne darf am Ende der Ritter Pásmán die Königin auf die Stirn küssen.

Harmonische Wendungen aus Wagner-Werken

Um die Ballettmusik mit dem berühmten Csárdás, die als Bonustrack mit der Slowakischen Staatsphilharmonie unter Alfred Walter nachgeliefert wird, fließen Strauss’ Walzer-Melodien in Ritter Pásmán etwas gemächlicher als in seinen berühmten Operetten. Insgesamt atmet die Partitur das gemächliche Flair jener Mittelalter-Opern, die Mitte des 19. Jahrhunderts im Schatten Richard Wagners entstanden waren. Auch Strauss griff einige harmonische Wendungen aus früheren Wagner-Werken wie Tannhäuser und Lohengrin auf. Aber er zeigte erstaunlicherweise wenig Ambition, für die Wiener Hofoper etwas Neues zu kreieren und beobachtete offenbar auch nicht, was sich in Frankreich dank Massenet und Bizet aus dem Genre der Opéra-comique entwickelt hatte.

Bedeutende Sängerpersönlichkeiten der 1970er-Jahre

Die Aufnahme entstand 1975 im Wiener Musikverein. Damals bemühte man sich in einer Konzertreihe um Trouvaillen, die aus dem Repertoire verschwunden waren und erst etwa ab 1990 eine Neubewertung erfuhren. Unter Heinz Wallberg versammelten sich bedeutende Sängerpersönlichkeiten der 1970er-Jahre. Sona Ghazarian war als lyrische Koloratursopranistin eine Säule des Wiener Staatsopern-Ensembles und Trudeliese Schmidt eine kräftige, dabei noch lyrische Mezzosopranistin vor ihren sensationellen Aufbrüchen ins dramatische und hochdramatische Zwischenfach. Josef Hopferwieser machte als lyrischer Tenor von sich reden, und Eberhard Waechter gehörte zu den Wiener Vorzeigekräften. Sie alle, dazu der ORF-Chor, geben Strauss’ Oper erdhafte Geschmeidigkeit. Eventuelle Pointen gehen in der wenig variablen Homogenität der Nummernfolge unter. 

Publikumsvorlieben des 19. Jahrhunderts 

Ein historisierendes Fossil ist Strauss’ Ritter Pásmán auch, weil unmittelbar nach der Uraufführung an der Wiener Hofoper 1892 Hans Sommer mit Saint Foix und nach 1900 erst Ermanno Wolf-Ferrari und danach Richard Strauss an eine Reform der komischen Oper gingen, in der sie mit rezitativischer Auflichtung und leichter Melodik Zäsuren zu den heiteren und halbernsten Stücken des 19. Jahrhunderts setzten. Insofern gehört Ritter Pásmán wie Victor E. Nesslers Oper Der Trompeter von Säckingen zu jenen heute verblichenen Bühnenwerken, die zu einem erhellenden Kenntnisgewinn über Publikumsvorlieben des 19. Jahrhunderts beitragen können.

Johann Strauss: „Ritter Pásmán“, Eberhard Waechter, Sona Ghazarian, Trudeliese Schmidt u.a., ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Heinz Wallberg (Orfeo)