John Axelrod
John Axelrod (c)D. Vass

John Axelrod dirigiert in der Düsseldorfer Tonhalle Leonard Bernsteins Mass.

2018 fei­er­te die Musik­welt die 100. Wie­der­kehr von Leo­nard Bern­steins Geburts­tag. Über 3.500 Auf­füh­run­gen sei­ner Wer­ke in die­sem Jubi­lä­ums­jahr bele­gen die unge­bro­che­ne Wir­kungs­kraft und Beliebt­heit sei­ner Musik. Zum nach­denk­li­chen Aus­klang der Fei­er­lich­kei­ten steht John Axel­rod am Pult der Düs­sel­dor­fer Sym­pho­ni­ker und diri­giert Bern­steins ambi­tio­nier­tes Frie­dens­o­pus Mass.

Axel­rod erin­nert sich an Bern­stein als einen Musi­ker, der nicht Musik mach­te, son­dern Musik war. „Wenn Len­ny diri­gier­te, hat­te man den Ein­druck, als wür­de das Werk unter sei­nen Hän­den ent­ste­hen. Er war der ers­te Diri­gent, der sich in Kon­zer­ten an das Publi­kum wand­te und direkt zu ihm sprach. Viel­leicht lässt sich damit auch sei­ne Musik am bes­ten beschrei­ben: Sie spricht die Zuhö­rer direkt an.“ Axel­rod begeg­ne­te Bern­stein bereits als 16-Jäh­ri­ger in sei­ner Geburts­stadt Hous­ton. An der Grand Ope­ra wur­de Bern­steins letz­te Oper A Quiet Place urauf­ge­führt. Axel­rod spiel­te Bern­stein auf dem Kla­vier vor und wur­de von ihm als Schü­ler ange­nom­men. Die Arbeit mit ihm war „groß­ar­ti­ger als jedes Stu­di­um an einem Kon­ser­va­to­ri­um“. Bern­stein lehr­te ihn „Musi­ka­li­tät“. Und ermu­tig­te ihn, nicht nur Kla­vier zu spie­len, son­dern auch zu diri­gie­ren. „Ein Diri­gent muss die Men­schen lie­ben“, beton­te er. „Denn er spielt auf den Men­schen, die auf den Instru­men­ten spie­len.“

Sie ist eine Meta­pher für den wahr­haft Glau­ben­den, der den fal­schen Hoff­nun­gen stand­hält, die ihn in Ver­su­chung füh­ren“

Aus der ers­ten Begeg­nung erwuchs eine lebens­lan­ge Ver­bun­den­heit mit Bern­steins Musik. Die Drit­te Sin­fo­nie mit dem Text des Ausch­witz-Über­le­ben­den Samu­el Pisar, des­sen selbst­quä­le­ri­sche Fra­ge „War­um habe ich über­lebt – war­um nicht die ande­ren?“ das Kad­disch zum Holo­caust-Ora­to­ri­um wer­den ließ, wur­de zum bedeut­sams­ten Werk sei­nes Lebens. Axel­rod diri­gier­te die Pre­mie­ren von Bern­steins Oper Can­di­de am Pari­ser Théât­re du Châ­te­let und an der Mai­län­der Sca­la und brach­te alle sei­ne Sin­fo­ni­en, Kon­zer­te und Orches­ter­wer­ke zur Auf­füh­rung. Auch sein Vor­ha­ben, Sevil­la im Bern­stein-Jubi­lä­ums­jahr in ein „Epi­zen­trum“ der euro­päi­schen Akti­vi­tä­ten zu ver­wan­deln, erfüll­te er. Als künst­le­ri­scher und musi­ka­li­scher Lei­ter des Real Orques­ta Sin­fó­ni­ca de Sevil­la pro­gram­mier­te er mehr Kon­zer­te mit Bern­steins Musik als jedes ande­re spa­ni­sche Orches­ter.

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In Mass kul­mi­nie­re Bern­steins Schaf­fen, befin­det Axel­rod. „Sie ist die Syn­the­se sei­ner Musik.“ Es fin­den sich in ihr nicht nur Bezü­ge zu sei­nen übri­gen Kom­po­si­tio­nen, son­dern auch zu zahl­rei­chen ande­ren Wer­ken. „Len­ny saug­te alles an Ide­en, The­men, Klän­gen, Sti­len und Wor­ten auf und berei­cher­te damit sei­ne Klang­land­schaft.“ Unter­schied­li­che Ele­men­te aus der Pop- und Rock­mu­sik sowie dem Jazz in sei­ne Kom­po­si­ti­on ein­zu­be­zie­hen, ent­sprach sei­ner Vor­stel­lung von einer neu­en „ame­ri­ka­ni­schen Musik“. Auch Axel­rod bringt beim Diri­gat von Mass die Sum­me sei­ner Erfah­run­gen zum Ein­satz. Er wuchs mit lit­ur­gi­schen Gesän­gen sowie mit Blues und Gos­pel auf und ver­wirk­lich­te mit „Clas­si­cal­Rock“ sein eige­nes Pro­jekt klas­si­scher Rock-Hits in Orches­ter-Arran­ge­ments. Mass ver­gleicht er mit Mah­lers Ach­ter Sin­fo­nie: „Sie ist die Oper, die Mah­ler nie schrieb.“

Bern­stein ver­fass­te Mass in einer Zeit poli­ti­scher Ernüch­te­rung. Die Mor­de an John F. Ken­ne­dy und Mar­tin Luther King, der Viet­nam­krieg und das Erstar­ken des Ras­sis­mus unter Nixon hat­ten sein Ver­trau­en in einen Auf­bruch, wie er sich in den 1960er-Jah­ren anzu­bah­nen schien, erschüt­tert. In Mass rech­net er ab mit fal­schen Glau­bens­wahr­hei­ten. „Sie ist eine Meta­pher für den wahr­haft Glau­ben­den, der den fal­schen Hoff­nun­gen stand­hält, die ihn in Ver­su­chung füh­ren“, erläu­tert Axel­rod. Die ein­fa­che Bot­schaft am Ende sei ein Echo auf A Simp­le Song: „Gehet hin in Frie­den!“ Als sein „Requi­em für Mensch­lich­keit“ habe Bern­stein Mass bezeich­net, ein radi­ka­les Musik­thea­ter über Leben und Tod, Lie­be und Ver­lust.“

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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