Wien ist der Titel des neu­en Albums von Jonas Kauf­mann. Im CRE­SCEN­DO-Gespräch erzählt er, enga­giert und pas­sio­niert, dabei mit fast jugend­li­cher Unbe­fan­gen­heit und Offen­heit vom Älter­wer­den, sei­ner Stim­me und von Wien.

CRESCENDO: Bei Ihnen gibt es schon jetzt eine Flut von Pro­jek­ten – ange­fan­gen von einem Bild­band anläss­lich Ihres 50. Geburts­tags in die­sem Jahr. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie all die Fotos sehen?
Dass ich alt gewor­den bin. Solan­ge alle um einen her­um auch älter wer­den, fällt das nicht auf, aber mit einer Rück­blen­de von 20, 30 Jah­ren, wird’s schon sehr offen­sicht­lich. Wobei das sicher nicht der Sinn die­ses Bild­ban­des war, das ist eine sehr schön gestal­te­te Retro­spek­ti­ve. Und er hat die Erin­ne­rung an Pro­jek­te her­vor­ge­holt, die mir viel bedeu­ten.

CRESCENDO: Wie ver­hält es sich mit Erich Wolf­gang Korn­golds Die tote Stadt, mit der Sie am 18. Novem­ber in Mün­chen debü­tier­ten. War das auch so ein altes Wunsch­pro­jekt?
Rich­tig, ich woll­te das immer ger­ne machen, aber ich war mir nicht sicher, ob das je geschieht, weil es nicht so häu­fig insze­niert wird. Die Musik ist geni­al. Die Instru­men­te, die Klang­far­ben, die Har­mo­ni­en… Das ist irr­sin­nig revo­lu­tio­när und gleich­zei­tig schön. Und der Mann war damals Anfang 20, als er das schrieb, konn­te also nicht die Erfah­rung eines Thea­ter­prak­ti­kers wie Richard Strauss haben. Das merkt man sehr, und das ist teil­wei­se auch unan­ge­nehm zu sin­gen. Des­halb hät­te ich vor zehn Jah­ren nicht „hier!“ geschrien. Aber das Werk ist ein Her­zens­pro­jekt von Kirill Petren­ko, das er unbe­dingt machen woll­te. Für mich ist das eine tol­le Gele­gen­heit.

Jonas Kaufmann: »Das Gute am Alter ist, dass der Erfahrungsschatz wächst.«

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CRESCENDO: Sie sind, wie gera­de erwähnt, jetzt 50. Wie ist die Stim­me in die­sem Alter?
Mit dem Alter ver­än­dert sich die Stim­me wie der gan­ze Kör­per. Das Gute dar­an ist, dass der Erfah­rungs­schatz wächst, sodass man die Stim­me auf gute Art rei­fen las­sen kann. Natür­lich muss ich mein Reper­toire ent­spre­chend selek­tie­ren. Man­che Par­ti­en kom­men jetzt weni­ger infra­ge, dafür kann ich Din­ge in Betracht zie­hen, die frü­her fast unmög­lich erschie­nen.

CRESCENDO: Was zum Bei­spiel?
Als ich vor zwei Jah­ren als Otel­lo debü­tier­te, hat­te ich vor die­ser Par­tie mit Recht gro­ßen Respekt. In der neu­en Pro­duk­ti­on der Baye­ri­schen Staats­oper dage­gen fal­len mir man­che Phra­sen, die ich als extrem schwie­rig emp­fand, viel leich­ter. Auch bei For­za del desti­no in Lon­don, wo ich frü­her an kör­per­li­che Gren­zen ging, war es die­ses Jahr ein­fa­cher. Ande­rer­seits mer­ke ich, dass das fran­zö­si­sche Gen­re, wo man plötz­lich ins Äthe­risch-Schwe­ben­de geht, nur noch mit guter Vor­be­rei­tung funk­tio­niert. Ich spü­re, dass mei­ne Stim­me das anstrengt. Das war frü­her über­haupt nicht der Fall. Heu­te braucht die Stim­me eher das Kräf­ti­ge, dann habe ich den Ein­druck end­los sin­gen zu kön­nen. Mit die­sem Wei­chen, Zar­ten muss ich inzwi­schen auf­pas­sen, weil ich mer­ke, dass ich damit mei­ne Stim­me leich­ter ermü­de.

CRESCENDO: Aber Sie kön­nen die­ses Reper­toire noch sin­gen?
Ja, das funk­tio­niert noch, wor­über ich sehr froh bin. Es gab genug Sän­ger, die bereits mit 50 gro­ße Schwie­rig­kei­ten hat­ten, ihr Reper­toire zu hal­ten und dann ins soge­nann­te Cha­rak­ter­fach gegan­gen sind. Das ist mir bis­her erspart geblie­ben, und es fühlt sich so an, als wür­de das so blei­ben.

Jonas Kaufmann zu seinem Album Wien: »Operetten-Melodien müssen mit einem Lächeln, leicht und locker aus der Hüfte kommen.«

(Foto und Foto oben: © Gre­gor Hohen­berg / Sony Music Enter­tain­ment)

CRESCENDO: Auf Ihrem Album „Wien“, das eben­falls zu Ihren aktu­el­len Pro­jek­ten gehört, bie­ten Sie ja Melo­di­en aus der Donau­me­tro­po­le. Das klingt eher nach Ent­span­nungs­pro­gramm.
Das ist ein Trug­schluss. Es gibt nur einen grund­le­gen­den Unter- schied: In der Oper gilt es als Qua­li­täts­merk­mal, wenn man aus dem letz­ten Loch singt, sodass man das Gefühl hat, der platzt gleich – gera­de im Wag­ner-Bereich. Bei den Ope­ret­ten-Melo­di­en, die ich auf dem neu­en Album sin­ge, wür­de das nie­mand akzep­tie­ren. Es muss mit einem Lächeln, leicht und locker aus der Hüf­te kom­men, obwohl Ope­ret­te musi­ka­lisch schwer und viel­leicht sogar inten­si­ver ist.

Jonas Kaufmann zu seinem Album Wien: »Ich halte es für eine der größten Sünden im Musik-Business, Operette zu verachten.«

(Foto: © Gre­gor Hohen­berg / Sony Music Enter­tain­ment)

CRESCENDO: Inwie­fern?
In der Oper haben Sie Zeit, eine Sehn­suchts­ge­schich­te, eine Todes­ge­schich­te, eine Lie­bes­ge­schich­te mit all ihren Höhen und Tie­fen über drei, vier, fünf Stun­den hin­weg ver­teilt aus­zu­brei­ten. Ope­ret­ten­me­lo­di­en dage­gen sind viel kom­pak­ter. Hier ver­su­chen Sie, alles – über­trie­ben aus­ge­drückt – in weni­ge Tak­te hin­ein­zu­pres­sen und die­se Stim­mung auf den Moment zu tref­fen. Das ist am ehes­ten noch mit Lie­dern zu ver­glei­chen: Zwar haben Sie dort nur einen Part­ner am Kla­vier, in der Ope­ret­te hin­ge­gen ein gan­zes Orches­ter, doch bei bei­den Gen­res kann man sich nicht ver­ste­cken, da muss man Far­be beken­nen. Und bei Büh­nen­pro­duk­tio­nen von Ope­ret­ten müs­sen Sie eini­ges mehr kön­nen, als im gän­gi­gen Opern-Reper­toire gefor­dert ist: Dia­lo­ge spre­chen, tan­zen, impro­vi­sie­ren… Des­halb hal­te ich es für eine der größ­ten Sün­den im Musik­busi­ness, Ope­ret­te zu ver­ach­ten und die Abon­nen­ten mit dritt­klas­si­gen Pro­duk­tio­nen abzu­spei­sen.

Jonas Kaufmann zu seinem Album Wien: »Wir haben eine witzige Mischung aus Altem und Modernem gefunden.«

(Foto: © Gre­gor Hohen­berg / Sony Music Enter­tain­ment)

CRESCENDO: Aber wie kam die­ses Wie­ner Pro­jekt über­haupt zustan­de?
Vor ein paar Jah­ren habe ich das Album „Du bist die Welt für mich“ auf­ge­nom­men, als Hom­mage an die gro­ßen Kom­po­nis­ten, Text­dich­ter und Sän­ger, die zur Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik in Ber­lin all die­se Ever­greens geschaf­fen haben. Im Fall mei­nes „Wien“-Albums ist die Time­li­ne sehr viel län­ger, sie umfasst fast 100 Jah­re, geht von Johann Strauss bis Georg Kreis­ler. Wien ist für mich immer schon eine sehr wich­ti­ge musi­ka­li­sche Stadt gewe­sen. Und hier gibt es eben auch vie­le Unter­ka­te­go­ri­en der popu­lä­ren Musik, wo sich Tra­di­tio­nen von Oper und Ope­ret­te erhal­ten haben. Da haben wir eine wit­zi­ge Mischung aus Altem und Moder­nem gefun­den, aber alles mit dem glei­chen Wie­ner Charme und Schmäh.

CRESCENDO: „Wien“ ist viel­leicht kein so kom­mer­zi­el­ler Selbst­läu­fer wie eine CD mit Puc­ci­ni-Ari­en…
Ich mache nur Sachen, von denen ich unbe­dingt über­zeugt bin – ohne kom­mer­zi­el­le Hin­ter­ge­dan­ken. Ich will kei­nen Rund­um­schlag mehr wie bei mei­nem ers­ten Album, wo ich Ari­en ohne gro­ßen Zusam­men­hang zusam­men­ge­stü­ckelt habe. Ich will mei­nem Her­zen fol­gen. Bis­lang hat die­se Phi­lo­so­phie sehr gut funk­tio­niert. Des­halb gibt mir die Plat­ten­fir­ma die Frei­heit und sagt nicht ein­fach „Wir brau­chen ein Erfolgs­al­bum“.

Jonas Kaufmann über "Wien"

CRESCENDO: Das heißt, Sie genie­ßen einen gewis­sen Star­bo­nus?
Ich habe mich frü­her immer gewehrt, den Begriff „Star“ zu ver­wen­den, aber es gibt – so trau­rig das ist – nur noch weni­ge Klas­sik­künst­ler, bei denen es sich für ein Label lohnt, Auf­nah­men zu machen. Da gehö­re ich Gott sei Dank dazu. Des­halb genie­ße ich eine gewis­se Nar­ren­frei­heit, wobei ich die nicht aus­nut­ze, um nur schrä­ge und ver­rück­te Sachen zu machen.

Jonas Kaufmann: »Ich bin bereit, eines Tages den Staffelstab abzugeben.«

CRESCENDO: Und wel­che Her­aus­for­de­run­gen sehen Sie künf­tig vor sich? Sie haben ja fast alle Gen­res und Reper­toires gemeis­tert.
Es gibt vie­les, was mich reizt. Zum Bei­spiel wür­de es mich bren­nend inter­es­sie­ren zu diri­gie­ren, aber das muss ich in Ruhe ler­nen. Die Fra­ge ist auch: Braucht man das? Wenn die Stim­me lang genug hält, dass man bis Mitte/Ende 60 sei­ne Sachen sin­gen kann, stellt sich die Fra­ge nicht.

CRESCENDO: Und wenn das nicht mehr mög­lich ist?
Die Kunst ist, dass man sich wäh­rend des Berufs­le­bens genug Din­ge schafft, die einen neben dem Beruf erfül­len. Das sind Hob­bys, aber in aller­ers­ter Linie die Fami­lie. Auch wür­de ich ger­ne eines tun: mein Wis­sen an die nächs­te Genera­ti­on ver­mit­teln. Bis­lang war ein­fach kei­ne Zeit dafür da. Ich bin bereit, eines Tages den Staf­fel­stab abzu­ge­ben, denn ich habe kei­ne Angst, danach in ein Loch zu fal­len.

CRESCENDO: Sie wur­den zum vier­ten Mal Vater. Hilft das auch bei der Rol­len­in­ter­pre­ta­ti­on?
Vater zu sein bringt eine ganz ande­re Gewich­tung in mein Leben. Die­ses Bestre­ben, die per­fek­te künst­le­ri­sche Leis­tung zu bie­ten, hat sich extrem rela­ti­viert. Das heißt nicht, dass ich mei­nen Beruf nicht ernst neh­me. Aber ich weiß: Ich kann auch dann auf die Büh­ne und eine gute Leis­tung ablie­fern, wenn ich vor­her mit mei­nem Kind ins Kran­ken­haus muss, weil es sich den Arm gebro­chen hat. Mit Adre­na­lin funk­tio­niert alles. Genau die­ses Wis­sen ver­schafft mir eine Locker­heit, die man fürs Sin­gen unbe­dingt braucht.

Johann Strauss, Franz Lehár, Her­mann Leo­pol­di, Robert Stolz, Georg Kreis­ler u.a.:
„Wien“,
Jonas Kauf­mann, Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, Ádám Fischer (Sony)
www.amazon.de 

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu Kon­zert­ter­mi­nen: www.jonaskaufmann.com 

Lesen Sie auch, war­um für Jonas Kauf­mann die Oper grö­ßer ist als Schau­spiel: crescendo.de

 

 

 

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