Woher kommt eigentlich... Das Phänomen Wunderkind?

Wunderkinder sollen bewundert werden. Im Berliner Volksmund heißt das: „Ick kieke, staune, wundre mir.“ 1925 machte Kurt Weill daraus das Klopslied. Da wo man hinkiekt und staunt, dort lassen sich Wunderkinder in bare Münze verwandeln. Nicht nur Deutschland sucht den Superstar, die ganze Welt ist voller Wunder, man schaue nur bei Youtube nach. Es geht um Superlative, von denen sich das Wunderkind und sein Umfeld erhoffen, Stufe für Stufe in den Olymp von Ruhm und Reichtum zu gelangen. Vor dem Ehrgeiz des Kindes steht der Ehrgeiz der Eltern.

Wun­der­kind Paga­ni­ni erin­nert sich an sei­nen Vater: „Bald erkann­te er mei­ne Natur­anla­ge, ihm habe ich die Anfangs­grün­de in der Kunst zu ver­dan­ken. Sei­ne Haupt­lei­den­schaft ließ ihn sich viel zu Hau­se beschäf­ti­gen, um durch gewis­se Berech­nun­gen und Com­bi­na­tio­nen Lot­te­rie-Num­mern auf­zu­fin­den, von denen er sich bedeu­ten­den Gewinn ver­sprach. Des­halb grü­bel­te er sehr viel und zwang mich, nicht von sei­ner Sei­te zu wei­chen, so daß ich vom Mor­gen bis zum Abend die Vio­li­ne in der Hand hal­ten muss­te … schien ich ihm nicht flei­ßig genug, so zwang er mich durch Hun­ger zur Ver­dop­pe­lung mei­ner Kräf­te, so dass ich kör­per­lich viel aus­zu­ste­hen hat­te, und die Gesund­heit zu lei­den begann.“ Der Kom­po­nist und Musik­kri­ti­ker Alfred Juli­us Becher pos­tu­lier­te 1843 in den „Wie­ner Sonn­tags­blät­tern“, man sol­le „sol­che Kin­der­quä­le­rei und Kunst­pro­sti­tu­ti­on unter poli­zei­li­che Auf­sicht stel­len“.

Die „All­ge­mei­ne Musi­ka­li­sche Zei­tung“, zu deren Abon­nen­ten auch Goe­the zähl­te, bemerk­te 1823, dass aller­orts Wun­der­kin­der „wie Pil­ze her­vor­schos­sen“. So wuss­te Goe­the: „Die musi­ka­li­schen Wun­der­kin­der sind zwar hin­sicht­lich der tech­ni­schen Fer­tig­keit heut­zu­ta­ge kei­ne so gro­ße Sel­ten­heit mehr …“, ergänz­te jedoch in Bezug auf den jun­gen Men­dels­sohn: „… was aber die­ser klei­ne Mann im Fan­ta­sie­ren und Pri­ma­vist­spie­len ver­mag, das grenzt ans Wun­der­ba­re und ich hab es bei so jun­gen Jah­ren nicht für mög­lich gehal­ten.“ Gegen­über Zel­ter, der Men­dels­sohn unter­rich­te­te, staun­te er über den Zwölf­jäh­ri­gen: „Was Dein Schü­ler jetzt leis­tet, mag sich zum dama­li­gen Mozart ver­hal­ten wie die aus­ge­bil­de­te Spra­che eines Erwach­se­nen zu dem Lal­len eines Kin­des.“ Mozart als Maß­stab, es soll­te immer ein „neu­er Mozart“ her. Men­dels­sohns Vater war als Ban­kier erfolg­reich, wünsch­te sich von sei­nem Sohn Opern und Ora­to­ri­en. Dafür scheu­te er weder Kos­ten noch Mühen. Mit 16 stell­te Felix sei­ne Oper Die Hoch­zeit des Cama­cho fer­tig. Der Som­mer­nachts­traum ist das Werk eines 17-Jäh­ri­gen. War es der Vater, der ihn antrieb oder – Mozart ähn­lich – die Ahnung, früh voll­enden zu müs­sen? Felix Men­dels­sohn starb mit 38.

höher, schnel­ler, wei­ter“

Es kann auch anders sein. Camil­le Saint-Saëns begann mit sechs Jah­ren zu kom­po­nie­ren, obwohl ihm dafür noch 80 wei­te­re Jah­re blie­ben. Oder war er erst drei Jah­re alt, als er das ers­te Stück schrieb? Im Reich von „höher, schnel­ler, wei­ter“ diver­gie­ren die Anga­ben. Mut­ter und Groß­tan­te för­der­ten ihn, der Vater war kurz nach Camil­les Geburt ver­stor­ben. „Als ich zwei­ein­halb Jah­re alt war, setz­ten sie mich vor ein klei­nes Kla­vier, was seit Jah­ren nicht mehr geöff­net wor­den war. Anstatt dar­auf her­um­zu­trom­meln, wie es die meis­ten in mei­nem Alter getan hät­ten, schlug ich eine Note nach der ande­ren an, jedoch immer erst, wenn die vor­he­ri­ge aus­ge­klun­gen war.“ Lite­ra­tur für Kin­der zu spie­len lang­weil­te das Wun­der­kind, bald schon leg­ten sie ihm Mozart und Haydn vor. „Mit fünf konn­te ich klei­ne Sona­ten kor­rekt spie­len, gut inter­pre­tiert und in exzel­len­ter Genau­ig­keit.“ Dass er all das unter Zwang getan habe, ent­kräf­tet Saint-Saëns in sei­nen „Musi­ka­li­schen Erin­ne­run­gen“: „Ich habe in einer Bio­gra­fie gele­sen, ich sei mit der Peit­sche bedroht wor­den, damit ich spie­le. Das ist abso­lut falsch.“

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Die ita­lie­ni­sche Gei­ge­rin Tere­sa Mila­nol­lo begann ihren Unter­richt mit vier Jah­ren. 1843, als sie 16 war und ihre Schwes­ter Maria elf, spiel­ten die bei­den im Wie­ner Redou­ten­saal vor 4.000 Leu­ten. „Seit Paga­ni­ni dürf­te sich kaum ein ande­res Con­cert eines sol­chen Zuspru­ches erfreut haben, wie die­ses.“ Hier rief Becher nicht nach „poli­zei­li­cher Auf­sicht“, son­dern lob­te: „Die in noch so unrei­fem Alter über­na­tür­lich erschei­nen­de Tie­fe der Emp­fin­dung und die dar­aus her­vor­ge­hen­de Voll­endung der Exe­ku­ti­on. So kann aber auch kein Mann spie­len!“ Was steht hin­ter dem Wunsch, die Welt ins Kie­ken, Stau­nen, Wun­dern zu ver­set­zen? Viel­leicht der Ruf, mit dem Kurt Weills Klops­lied endet: „Icke! Icke! Icke!!“

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Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

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