Ein Kaffee mit Jasmin TabatabaiMusik musste für mich vor allem laut und kraftvoll sein!“

Jasmin Tabatabai
Foto: Emilio Esbardo

Jasmin Tabatabai (*1967 in Teheran) ist eine deutsch-iranische Schauspielerin und Sängerin. Bekannt wurde sie 1997 durch den Film „Bandits“, für den sie auch Songs geschrieben hat.

crescendo: Ihr Vater war Iraner, Ihre Mutter stammt aus Deutschland. Als Kind haben Sie mit Ihrer Familie in Teheran gelebt. Was ist Ihnen aus der Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Jas­min Taba­ta­bai: Es war eine völ­lig ande­re Welt. Ich habe die ers­ten zwölf Jah­re mei­nes Lebens im Iran ver­bracht. Mei­ne drei Geschwis­ter und ich hat­ten eine sehr schö­ne, unbe­küm­mer­te Kind­heit. Ich erin­ne­re mich vor allem an viel Son­ne, an lan­ge und hei­ße Som­mer. Jedes Jahr haben wir Urlaub am Kas­pi­schen Meer gemacht.

Nach der Machtergreifung der Mullahs ging Ihre Familie Anfang 1979 nach Deutschland.

Wir woll­ten erst ein­mal abwar­ten, doch die Lage beru­hig­te sich nicht. Nach einem Jahr kehr­te mein Vater allein in den Iran zurück, weil er kei­ne Arbeit gefun­den hat­te. Mei­ne Mut­ter blieb mit den Kin­dern in Deutsch­land, damit wir nicht in Unfrei­heit unter dem Chomei­ni-Regime auf­wach­sen muss­ten. Mei­nen Töch­tern wür­de ich es auch nicht zumu­ten wol­len, sich ver­schlei­ern zu müs­sen. Sie sol­len in einem Land leben, in dem sie selbst ent­schei­den kön­nen, wie sie sich anzie­hen.

Bedeutete der Umzug nach Deutschland für Sie einen Kulturschock?

Ich war vor­her jedes Jahr in den Feri­en in Deutsch­land gewe­sen. Doch als wir dann hier­hin­zo­gen, fand ich es ein­fach nur fürch­ter­lich. Ich habe eine gro­ße sozia­le Käl­te gespürt. Deutsch­land ist ein Land, in dem man sich als Frem­der nur schwer ein­le­ben kann. Es dau­ert lan­ge, bis man sich wirk­lich wohl­fühlt. Ich weiß nicht, ob das allen Deut­schen bewusst ist. Wenn das Eis aber erst mal gebro­chen ist, sind vie­le Bezie­hun­gen bestän­di­ger als anders­wo.

Überall gibt es ungeschriebene Gesetze, auch im Orient.

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Rich­tig, man muss immer zwi­schen den Zei­len lesen. Wenn man im Iran spon­tan Freun­de besucht, wür­de einem nie­mand ins Gesicht sagen, dass man nicht will­kom­men ist. Die Höf­lich­keits­for­men die­ser Kul­tur ver­bie­ten das. In Deutsch­land sagen die Leu­ten dage­gen ganz offen, wenn es ihnen gera­de nicht passt. Ein Ira­ner wäre des­we­gen töd­lich belei­digt. In Deutsch­land darf man aller­dings nicht zu spät zu einem Essen kom­men. Das wäre im Iran kein Pro­blem. Um eine neue Kul­tur zu ver­ste­hen, braucht man gro­ße Sen­si­bi­li­tät und Lern­be­reit­schaft.

Was für eine Welt wünschen Sie sich für Ihre Kinder?

Ich fin­de, es ist aller­höchs­te Zeit, dass jeder von uns umdenkt. Die Glo­ba­li­sie­rung führt dazu, dass die Sche­re zwi­schen Arm und Reich immer wei­ter aus­ein­an­der­klafft. Weni­ge Men­schen wer­den immer wohl­ha­ben­der, sehr vie­le immer ärmer. Das wird auf Dau­er nicht gut gehen. Was kön­nen wir dage­gen tun? Zuerst ein­mal soll­te jeder Ein­zel­ne von sei­nem Ego­is­mus weg­kom­men.

Frü­her muss­te Musik für mich vor allem laut und kraft­voll sein“

Was denken Sie über Berlin, wo Sie gerade wieder für eine ZDF-Krimiserie vor der Kamera stehen?

Ber­lin ist die viel­fäl­tigs­te Groß­stadt, die ich ken­ne. Ich woh­ne schon seit 1992 hier. Vor allem in den letz­ten zehn Jah­ren hat sich alles wahn­sin­nig ver­än­dert, aller­dings nicht nur zum Guten. Die Bil­lig­flie­ger brin­gen mas­sen­wei­se Tou­ris­ten mit Roll­kof­fern hier­her, die dann in pri­va­ten Feri­en­apart­ments über­nach­ten. Bezahl­ba­rer Wohn­raum für Fami­li­en wird immer knap­per. Irgend­wann wird es sich wohl kaum noch jemand leis­ten kön­nen, mit­ten in der Stadt zu woh­nen.

In „Letzte Spur Berlin“ spielen Sie eine LKA-Ermittlerin, die nach Vermissten sucht. Auch in der Realität verschwinden in der Stadt viele Menschen.

Jedes Jahr wer­den in Ber­lin etwa 8.000 Ver­miss­ten­an­zei­gen auf­ge­ge­ben. Die Serie ist also nah dran am wirk­li­chen Leben. Immer wenn ein Mensch ver­schwin­det, gibt es ein Geheim­nis zu lüf­ten. Vie­le füh­ren ein heim­li­ches Dop­pel­le­ben. Das gibt uns die Chan­ce, span­nen­de Fami­li­en­dra­men auf­zu­de­cken. In ande­ren Kri­mis gibt es immer eine Lei­che, bei uns dage­gen manch­mal auch ein Hap­py End.

Sie haben nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Sängerin Erfolg. Wie kamen Sie zur Musik?

Auf der Schau­spiel­schu­le in Stutt­gart bin ich bei einem Weih­nachts­sin­gen durch mei­ne Stim­me auf­ge­fal­len. Ich kam dann rasch in Kon­takt mit Musi­kern. In den ers­ten Jah­ren in Ber­lin bin ich viel mit mei­ner Band „Even Cow­girls Get The Blues“ auf­ge­tre­ten. In der Zeit fing ich an, selbst Lie­der zu schrei­ben. In Kat­ja von Gar­niers Film „Ban­dits“, mit dem ich 1997 bekannt wur­de, grün­de ich mit Kat­ja Rie­mann, Nico­let­te Kre­bitz und Jut­ta Hof­mann im Gefäng­nis eine Band. Meh­re­re Songs in dem Film stam­men von mir.

Erst waren Sie Rocksängerin, dann entdeckten Sie den Jazz.

Dazu hat mich die Arbeit mit dem Schwei­zer Kom­po­nis­ten David Klein inspi­riert. Er hat auch mein neu­es­tes Album „Was sagt man zu den Men­schen, wenn man trau­rig ist?“ pro­du­ziert. Jazz ist locker und läs­sig, eigent­lich frei von jeder Pose. Ich spü­re dar­in eine gewis­se Gelas­sen­heit, die ich mit 20 Jah­ren noch gar nicht ver­stan­den hät­te. Frü­her muss­te Musik für mich vor allem laut und kraft­voll sein.

Können Sie eigentlich Noten lesen?

Nein, ich sin­ge immer nach Gehör. Musik kommt bei mir direkt aus dem Her­zen. Alles ande­re wäre mir viel zu ver­kopft. Als Schau­spie­le­rin kann ich ja mei­ne Tex­te auch aus­wen­dig, wenn ich auf die Büh­ne gehe oder vor der Kame­ra ste­he. Selbst wenn ich jog­ge oder Lie­ge­stüt­ze mache, muss der Text im Kör­per sit­zen. Nur dann kann ich alles mit Emo­tio­nen fül­len und ande­re Men­schen errei­chen.

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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