Ein Kaffee mit Chick CoreaIch blühe durch die Vielfalt der Künste“

Chick Corea
Foto: Thomas Krebs

Armando Anthony „Chick“ Corea (*1941 in Chelsea, Massachusetts) ist Pianist und Komponist. Er ist einer der Gründerväter des Jazzrock und sprengt immer wieder die Grenzen zwischen Jazz, Klassik und anderen Musikgenres.

crescendo: Mister Corea, was würden Sie nach Ihrer unglaublichen Karriere immer noch genauso machen?

Chick Corea: Ach, das wäre rei­ne Spe­ku­la­ti­on! Ich wür­de tat­säch­lich nie­mals ver­su­chen, die Ver­gan­gen­heit zu wie­der­ho­len! Das ech­te Aben­teu­er besteht dar­in, sich immer wie­der etwas Neu­es ein­fal­len zu las­sen.

Sie scheinen also ein sehr neugieriger Mensch zu sein …

Nur dadurch bleibt man am Leben! Ansons­ten hören wir auf hin­zu­schau­en und den­ken viel zu viel nach. Wie gesagt, die ech­te Her­aus­for­de­rung ist es, immer etwas Neu­es zu ent­de­cken. Sonst lang­weilt man sich, und es geht sofort berg­ab.

Von Ihrer Band Circle aus den 70er-Jahren zu Mozart oder auch umgekehrt ist es ein langer Weg. Werden Sie nicht manchmal wahnsinnig vor lauter Kulturkontrasten?

Ich blü­he durch die Viel­falt der Küns­te, die Viel­falt in der Inter­pre­ta­ti­on und des Lebens im All­ge­mei­nen erst rich­tig auf! Ich lie­be es zu musi­zie­ren und dann zu erle­ben, wie ver­schie­de­ne Ansät­ze sich unter­schied­lich aus­wir­ken. Die per­fek­te Kunst gibt es nicht! Für mich ist die Qua­li­tät des Effekts auf den Hörer das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um. Ich möch­te, dass die Zuhö­rer etwas Posi­ti­ves und hof­fent­lich Erhe­ben­des mit nach Hau­se neh­men.

Viele Musiker lieben Konzerte und hassen das Reisen …

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Rei­sen ist groß­ar­tig! Leu­te tref­fen ; schau­en, wie es anders­wo auf der Welt zugeht; schau­en, was ich selbst für mich mit­neh­men kann. Flug­hä­fen und Flug­ge­sell­schaf­ten sind aller­dings nicht so mein Ding. Aber ich glau­be, die mag ja kei­ner.

Was kriegen Sie von den Städten, in denen Sie spielen, denn so mit? Nur die Konzertsäle?

Meis­tens krie­ge ich weni­ger mit, als ich ger­ne wür­de. Aber manch­mal ist noch Zeit für einen Spa­zier­gang, und manch­mal habe ich zwi­schen den Auf­trit­ten auch ein oder zwei Tage frei.

Kann man als einer der bekanntesten Jazzmusiker der Welt noch in den Supermarkt gehen, ohne von einer Horde Fans verfolgt zu werden?

Ich sehe kei­nen Grund dafür, inko­gni­to zu blei­ben. Manch­mal erken­nen mich die Leu­te, aber sie neh­men mich immer gut auf. Und mir macht’s Spaß, die Leu­te zu tref­fen, die mei­ne Musik mögen. Heu­te hab ich einen Typen getrof­fen, der zu mir mein­te: „Weißt du, dass du aus­siehst wie Car­los San­ta­na?“ Tat­säch­lich ist mir das schon ein paar Mal pas­siert …

Vielreisende Musiker werden oft zu Zigarren-, Whiskey- oder Weinspezialisten – manchmal schon aus purer Langeweile. Oder sie entwickeln absurde Sammelleidenschaften. Was ist Ihr kleines, geheimes Laster?

Ich habe mein Leben lang geraucht, damit aber vor zehn Jah­ren auf­ge­hört. Seit eini­gen Jah­ren bin ich Vege­ta­ri­er. Des­halb führt mich ein guter Tel­ler Pas­ta mit Käse, fei­nem Öl und gut gewürz­ter Soße echt in Ver­su­chung. Mei­ne Eltern waren bei­de Ita­lie­ner der ers­ten Genera­ti­on in Ame­ri­ka. Des­halb bin ich mit der Lie­be zur ita­lie­ni­schen Küche groß gewor­den. Mei­ne Mut­ter Anna war in die­ser Hin­sicht die Aller­größ­te! Aber auch heu­te Abend habe ich wun­der­vol­le Spa­ghet­ti arra­bia­ta hier im ita­lie­ni­schen Fer­ra­ra geges­sen.

Sie haben viel Inspiration aus den Büchern von L. Ron Hubbard* gezogen. Was würden Sie ihn fragen, wenn Sie ihn persönlich träfen?

Ich hat­te tat­säch­lich jah­re­lang einen ange­reg­ten Brief­wech­sel mit LRH. Sei­ne Ant­wor­ten waren immer warm­her­zig und für mich unglaub­lich prak­tisch und hilf­reich. Heu­te wür­de ich ihn wahr­schein­lich fra­gen, wie man mehr Mensch­lich­keit in die Welt brin­gen könn­te. Ich schät­ze, sei­ne Ant­wort wäre irgend­ei­ne neue und spon­ta­ne Ver­si­on sei­nes Buches „Der Weg zum Glück­lich­sein“.

Ich bin Fan von Fantasy und Science-Fiction. Und Sie? ­Lieblingsbuch?

Tat­säch­lich gehö­ren Sci­ence-Fic­tion und Fan­ta­sy auch zu mei­nen Lieb­lings­gen­res und L. Ron Hub­bard ist da mein Lieb­lings­au­tor. Ich habe sogar zwei Plat­ten auf­ge­nom­men, die auf Ton­dich­tun­gen nach sei­nen Erzäh­lun­gen Zu den Ster­nen und Das letz­te Aben­teu­er basie­ren. Ich bin aber auch ein Rie­sen­fan von Robert Hein­lein.

Haben Sie schon mal daran gedacht, mit der Musik aufzuhören und etwas ganz anderes zu machen? Malen, fotografieren, kochen?

Haha, auf­zu­hö­ren, etwas zu schöp­fen, ist der Tod! Es wür­de mir gefal­len, jede der drei Küns­te, die Sie genannt haben, eine Lebens­zeit lang aus­zu­üben!

Apropos kochen:  Was war das beste Essen, das Sie je gegessen haben?

Oh, es gab ein­fach viel zu vie­le „bes­te Essen“… zum Bei­spiel die Spa­ghet­ti arra­bia­ta von heu­te Abend!

Wenn eine nächste Voyager-Sonde mit dem kulturellen Erbe der Menschheit ins All geschickt würde, welches Ihrer Stücke empfehlen Sie dafür?

Aus dem Stand wür­de ich sagen Some­time Ago/La Fies­ta von dem ers­ten „Return To Forever“-Album bei ECM Records.

Vor vielen Jahren haben Sie zusammen mit Friedrich Gulda gespielt. Was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?

Fried­rich war ein groß­ar­ti­ger Musi­ker, fan­tas­ti­scher Pia­nist und wich­ti­ger Men­tor für mich, der dann auch zu einem guten Freund wur­de. Ihm ver­dan­ke ich mei­ne ers­ten Erfah­run­gen mit Mozart: Ich durf­te mit dem gro­ßen Diri­gen­ten Niko­laus Har­non­court und dem Con­cert­ge­bouw Orches­ter spie­len. Er war ein wil­der Kerl – und sehr wit­zig!

*Anmer­kung der Redak­ti­on: Der 1986 ver­stor­be­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Sci­ence-Fic­tion- und Selbst­hil­fe-Autor L. Ron Hub­bard ist Grün­der der Sek­te „Sci­en­to­lo­gy“. Sowohl der Reli­gi­ons­cha­rak­ter als auch die Metho­den der Orga­ni­sa­ti­on sind äußerst umstrit­ten. In Deutsch­land wird Sci­en­to­lo­gy seit 1997 durch den Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet. Chick Corea ist seit vie­len Jah­ren beken­nen­der Anhän­ger der Bewe­gung.

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Ralf Dombrowski
Ralf Dombrowski ist Musikjournalist und Fotograf aus München und arbeitet seit 1994 für die Süddeutsche Zeitung, den Bayerischen Rundfunk und diverse Fachmedien. Darüber hinaus ist er als Buchautor, Juror, Label Producer und Berater aktiv und greift, wenn es die Zeit erlaubt, auch gerne selbst in die Tasten.

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