Sohn von … ist längst kein Nebensatz mehr, wenn von Matthias Brandt (*1961) die Rede ist. Denn längst hat er sich als erfolgreicher Schauspieler emanzipiert. 2016 legte er mit „Raumpatrouille“ sehr amüsante Geschichten aus seiner Kindheit vor. In denen man dann doch dem ehemaligen Bundeskanzler begegnet. Jetzt schlüpft er auf der Hörbiografie in die Rolle von Robert Schumann.

CRESCENDO: Herr Brandt, man weiß, dass Sie sich für Fußball begeistern. Sind Sie auch Musikliebhaber?

Matthias Brandt: Ja, unbedingt. Musik hat für mich immer eine große Rolle gespielt und tut es noch, beruflich und privat. Ich kann mir mein Leben ohne Musik gar nicht vorstellen.

Welche Art von Musik mögen Sie?

Ich höre fast alles: von klassischer Musik bis Rammstein, auch Jazz – je nach Lebensphase. Ich habe mich nie von einer Musikrichtung abgewandt, nur immer neue dazugewonnen. Womit ich allerdings nicht mehr umgehen kann, ist, Musik im Hintergrund zu hören, zum Beispiel im Café. Wenn Musik im Raum ist, ich mich mit ihr aber nicht beschäftigen kann, irritiert mich das.

2016 erschien Ihr Buch „Raumpatrouille“. Dazu gehört das Musikalbum „Memory Boy“ von Jens Thomas. Wie kamen Sie auf die Idee, Ihren Text mit Musik zu verbinden?

Wir haben schon vorher Projekte zusammen gemacht, in denen Jens zu dem, was ich lese oder erzähle, einen Soundtrack entwickelt. So etwas wollten wir dann auch mit meinen eigenen Texten und seinen selbst geschriebenen Songs machen. Während er die Musik schrieb und ich am Buch arbeitete, standen wir permanent miteinander im Austausch und haben uns gegenseitig inspiriert. Wie ein Briefwechsel. Weil wir uns aber mit unterschiedlichen Mitteln ausdrücken, ist eben so etwas dabei herausgekommen.

Kann Musik etwas besser ausdrücken als Sprache?

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Ich habe immer das Gefühl, dass Musik in Bereiche des Ausdrucks vordringen kann, wo die Sprache nicht hinkommt. Mit der Meinung bin ich nicht allein, das spiegelt nur ein latentes Unterlegenheitsgefühl von Schauspielern Musikern gegenüber. Aber das ist gar kein Neid, sondern das ist einfach so.

„Ich mag Sprache sehr, misstraue ihr aber auch“

Als Schauspieler und Sprecher tragen Sie die Texte anderer vor. Wie war es, für Ihr Buch eigene Worte zu finden?

Beides habe ich immer als Gewinn empfunden, weil ich mich sehr intensiv mit Sprache beschäftigen konnte. Auch damit, wie etwas klingt, was nicht ganz unwesentlich ist. Ich habe ja erst sehr spät etwas veröffentlicht und war erstaunt, dass Schreiben und Spielen viel näher beieinanderliegen, als ich dachte. Es ist einfach ein Erzählen mit anderen Mitteln.

Wie charakterisieren Sie Ihre Beziehung zur Sprache?

Ich betrachte sie oft mit skeptischem Interesse. Ich mag Sprache sehr, misstraue ihr aber auch. Ich glaube, dass die Ausdrucksmöglichkeiten von Sprache oft überschätzt werden, aber ich bin natürlich trotzdem immer angezogen und fasziniert davon, die Nuancen auszuloten.

Was reizt Sie am Sprechen von Texten?

Im Idealfall klingt etwas schon längst Ausformuliertes so, als
würde es jetzt gerade erst entstehen. Kleist hat das die „Verfertigung der Gedanken beim Reden“ genannt. Darin unterscheidet sich aber ein Text nicht von einem notierten Musikstück. Die intensivsten Musikerlebnisse sind diejenigen, wenn ich das Gefühl habe, die Musik entsteht genau in diesem Moment, auch wenn sie 250 Jahre alt ist.

„Im Tonstudio ist die einzige Wahrnehmungsebene, die zählt, die Akustik“

Was fasziniert Sie daran, einen Text „nur“ zu sprechen, ohne zu schauspielern?

Im Tonstudio ist die einzige Wahrnehmungsebene, die zählt, die Akustik. Was ich da sonst noch an Verrenkungen mache, hat nichts mit schauspielerischem Ausdruck zu tun, sondern ist nur dafür da, die richtige akustische Wirkung zu erzeugen. Ich glaube, das sieht mitunter ziemlich komisch aus. Das ist ein lustiger, aber auch ein freier Vorgang. Es ist wie auf dem Spielplatz.

Wie haben Sie als Sprecher Robert Schumann erlebt?

Schumann kannte ich als Komponisten nicht besonders gut. Vor ein paar Jahren spielten die Berliner Philharmoniker in kurzer Zeit alle seine Sinfonien, die habe ich mir angehört. Seine Musik habe ich als im besten Sinne unfertig verstanden, als „work in progress“. Da sind Elemente, die sind unausgegoren, die arbeiten gegeneinander. Man merkt, da hat jemand mit sich und in sich gearbeitet.

Wie viel von der Person, die man spricht, ist man selbst?

Es hat immer mit einem persönlich zu tun. Für eine Rolle, die ich spiele, habe ich ja nur mich und meine Wahrnehmung zur Verfügung. Man begibt sich mit allem, was man hat, in die Rolle hinein. Ich wüsste keinen anderen Weg, und mir wäre schleierhaft, wie man aus der Distanz jemanden verkörpern soll.

„Mich hat seit jeher das Schweigen interessiert“

Was macht eine schöne Stimme aus?

Ich finde, das hat viel mit Wahrhaftigkeit zu tun, die eine Stimme transportiert – diese Momente, in denen man einfach nur zuhört, und Dinge, die man schon tausendmal gehört hat, so zu hören, als sei das nicht der Fall. Das ist etwas ganz Besonderes. Ob das jetzt Schönheit ist, weiß ich nicht, aber warum nicht?

Ist es für Sie eigentlich auch ein komisches Gefühl, die eigene Stimme auf Band zu hören?

Ja, das hört nie auf. Man kann zwar professioneller damit umgehen, weil man daran gewöhnt ist. Aber dieser groteske Moment, wenn man sich zum erste Mal auf dem Anrufbeantworter gehört hat und denkt, der Apparat ist kaputt, das bin doch nicht ich – das geht nie ganz weg. Alles hört sich immer vollkommen anders an, als man denkt. Im Film ist das noch extremer, wenn Sie sich dazu noch sehen. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn beim Sprechen ist meine Innenwahrnehmung das Entscheidende, mein ganzes künstlerisches Koordinatensystem bezieht sich darauf. Zu einer zweiten, rein äußerlichen Beurteilungsebene könnte ich gar keine seelische Verbindung herstellen.

Reden ist Silber, und Schweigen ist Gold?

Ich finde, es gibt eine Zeit zum Reden und eine zum Schweigen. Mich hat seit jeher das Schweigen interessiert. Ich suche immer nach Momenten, die man erzählen kann, ohne etwas zu sagen. Auch in der Musik finde ich Stille sehr interessant, auch darüber nachzudenken, ob Stille der Ursprung von Musik überhaupt ist. ­
Ich glaube, wenn Musik Substanz hat, dann kommt sie aus der Stille und sucht auch immer wieder danach.

Ute Elena Hamm
Als Journalistin spürt Ute Elena Hamm klassischer Musik am liebsten abseits der Konzertsäle nach: ob in der Kunst, in der Werkstatt, im Flugzeug – oder in der Literatur, wie in ihrem aktuellen Promotionsprojekt. Auf der Bühne fühlt sie sich aber ebenfalls zuhause: als professionelle Sängerin, auch in renommierten Vokalensembles und Rundfunkchören.

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