Axel Brüggemann über Dirigenten Kann man einen Dirigenten hören?

Neu­lich erreich­te mich auf mei­nem Insta­gram-Account eine span­nen­de Fra­ge zwei­er Sän­ger. Sie haben sich gewun­dert, dass die Deut­sche Gram­mo­phon zum Geburts­tag von Andris Nel­sons auf ver­schie­de­ne Auf­nah­men ver­wie­sen hat, auf denen er „zu hören“ sei. Der Link führ­te zu Ein­spie­lun­gen, auf deren Cover Nel­sons zu sehen war. Die Fra­ge der bei­den: Sind Diri­gen­ten auf einer Auf­nah­me wirk­lich zu „hören“? Und wird die­se Art der Wer­bung den Orches­tern und Mit­wir­ken­den gerecht? Ist der Klang nicht viel­mehr Aus­druck einer Orches­ter-Tra­di­ti­on denn des jewei­li­gen Diri­gen­ten?

Bei die­ser Fra­ge dach­te ich spon­tan an eine Pro­be von Clau­dio Abba­do mit dem Lucer­ne Fes­ti­val Orches­tra, der ich einst bei­woh­nen durf­te. Sie lief unge­fähr so ab: Abba­do gab den Ein­satz, brach nach 10 oder 20 Tak­ten ab und sag­te mit lei­ser Stim­me: „Ja, aber – ähm, kön­nen wir das viel­leicht noch ein­mal machen?“ Dann gab er erneut den Ein­satz, um etwas spä­ter wie­der abzu­bre­chen und zu flüs­tern: „Ja, gut, aber viel­leicht pro­bie­ren wir das ein­fach noch Mal.“ So ging es sechs oder sie­ben Mal. Das für mich Magi­sche an die­ser Situa­ti­on: Der ers­te Durch­gang und der letz­te waren grund­ver­schie­den, und das, obwohl Abba­do kei­ne ein­zi­ge kon­kre­te Inter­pre­ta­ti­ons-Anwei­sung gege­ben hat. Sei­ne Idee war es offen­sicht­lich, das Orches­ter zu zwin­gen, einen eige­nen, „rich­ti­gen“ Weg der Inter­pre­ta­ti­on zu fin­den. Das Ergeb­nis im Kon­zert war eine Inter­pre­ta­ti­on, deren gro­ße Kunst dar­in bestand, dass sie sich anhör­te, als woll­te sie nichts sein, außer Musik.

Etwas spä­ter habe ich die­se Erfah­rung bei Clau­dio Abba­do noch ein­mal machen dür­fen, bei sei­ner „Zau­ber­flö­te“ in Baden-Baden. Mozarts „Zau­ber­flö­te“ mit ihrer welt­um­span­nen­den, offe­nen, mys­ti­schen, sym­bo­lisch-auf­ge­la­de­nen Bot­schaft ver­lockt vie­le Diri­gen­ten, etwas ganz Beson­de­res in die­ser Oper hör­bar wer­den zu las­sen.  In der Regel beginnt das schon in den ers­ten Akkor­den, wenn das frei­mau­ri­sche Schwer­ge­wicht die­ser Kom­po­si­ti­on ertönt. Ganz anders klang es bei Abba­do: Sein Mozart woll­te nichts und war viel­leicht gera­de des­halb so unglaub­lich selbst­ver­ständ­lich. Ja, viel­leicht ist das Nichts-Wol­len, die Kunst, eine Unmit­tel­bar­keit zur Musik zu schaf­fen, ihr kei­ne Ideo­lo­gie, kei­ne eige­ne Welt­an­schau­ung über­zu­stül­pen, die größ­te Anstren­gung eines Musi­kers, die den größ­ten und sou­ve­räns­ten Wil­len erfor­dert. Den Wil­len, der Musik mehr zu ver­trau­en als sich sel­ber. Ein Wil­le, den Abba­do übri­gens auch in sei­ner letz­ten Auf­nah­me hören las­sen hat, in Mozarts Kla­vier­kon­zer­ten mit Mar­tha Arge­rich und dem Mozart Orches­ter.

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Zurück zur ursprüng­li­chen Fra­ge: Clau­dio Abba­do war für mich einer jener Künst­ler, die es ver­stan­den haben, Musik „ein­fach“ pas­sie­ren zu las­sen. Und, ja, der – egal, ob bei den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern, mit dem Lucer­ne Fes­ti­val Orches­tra oder eben dem Mozart Orches­ter – ein Diri­gent war, für den ein Ensem­ble immer auch einen eige­nen Geist hat­te. Abba­dos Diri­gen­ten-Per­sön­lich­keit bestand auf der einen Sei­te dar­in, genau zu wis­sen, was er woll­te, näm­lich die Musi­ker, mit denen er musi­zier­te, ihren kol­lek­ti­ven Geist, über eine bestimm­te Kom­po­si­ti­on zu ent­wi­ckeln. Abba­dos Sicht­bar­keit (oder bes­ser sei­ne „Hör­bar­keit“) bestand also dar­in, die Selbst­ver­ständ­lich­keit hör­bar wer­den zu las­sen.

Das Nichts­wol­len als größ­ter Wil­le“

An die­ser Stel­le ist viel­leicht ein klei­ner Exkurs über den Fuß­ball ange­bracht. Als leid­ge­plag­ter Wer­der-Fan weiß ich, dass sich ein Trai­ner­wech­sel zuwei­len durch­aus auf eine Mann­schaft aus­wir­ken kann. Alex­an­der Nou­ri hat­te irgend­wann kei­nen Zugriff mehr auf sein Team, Flo­ri­an Koh­feld gelang das wie­der – durch Begeis­te­rung, aber eben auch dadurch, dass er sein aus­ge­klü­gel­tes Tak­tik-Sys­tem nicht über die Spie­ler stülp­te, son­dern sei­ne Tak­tik nach den Spie­lern (und mit den Spie­lern zusam­men) aus­rich­te­te. Bei Trai­nern ist es viel­leicht ein biss­chen wie bei Diri­gen­ten: Sie spie­len nicht mit, schie­ßen kei­ne Tore, aber sie haben durch­aus einen gro­ßen Ein­fluss auf das Spiel: Dadurch, wie sie trai­nie­ren und dadurch, wie sie wäh­rend des Spie­les von der Sei­ten­li­nie agie­ren. Dabei ist die Mischung aus der Pfle­ge eines Team­geis­tes, der Ver­in­ner­li­chung einer pas­sen­den Tak­tik und des Momen­tes wäh­rend des Spie­les meist am erfolg­reichs­ten. Borus­sia Dort­mund spielt unter Luci­en Fav­re eben anders als unter Peter Stö­ger.       

Und so klan­gen auch die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker unter Abba­do anders als unter sei­nem Vor­gän­ger, Her­bert von Kara­jan – aber sie waren immer als Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker erkenn­bar! Abba­do ver­än­der­te das Reper­toire und för­der­te die Sehn­sucht des Orches­ters, den roman­ti­schen Rausch mit Ana­ly­se, voll­kom­men neu­en Per­spek­ti­ven und musik­his­to­ri­scher Befra­gung auf­zu­fül­len. Ein Weg, den man – beson­ders in den Beet­ho­ven-Auf­nah­men, aber auch im Mah­ler-Zyklus – gemein­sam gegan­gen ist. Ein Weg, der irgend­wann zum Frust inner­halb des Orches­ters führ­te: Abba­do sei ein „Abend­di­ri­gent“, sei­ne Pro­ben wür­den das Orches­ter nicht wei­ter­füh­ren, man begann sich zu ent­frem­den. Und als Simon Ratt­le das Orches­ter über­nahm, stand da plötz­lich wie­der einer, der sag­te, wo es lang­geht und läu­te­te erneut eine Klang­wen­de ein. 

Auch bei eini­gen Pro­ben von Simon Ratt­le durf­te ich anwe­send sein. Ratt­le liebt es, das Detail als Stell­ver­tre­ter für das Gan­ze zu pro­ben. Er kon­fron­tiert das Orches­ter mit einer genau­en Klang­vor­stel­lung in weni­gen Tak­ten, probt ein­zel­ne Stel­len akri­bisch und erhofft sich eine Umset­zung der erar­bei­te­ten „Spra­che“ auf das gesam­te Werk. Ratt­le arbei­tet mit Effek­ten, Ver­blüf­fung, Kon­tras­ten. Die Ber­li­ner klan­gen unter ihm wie­der eklek­ti­zis­ti­scher, exzen­tri­scher, sprung­haf­ter – der gro­ße Bogen wur­de gegen mikro­kos­mi­sche Ide­en ein­ge­tauscht. Der tech­ni­sche Appa­rat des Orches­ters blieb dabei  der Glei­che: Musi­ker, die in der Lage sind, jede musi­ka­li­sche Idee umzu­set­zen, folg­ten der neu­en Klang­spra­che wil­lig und detail­ver­ses­sen.

Man hört den Geist“

Ich bin also der fes­ten Über­zeu­gung, dass man den Diri­gen­ten in einer Auf­nah­me durch­aus hören kann. Aber man hört, wenn man sich ein­lässt, noch viel mehr: Ist ein musi­ka­li­sches Kon­zept am Reiß­brett ent­wor­fen und über ein Orches­ter gestülpt? Liegt eine Inter­pre­ta­ti­on, also der bewuss­te Wil­le, die­ses oder jenes unbe­dingt und kon­zep­tio­nell anders zu machen als ande­re Diri­gen­ten, vor? Oder ent­steht ein kol­lek­ti­ver Klang, der so etwas wie den „Geist“ eines Orches­ters frei­legt und genau die­sen als Grund­la­ge der Inter­pre­ta­ti­on ver­steht? Gute Auf­nah­men, von Kara­jan, Abba­do oder Ratt­le sind immer auch des­halb gut, weil der rich­ti­ge Diri­gent zur rich­ti­gen Zeit am Pult stand und die Sehn­sucht nach Erneue­rung und Wan­del inner­halb des Orches­ters bedien­te (oder gar durch die Ein­stel­lung neu­er Musi­ker för­der­te). 

Es gibt vie­le Bei­spie­le, in denen der Diri­gent noch offen­sicht­li­cher zum Teil eines Klang­kör­pers wird. Neh­men wir etwa den Con­cen­tus Musi­cus, der qua­si eine Ein­heit mit sei­nem Lei­ter, mit Niko­laus Har­non­court, gewor­den ist: Selbst­be­stimm­te Musi­ker, die sich einer gemein­sa­men musi­ka­li­schen Phi­lo­so­phie gewid­met haben. Und, ja, deren Aus­hän­ge­schild immer Har­non­court war. Aber nun, nach sei­nem Tod, zeigt das Con­cen­tus, dass ein Orches­ter auch Sach­wal­ter eines Klan­ges sein kann und damit sel­ber zum gegen­wär­ti­gen Erbe gro­ßer Diri­gen­ten wer­den kann, das es ver­steht, das Ver­gan­ge­ne zu bewah­ren und gleich­zei­tig neu zu befra­gen.

Ich habe mir, um die Fra­ge der bei­den Musi­ker zu beant­wor­ten, noch ein­mal die alten Cover der Abba­do-Auf­nah­men ange­schaut. Auch er ist auf vie­len Titeln allein zu sehen: Diri­gie­rend, nach­denk­lich, oder im Stu­di­um einer Par­ti­tur ver­tieft. Doch es gibt auch Cover – etwa bei den Ver­di-Ouver­tü­ren – auf denen er nur einer der vie­len Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker ist. Bei den Mozart-Sym­pho­ni­en mit dem Mozart Orches­ter ist Abba­do zu sehen, wie er diri­giert, mit­ten im Orches­ter: Aus­druck gemein­sa­mer Arbeit. Der Mah­ler-Zyklus mit den Ber­li­nern ver­zich­tet (fast) kom­plett auf Bil­der. Auf ihnen ist groß zu lesen: „Mah­ler“, in den Buch­sta­ben ver­schie­de­ne Bil­der, die Abba­do beim Diri­gie­ren zei­gen – im Zen­trum ste­hen hier also weni­ger der Diri­gent oder das Orches­ter, son­dern: der Kom­po­nist. Und so hören sich die meis­ten die­ser Mah­ler-Sym­pho­ni­en auch an.

Selbst­be­wusst­sein der Orches­ter“

Noch ein­mal zurück zum Fuß­ball: Hier ist der Trai­ner wich­tig, und, ja, oft auch ein Star. Aber die Tra­di­ti­on einer Mann­schaft, der Geist eines Teams und in der Regel auch die media­le Prä­senz eini­ger Star-Spie­ler zei­gen dem Fan: Fuß­ball ist ein Team­sport. Im Musik-Mar­ke­ting ins der Team­geist nicht immer so aus­ge­prägt: Ein­zel­ne Stars oder gro­ße Maes­tri wer­den in den Vor­der­grund gestellt. War­um eigent­lich? Das SWR-Orches­ter fährt gera­de die gro­ße Cur­r­ent­zis-Mar­ke­ting-Tour. Klar, ein span­nen­der Mann an einem span­nen­den Ort – aber das Orches­ter ist gut genug, um auch ohne sei­nen pro­mi­nen­ten Diri­gen­ten auf eine gro­ße Ver­gan­gen­heit zu bli­cken. Die Staats­ka­pel­le in Dres­den macht das längst vor und stellt immer wie­der auch ihr eige­nes Image in den Vor­der­grund. Durch For­ma­te wie die Auf­füh­rungs­aben­de, die von den Musi­kern sel­ber orga­ni­siert wer­den, durch popu­lä­re Exkur­se wie „Kapel­le in der Knei­pe“, durch Auf­trit­te mit jun­gen Diri­gen­ten oder die Treue zu alten Legen­den wie Her­bert Blom­stedt eman­zi­piert sie sich von einem durch­aus über­mäch­ti­gen Maes­tro wie Chris­ti­an Thie­le­mann und zeigt: Im Ide­al­fall trifft hier ein pas­sen­der Diri­gent auf ein pas­sen­des Orches­ter – aber bei­de sind gleich­be­rech­tigt. Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass jeder wirk­lich gute Diri­gent den Spa­gat zwi­schen eige­ner Vor­stel­lung und der Situa­ti­on eines Orches­ters schaf­fen muss. Denn, nein, er ist auf einer Auf­nah­me kon­kret nicht zu hören, höchs­tens sein Ide­al der Inter­pre­ta­ti­on eines Wer­kes mit eben die­sem Orches­ter.

Die Fra­ge, ob es gerecht ist, wenn eine Plat­ten­fir­ma einen gro­ßen Diri­gen­ten auf das Cover hebt, kann man stel­len. Aber, ja: Das kann durch­aus Sinn machen. Man darf dabei nur nicht den Feh­ler bege­hen, ihn von der Tra­di­ti­on und dem Geist jenes Orches­ters, mit dem er im Ide­al­fall gemein­sam musi­ziert, zu ent­kop­peln. Ein Mecha­nis­mus, den lei­der viel zu vie­le Orches­ter zulas­sen und damit ihre eige­ne Sicht­bar­keit unge­hört wer­den las­sen.

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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