Olivier MessiaenKatholizismus und ­Vogelstimmen

Olivier Messiaen
Foto: Malcolm Ball

Olivier Messiaen ist zweifellos der große Charakterkopf der französischen Musik. Wir sprachen mit seinem Schüler Michael Stegemann.

Rhyth­mus­be­ses­se­ner, Vogel­stim­men­ver­eh­rer, uner­schüt­ter­lich Glau­ben­der: Oli­vi­er Mes­sia­en (1908–1992) ist einer der schil­lernds­ten Kom­po­nis­ten des 20. Jahr­hun­derts. Die Mut­ter Dich­te­rin, der Vater Shake­speare-Über­set­zer – da wun­dert es nicht, dass Mes­sia­ens Musik in beson­de­rer Wei­se mit Spra­che ver­bun­den ist. Doch auch eine ganz ande­re Form von Spra­che, näm­lich die der Vögel, übte gro­ßen Reiz auf den fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten aus. Als lei­den­schaft­li­cher Orni­tho­lo­ge konn­te er meh­re­re hun­dert Vögel anhand ihrer Stim­men erken­nen. Die Melo­di­en ihrer Gesän­ge mach­te er zu sei­nen eige­nen, indem er sie zu Musik tran­skri­bier­te und in sei­nen „cahiers“, sei­nen Notiz­bü­chern, sam­mel­te.

Als Leh­rer war Mes­sia­en höchst aner­kannt. Zu sei­nen Schü­lern am Pari­ser Con­ser­va­toire zähl­ten Bou­lez, Stock­hau­sen und Xen­a­kis. Auch der Musik­wis­sen­schaft­ler, Rund­funk­au­tor, Schrift­stel­ler und Regis­seur Micha­el Ste­ge­mann war von 1976 an Mes­sia­ens Stu­dent. Mit gera­de ein­mal 20 Jah­ren bestand er die Auf­nah­me­prü­fung in Paris und
kam in Mes­sia­ens Meis­ter­klas­se. Für cre­scen­do erin­nert er sich.

Wir hat­ten alle unglaub­li­chen Respekt“

Mit sie­ben ande­ren inter­na­tio­na­len Kom­po­si­ti­ons­stu­den­ten, unter ande­rem Geor­ge Ben­ja­min und Michè­le Rever­dy, wur­de Ste­ge­mann andert­halb Jah­re lang von Mes­sia­en aus­ge­bil­det. „Wir hat­ten alle unglaub­li­chen Respekt vor die­sem Meis­ter. Alles, was er sag­te, haben wir erst ein­mal so hin­ge­nom­men. Wenn er sag­te, dass er Beet­ho­vens spä­te Streich­quar­tet­te nicht möge, weil er die Musik ‚zu grau‘ fin­det, dann hät­te kei­ner gewagt zu sagen: ‚Ent­schul­di­gung, Maît­re, das sehe ich anders.‘“ Wäh­rend unter den acht in unter­schied­li­chen Stil­rich­tun­gen – von frei­er Ato­na­li­tät bis zu streng seri­el­len und elek­tro­ni­schen Wer­ken – kom­po­nie­ren­den Stu­den­ten immer wie­der „die Fet­zen flo­gen“, stell­te Mes­sia­en bei Dis­kus­sio­nen nur eine simp­le Fra­ge: „War­um?“ „Er hat nie direkt ein­ge­grif­fen und gesagt ‚Das gefällt mir‘ oder ‚Das wür­de ich anders machen‘. Er hat immer nur gefragt: ‚War­um machst du das an der Stel­le so?‘ Mit die­ser Fra­ge, qua­si einem sokra­ti­schen Prin­zip, war man gezwun­gen, sei­ne eige­nen ästhe­ti­schen Ent­schei­dun­gen auf die Prüf­waa­ge zu legen.“

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Trotz aller Bekannt­heit leg­te Mes­sia­en gro­ßen Wert dar­auf, sich kei­ne „Stil­jün­ger“ zu erschaf­fen. Tat­säch­lich gibt es nie­man­den, der sei­nen Stil unmit­tel­bar fort­ge­führt hat. Was aber mach­te den per­sön­li­chen Stil Mes­sia­ens aus? Rhyth­mus, Modi, das Nicht­um­kehr­ba­re, Vogel­stim­men, Reli­gi­on. Das sind die Para­me­ter, die sei­nem Schü­ler sofort ein­fal­len: „Sein pro­fun­der Katho­li­zis­mus hat ihn manch­mal in die Nähe von fast kit­schi­gen Klän­gen geführt, im guten Sin­ne. Was ihn aus­macht, sind aber nicht nur ein­zel­ne Ele­men­te, son­dern deren Kom­bi­na­ti­on. Es sind sein Klang, sei­ne Far­ben. Mes­sia­en ist einer der meist auf­ge­führ­ten Kom­po­nis­ten der Moder­ne. Das wäre nicht der Fall, wenn man bei ihm nicht eine Art sinn­li­chen Zugang fin­den wür­de, der sich einem, wenn man sich dar­auf ein­lässt, unmit­tel­bar öff­net.“

Nähe von fast kit­schi­gen Klän­gen“

Ist Mes­sia­ens Musik typisch „fran­zö­sisch“? Ste­ge­mann bejaht das: „Er war ein typi­scher Fran­zo­se, mit sei­ner Klang­sinn­lich­keit. Bei Mes­sia­en ist es immer der Klang, der an ers­ter Stel­le steht. Er dach­te in Klän­gen und Far­ben – als Syn­äs­the­ti­ker hat er bei Klän­gen tat­säch­lich Far­ben gese­hen! Sehr fran­zö­sisch ist auch sein Ver­hält­nis zur Spra­che. Schon seit dem fran­zö­si­schen Barock ist das pro­sodi­sche Den­ken ein wich­ti­ges Ele­ment: Musik ist eine Spra­che. Die Kunst, Musik zu schrei­ben, hat ähn­li­che Regeln bezüg­lich Gram­ma­tik, Zei­chen­set­zung, Län­gen, Kür­zen und Pau­sen wie die fran­zö­si­sche Lite­ra­tur. Das fin­det man bei Lul­ly, Rameau … ganz deut­lich bei Ravel und vor allem Debus­sy – der war Mes­sia­ens Gott, der Aller­hei­ligs­te von allen. Immer, wenn ich Mes­sia­en höre, habe ich das Gefühl, als ob man eine ver­ständ­li­che Spra­che in musi­ka­li­schen Klän­gen wahr­nimmt. Spra­che und Klang­far­ben waren für ihn die bei­den Haupt­pa­ra­me­ter, um Musik zu inspi­rie­ren und gene­rie­ren.“ In sei­nen Ana­ly­se­kur­sen brach­te Mes­sia­en den Stu­die­ren­den neben Wer­ken wie Wag­ners Wal­kü­re, Debus­sys Pel­léas et Méli­san­de oder Ravels Gas­pard de la nuit auch Musik von Kom­po­nis­ten nahe, die außer­halb von Frank­reich kaum oder gar nicht bekannt waren. Stü­cke sei­nes Leh­rers Paul Dukas etwa, oder des in Paris gebo­re­nen Charles Koech­lin: „Die­se Kur­se haben uns allen die Ohren geöff­net. Mes­sia­en lehr­te mich ein bestimm­tes Wahr­neh­men von Musik, weit jen­seits eines vor­der­grün­di­gen Betrach­tens. Eine Art Ent­de­ckungs­rei­se, die ich durch, mit und dank ihm unter­neh­men durf­te.“

Auch ganz rea­le Rei­sen durf­te der jun­ge Deut­sche in Paris mit sei­nem Leh­rer unter­neh­men. Jedes Jahr gab es einen von den Stu­den­ten gefürch­te­ten Pflicht­ter­min: „Mor­gens um vier muss­ten wir mit Mes­sia­en in den Bois de Bou­lo­gne, dann hat er mit der Klas­se das Erwa­chen der Vögel ver­folgt und kom­men­tiert. Wir haben es natür­lich gehasst, mor­gens um drei auf­zu­ste­hen und bei irgend­ei­nem Mist­wet­ter in den Wald zu fah­ren“, gesteht Ste­ge­mann und lacht. „Mes­sia­en hat sich immer gewei­gert, die tech­ni­schen Ele­men­te mit­hil­fe derer er die Vogel­stim­men tran­skri­bier­te, zu erklä­ren. Er sag­te nur: ‚Das muss jeder, der das machen möch­te, für sich selbst her­aus­fin­den.‘“ Sein Inter­es­se für Orni­tho­lo­gie stand bei Mes­sia­en in enger Ver­bin­dung mit sei­nem streng katho­li­schen Glau­ben. Die Vögel waren für ihn Ver­mitt­ler zwi­schen Him­mel und Erde und ihre Melo­di­en die ursprüng­lichs­te Musik.

Die Vögel waren für ihn Ver­mitt­ler zwi­schen Him­mel und Erde“

Auf die Fra­ge, ob er den Leh­rer auch an der Orgel gehört habe, ent­fährt Ste­ge­mann ein begeis­ter­tes „Aber ja!“. Jeden Sonn­tag gin­gen vie­le sei­ner Schü­ler in die Tri­nité, die Kir­che, in der Mes­sia­en Orga­nist war. „Ich habe in den andert­halb Jah­ren sicher 20 gro­ße Impro­vi­sa­tio­nen von ihm erlebt. Das war unglaub­lich. Ich bin und war kein gläu­bi­ger Mensch, aber da hät­te man wirk­lich gläu­big wer­den kön­nen.“

Auch nach Ende sei­nes Stu­di­ums blieb Ste­ge­mann, vor allem durch sei­ne jour­na­lis­ti­schen Tätig­kei­ten, mit Mes­sia­en in Kon­takt. „Mes­sia­en ist einer der ganz weni­gen Kom­po­nis­ten, die Sie nach zehn Sekun­den erken­nen. Sofort weiß man: Das ist Mes­sia­en und kann auch nie­mand ande­res sein. Der höchs­te Grad von künst­le­ri­scher Voll­endung ist es, wenn man es schafft, eine so unver­wech­sel­ba­re Per­so­nal­spra­che zu ent­wi­ckeln. Davor habe ich stau­nen­den Respekt. Wenn ich Mes­sia­ens Musik höre, tau­che ich in eine völ­lig ein­zig­ar­tig Klang­welt ein.“

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Sina Kleinedler
Direkt nach ihrem Abi wirbelte Sina Kleinedler bereits als Praktikantin durch die crescendo-Redaktion. Ein Musikjournalismus- und Cellostudium in Dortmund und Hannover schlossen an. Heute gibt sie unter anderem regelmäßig Konzerteinführungen in der Philharmonie Köln. „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“ (Augustinus Aurelius), lautet ihre Devise.

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