Kat­ie Mit­chell setzt an der Baye­ri­schen Staats­oper in Mün­chen unter dem Titel Judith Béla Bar­tóks ein­zi­ge Oper Her­zog Blau­barts Burg mit dem Kon­zert für Orches­ter in Sze­ne.

In die Welt der Mär­chen und Folk­lo­re tauch­te der jun­ge Béla Bar­tók in sei­ner ein­zi­gen Oper Her­zog Blau­barts Burg the­ma­tisch und musi­ka­lisch ein. Das war im Jahr 1911. Gene­ra­tor der Mas­sen­my­then sind im 21. Jahr­hun­dert indes Kino und Fern­se­hen. Und so ist es eigent­lich fol­ge­rich­tig, wenn die bri­ti­sche Regis­seu­rin Kat­ie Mit­chell bei­de Wel­ten in ihrer Insze­nie­rung an der Baye­ri­schen Staats­oper zusam­men­führt. Und glei­cher­ma­ßen nach­voll­zieh­bar ist es, wenn die­ser Ansatz lei­den­schaft­lich beju­belt wird.

Feministische Interpretation des Blaubart-Stoffes

Mit­chell stellt sich erklär­ter­ma­ßen in die femi­nis­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on des Blau­bart-Stof­fes, des wohl berüch­tigts­ten Frau­en­mör­ders der Mär­chen­tra­di­ti­on.

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Katie Mitchell Macht an der Bayerischen Staatsoper in München aus Judith eine Kommissarin.

Als Kom­mis­sa­rin lässt Kat­ie Mit­chell in ihrer Insze­nie­rung an der Baye­ri­schen Staats­oper Judith in das Epi­zen­trum männ­li­cher Gewalt vor­drin­gen. 
(Foto und Foto oben: © Wil­fried Hösl)

Aus der Prot­ago­nis­tin Judith macht sie eine Kom­mis­sa­rin. Die­se dringt mit kla­rer Stra­te­gie ‚under­co­ver’ in das Epi­zen­trum männ­li­cher Gewalt vor. Sie eli­mi­niert den Täter und avan­ciert zur Ret­te­rin für ihrer gefan­ge­nen Lei­dens­ge­nos­sin­nen – wäh­rend sie in der ursprüng­li­chen Erzäh­lung selbst der Ret­tung durch ihre Brü­der bedarf.

Rückgriff auf Mittel des Films 

Das ist als klas­si­scher Thril­ler aus­ge­legt – und so ist es nur fol­ge­rich­tig, wenn Mit­chell auch osten­ta­tiv auf Mit­tel des Films zurück­greift. Dem Ein­ak­ter ist Bar­tóks Kon­zert für Orches­ter aus dem Jahr 1943 vor­an­ge­stellt, das auch Moti­ve der Oper ver­wen­det.

Katie Mitchell greift für ihre Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper auf filmische Mittel zurück.

Fil­mi­sche Impres­sio­nen umrei­ßen die Vor­ge­schich­te von Her­zog Blau­bart in Kat­ie Mit­chells Insze­nie­rung.
(Foto: © Wil­fried Hösl)  

Es gerät hier zum regel­rech­ten Sound­track. Denn es wird kom­bi­niert mit fil­mi­schen Impres­sio­nen, die die Vor­ge­schich­te des Seri­en­kil­lers und sei­ner Kon­tra­hen­tin umrei­ßen.

Grant Gees inszeniertes Leinwandgeflirr

So packend die­se Kon­zep­ti­on im Prin­zip auch wäre. Es ent­steht dar­aus nicht unbe­dingt ein kon­ge­nia­les Zusam­men­wir­ken von Bild und Musik. Denn das von Grant Gee insze­nier­te Lein­wand­ge­flirr beschwört zwar pha­sen­wei­se eine bedrü­cken­de Groß­stadt­at­mo­sphä­re. Aber in der Wahl sei­ner Moti­ve bleibt es banal-belie­big – erzäh­le­risch und visu­ell. Wer sich der Mit­tel des Kinos bedient, soll­te die­se auch aus­schöp­fen, anstatt auf der Ebe­ne eines Fern­seh­spiels oder Musik­vi­de­os  zu blei­ben. Wobei ja selbst in die­sen For­ma­ten wesent­lich ori­gi­nel­le­re und bild­stär­ke­re Visio­nen zu sehen sind.

Katie Mitchell inspeniert an der Bayerischen Staatsoper

Durch eine Rei­he von guck­kas­ten­ar­ti­gen Räu­men kämpft sich die Hel­din in den Fol­ter­ker­ker vor. 
(Foto: © Wil­fried Hösl)  

Die­ses – ein­zi­ge – Man­ko teilt die Opern­in­sze­nie­rung nicht, in der sich die Hel­din durch eine Rei­he von auf­ein­an­der­fol­gen­den, guck­kas­ten­ar­ti­gen Räu­men (Sze­nen­bild: Alex Eales), Schritt für Schritt in den Fol­ter­ker­ker vor­kämpft. Indes stellt sich die Fra­ge, ob die Ober­flä­chen­rei­ze des Gen­res auch der Kom­ple­xi­tät der eigent­li­chen Oper gerecht wer­den.

Trips in die düsteren Schichten unseres Bewusstseins

Das Libret­to (Béla Bálazs) und die inni­ge­ren Pas­sa­gen der Musik deu­ten auf eine wesent­lich obses­siv-zwie­späl­ti­ge­re Bezie­hung zwi­schen bei­den Prot­ago­nis­ten. Von den Inten­tio­nen Bar­tóks, der „das Bild einer moder­nen See­le“ malen woll­te, ist nicht viel zu spü­ren. Wenn man der Les­art Ist­ván Ker­tész’ Glau­ben schen­ken will, reflek­tiert Blau­bart viel­mehr den Kom­po­nis­ten selbst, der die Geheim­nis­se sei­ner See­le nicht preis­ge­ben möch­te. Und wer die legen­dä­ren Bei­spie­le des Thril­lers Revue pas­sie­ren lässt, ver­steht, dass die­se nicht auf schlich­te Gut-ver­sus-Böse-Sche­ma­ta set­zen, son­dern immer auch Trips in die düs­te­ren Schich­ten unse­res Bewusst­seins bie­ten.

Ein mitreißender Opernabend

Doch wenn­gleich der­lei Mög­lich­kei­ten unaus­ge­lo­tet blei­ben, so bie­tet die­se neue Ver­si­on nichts­des­to­we­ni­ger einen mit­rei­ßen­den Opern­abend. Was zunächst an den Sän­gern liegt.

Nina Stemme und John Lundgren in Mitchells Bartók-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper

Nina Stem­me mit dra­ma­ti­schem Sopran und John Lundgren mit tie­fem Bari­ton ent­wi­ckeln ein sog­ar­ti­ges Zusam­men­spiel. 
(Foto: © Wil­fried Hösl)  

Nina Stem­me ver­leiht ihrer Ermitt­le­rin mit ihrem dra­ma­ti­schen Sopran Kraft und Wür­de. In der Sou­ve­rä­ni­tät und Nuan­ciert­heit ihrer Inter­pre­ta­ti­on wirkt sie auch nie ansatz­wei­se wie eine Opfer­fi­gur, aber zugleich ver­letz­lich. Dank John Lundgrens wuch­ti­gem, tie­fem Bari­ton bekommt sein Blau­bart eine düs­te­re, fast tra­gi­sche Schwe­re. So ent­wi­ckelt sich nahe­zu sog­ar­tig ein Zusam­men­spiel zwei­er ein­an­der eben­bür­ti­ger, durch ein bru­ta­les Geheim­nis ver­bun­de­ner Per­so­nen. 

Oksana Lyniv steht am Pult bei Katie Mitchells Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper

Bringt den Reich­tum der ver­schie­de­nen Klang­far­ben zur Ent­fal­tung: Oks­a­na Lyniv am Pult der Baye­ri­schen Staats­oper 
(Foto: © Oleh Pav­liuchen­kov)

Ihre Kon­fron­ta­ti­on wird mit einer per­fekt kon­trol­lier­ten Dyna­mik durch ein Orches­ter vor­an­ge­trie­ben, das sei­nen Sän­gern Raum zur Ent­fal­tung lässt und effekt­voll rhyth­mi­sche Akzen­te setzt. Diri­gen­tin Oks­a­na Lyniv wirkt gewis­ser­ma­ßen wie die eigent­li­che Draht­zie­he­rin. Sie bringt den Reich­tum der ver­schie­de­nen Klang­far­ben zur Ent­fal­tung, lässt die folk­lo­ris­ti­schen Ele­men­te der Kom­po­si­ti­on klar erken­nen und treibt poin­tiert das Gesche­hen bis hin zu sei­ner letz­ten Zuspit­zung. Der don­nern­de Applaus am Ende ist nur kon­se­quent.

Infor­ma­tio­nen zu wei­te­ren Auf­füh­run­gen: www.staatsoper.de 
Bis 10. März 2020 ist die Insze­nie­rung zudem auf STAATSOPER.TV zu sehen.
Mehr zu Béla Bar­tóks Musik: crescendo.de 

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