Khatia Buniatishvili durchwandet auf ihrem Album ein musikalisches „Labyrinth“ des Lebens, der Erinnerungen, des Schmerzes, des Zweifels, der Liebe. 

Khatia Buniatishvili hat ein neues Album aufgenommen: „Labyrinth“. Und genau so liest sich das Komponistenverzeichnis: Scarlatti, Morricone, Pärt… Für die georgische Pianistin ein musikalisches Kaleidoskop aller Sinne und ein philosophisches Gespräch über die Spiegel der Seele.

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„Die Morgendämmerung der Stadt verschleierte düstere Gedanken im Nebel, erweckte Träume mit verzaubernder Wahrhaftigkeit.“ – Khatia Buniatishvili über Gymnopédie Nummer 1 von Erik Satie aus ihrem Album „Labyrinth“

CRESCENDO: Frau Buniatishvili, was hat es mit dem Titel Ihrer neuen Platte „Labyrinth“ auf sich?
Khatia Buniatishvili: Der menschliche Geist ist doch wie ein Labyrinth, mit unerwarteten Kurven und Wendungen. Was ich suche, ist die Essenz des menschlichen Wesens.

Der Mensch, das sind aber dann nicht nur Sie?
Es ist ein sehr persönliches Album. Aber ich glaube ganz allgemein, dass ein Labyrinth unsere Bestimmung ist. Unser Leben hat Anfang und Ende. Was dazwischen passiert, kann man nicht beeinflussen. Ein Mensch kann sich aber auch selbst erfinden. Vorbestimmung und Kreativität gehen zusammen.

Die Stückauswahl macht dem Titel alle Ehre: Sie reicht von Morricone bis Scarlatti und von Pärt bis Chopin. Dazu haben Sie Kurztexte geschrieben, die der Kombination geradezu Bekenntnischarakter verleihen. Nun ist die Musik relativ disparat. Man liest das Booklet ja nicht unbedingt, wenn man die Platte auflegt. Wo sehen Sie den roten Faden?
Die Musik war zuerst da. Ich habe dann zu meinen Emotionen und Gedanken diese Texte gefunden. Es gibt eine Polyphonie in unseren Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Träumen, aber auch in den Sinnen. Ich wollte nicht einen einzelnen Komponisten nehmen, um das hörbar werden zu lassen.

Sie leben in Paris. Die Platte haben Sie im Juni 2020 in der Philharmonie de Paris eingespielt. War das schon länger geplant oder ein Corona-Ergebnis?
Wir konnten die Produktion nicht so langfristig planen. Ich wusste nur, dass die Aufnahme im Juni sein sollte. Die Daten haben sich ein bisschen verschoben, wir mussten improvisieren, so wie alle. Die Aufnahme in der Philharmonie de Paris hatte Symbolwert für mich. Das ist ein unglaublich schöner Saal mit toller Atmosphäre und fabelhafter Akustik.

Auf Ihre Website steht schnörkellos: „There are currently no dates available.“ Das klingt, als würden Sie zurzeit gar keine Konzerte spielen?
Doch, ich spiele! Die Konzerte sind immer voll, soweit das unter den Restriktionen möglich ist. Ich stelle die Termine nicht auf die Website, weil ich mein Publikum respektiere und nicht will, dass jemand eine Karte kauft, bevor nicht sicher ist, dass das Konzert stattfindet. 

Khatia Buniatishvili über György Ligeti
(Foto: © Esther Haase)

»Die Farbigkeit der Sehnsüchte und die Leere der Realität brachten sie aus dem Gleichgewicht: Beim Zuschauen spürte sie, wie sich ihre Wahrnehmungen Farbe für Farbe in den Schichten eines Regenbogens auflösten – seine Harmonie und Schönheit verloren ihren Sinn und Geschmack.« 

Khatia Buniatishvili über Arc-en-ciel von György Ligeti

Von der preisgekrönten Nachwuchskünstlerin haben Sie sich in wenigen Jahren in den Kreis der international gefeierten Pianisten emporgespielt. Wer sind Ihre pianistischen Vorbilder?
Man kann in ethischen Fragen Vorbilder haben, aber in der Kunst mag ich das Wort nicht. Kunst ist etwas Unlimitiertes und Freies. Natürlich kann man von jemandem inspiriert werden. Ich habe immer Pianisten geliebt, die etwas Einzigartiges waren, wie die großen Pianisten des 20. Jahrhunderts: Richter und Gould, Rubinstein und Horowitz, Rachmaninow, Cziffra … Sie waren alle sehr unterschiedlich. Sie sind ehrlich, genial, authentisch und haben etwas zu sagen. 

Vermissen Sie das bei heutigen Pianisten?
Es gibt natürlich auch heute große Künstler. Aber sehr oft liegt die Betonung nicht auf der Persönlichkeit, sondern die Spieler suchen einen Rahmen. In diesem Rahmen versuchen sie etwas zu finden, von dem sie denken, es würde in die heutige Zeit passen. Bei den Wettbewerben wollen viele Teilnehmer vor allem so spielen, dass die Jury ihnen nicht gefährlich wird.

Werden die Interpretationen uniformer?
Ich finde schon. Das liegt auch am Internet. Dass man dort so vieles findet, hat große Vorteile. Es hat aber auch Nachteile. Ich mag es nicht, wenn jemand versucht, eine Interpretation zu kopieren. Die großen Virtuosen des 20. Jahrhunderts waren einfach viel überraschender. Was ich heute beobachte, ist eine mechanische Einstellung zur Musik. Das heißt, Musik wird nicht im Sinne einer Virtuosität verstanden, die die gesamte künstlerische Persönlichkeit einbezieht.

Glauben Sie, dass jemand, der eine ausgeprägt individuelle Stimme hat, sich von dieser Allverfügbarkeit korrumpieren lässt?
Es gibt natürlich Gegenbeispiele. Boris Berezovsky zum Beispiel geht ungeheure Risiken ein. Er ist ein echter Virtuose. Aber Kunst und Risikolosigkeit vertragen sich nicht. Etwas ohne Risiko machen zu wollen, tötet die Kreativität.

Khatia Buniatishvili über Johann Sebastian Bach
(Foto: © Esther Haase)

»Das Leben lockte sie ein weiteres Mal in einen Strudel aus Leid und Glück. Je schwerer die Last der Erfahrung, desto tiefer und fataler war der Sturz. Umgekehrt war es leicht, sich wieder zu erheben.«

Khatia Buniatishvili über ihr Arrangement von Johann Sebastian Bachs Orgelkonzert BWV 596 nach Antonio Vivaldi

Wenn Sie ein Werk einstudieren, was ist Ihr Ziel?
Am wichtigsten ist mir der Geist des Komponisten. Ich will sein Universum verstehen. Verstehen, was er mit seinen Zeichen sagen wollte. Jeder Komponist ist so anders. Ich respektiere seine Individualität und seine Sprache. Diese Individualität ist stärker als der Stil, stärker als die Bedingungen, unter denen er das Werk schuf.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontext der Entstehung?
Ich betrachte alles. Aber äußere Information können trügerisch sein. Nur die Musik selbst kann nicht falsch sein. Da kann der Komponist seine Gefühle und Gedanken nicht verstecken. Es ist alles da. Durch die Noten finde ich die Wahrheit, meine subjektive Wahrheit. Und nicht durch irgendwelche Geschichten, die sich um die Entstehung ranken. Die sind ja nie wirklich verbürgt.

Würden Sie für Ihre Interpretation über die Grenze des Notentexts hinausgehen?
Der Notentext hat keine Grenze. Aber ich habe beim Einstudieren noch nie etwas gesehen, das ich hätte anders machen wollen, als es dastand. Der Notentext ist unglaublich reich. Er sagt mir oft mehr als die Buchstaben. Nehmen wir das Wort „crescendo“, also wörtlich „Stück für Stück lauter werdend“: Es steht bei jedem Komponisten. Aber es heißt deswegen nicht bei jedem Komponisten das Gleiche. Es ist viel reicher. 

Khatia Buniatishvili über John Cage und seine Komposition der Stille
(Foto: © Esther Haase)

»Frühling auf dem Friedhof. Für wen sind die Blumen – für einen Bewohner oder für einen Besucher? Sind wir geduldig genug, um die Stille auszuhalten, von der wir nicht wissen, ob sie endet oder ewig ist? Fragen für einen Besucher. Die Stille für den abwesenden Bewohner.« 

Khatia Buniatishvili über 4’ 33’’ von John Cage

Welche Rolle spielt für Sie Schönheit als Interpretationsideal?
Sie ist ein Teil, aber nicht alles. So wie die Ästhetik in der Philosophie ihre Rolle und ihren Platz hat, aber nicht alles bedeutet, so ist es meiner Ansicht nach auch in der Musik. Oder in der Kunst. Schönheit gehört zu der Palette an unterschiedlichen Sichtweisen auf ein Stück oder auf das Leben oder auf Menschen.

Und abseits der Musik? Sie sind bekannt dafür, sich bei Ihren Auftritten extravagant zu kleiden.
Brauche ich eine Erlaubnis von jemandem, wie ich mich kleide? Wer entscheidet darüber? Oder ist das meine Wahl?

Wonach wählen Sie Ihre Garderobe denn?
Dass ich auf der Bühne Abendkleider trage, liegt auch daran, dass das eine Tradition ist und ich diese Tradition respektiere. Aber die Sinnlichkeit, über die man oft spricht, die kommt nicht von der Kleidung. Die kommt von nackten Emotionen, die ich mit dem Publikum teile, weil ich nicht anders kann. Wenn ich auf der Bühne bin und spiele, kann ich meine Emotionen nicht verstecken. Da zeigt sich meine verwundbare Seite.

Drückt sich in der Wahl Ihrer Garderobe Ihre Persönlichkeit aus?
Ich bin eine Frau, und ich schaue jeden Tag mindestens einmal in den Spiegel. Manchmal sehe ich Schönheit, manchmal sehe ich Hässlichkeit. Ich habe Zweifel im Leben, ich habe schöne Momente und Momente, in denen ich mir meiner selbst sehr sicher bin. Manchmal fühle ich mich sexy und will das auch offen und großzügig zeigen, und manchmal fühle ich, dass ich für mich bleiben will. Dann ziehe ich sehr einfache Sachen an. Das ist ganz unterschiedlich. Aber natürlich zeigt sich in jedem Fall mein Verständnis von Ästhetik.

Aktuelle Auftrittstermine und weitere Informationen zu Khatia Buniatishvili unter: www.khatiabuniatishvili.com

Foto Titelbild: Esther Haase