Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te mit einem Fest­spiel-Kin­der­gar­ten, einem stö­ren­den Han­dy und einer obdach­lo­sen Sopra­nis­tin – und lei­der mit viel zu vie­len Toten.

WAS IST 

Vale­ry Ger­giev diri­giert im Gaz­prom-Spot zur Cham­pi­ons League – nun spon­sert das Unter­neh­men die Salz­bur­ger Fest­spie­le.

WORÜBER WIR NICHT MEHR BERICHTEN

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Nein, wir schrei­ben ein­fach nicht mehr über Neu­ig­kei­ten aus dem Salz­bur­ger Oster­fest­spiel-Kin­der­gar­ten, nicht dar­über, dass der amtie­ren­de Inten­dant Peter Ruzi­cka sich nun per Pres­se­mit­tei­lung gegen das Inter­view, das der desi­gnier­te Inten­dant Niko­laus Bach­ler den Salz­bur­ger Nach­rich­ten letz­te Woche gege­ben hat, zur Wehr setzt und demen­tiert, dass die Oster­fest­spie­le wirt­schaft­lich unso­li­de sei­en. Wir berich­ten auch nicht dar­über, dass die Lokal­zei­tung es nicht las­sen kann, die Geschich­te end­los im Kreis zu dre­hen und auch Chris­ti­an Thie­le­mann noch ein­mal befrag­te, der nun eine Intri­ge des Salz­bur­ger Lan­des­haupt­manns Wil­fried Has­lau­er aus­macht. Puh!, lie­be Freun­de: Genug ist genug. Im Ver­lie­ren zeigt sich wah­re Grö­ße. Die Wür­fel sind längst gefal­len. Die Oper ist doch kein Kin­der­thea­ter!      

SALZBURGER FESTSPIELE: DEAL MIT GAZPROM

Die Fuß­ball-Cham­pi­ons-League spon­sert der rus­si­sche Gas-Kon­zern Gaz­prom schon lan­ge, und wer die Wer­bung kennt, ahnt seit Jah­ren, wor­um es den Rus­sen außer­dem geht: um ein gutes Image. Und das gibt’s in der Kul­tur. Vale­ry Ger­giev und Denis Mazu­jew sind Teil des Fuß­ball-Spots. Und nun spon­sert Gaz­prom auch die Salz­bur­ger Fest­spie­le. Fest­spiel-Inten­dan­tin Hel­ga Rabl-Stad­ler nennt es „ein will­kom­me­nes Geschenk für das 100-Jahr-Jubi­lä­um im kom­men­den Jahr“.Kri­tik kommt von Öster­reichs Grü­nen: „Das schmut­zi­ge Geld eines rus­si­schen Staats­kon­zern soll­te nicht mit Kul­tur-Koope­ra­tio­nen rein­ge­wa­schen wer­den“, wird Simon Hei­lig-Hof­bau­er zitiert.

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MÄDCHEN WILL NICHT BEI THOMANERN VORSINGEN

Wir hat­ten ver­schie­dent­lich über das Mäd­chen berich­tet, das zunächst beim Staats- und Dom­chor Ber­lin vor­sin­gen woll­te und dann vom Tho­man­er­chor Leip­zig ein­ge­la­den wur­de – weil die Ber­li­ner bei der Ableh­nung blie­ben, ein Vor­sin­gen aber juris­tisch sau­be­rer erschien. Nun hat die klei­ne Sän­ge­rin, bezie­hungs­wei­se ihre Mut­ter, beschlos­sen, dass sie das Ange­bot des Leip­zi­ger Cho­res nicht anneh­men wird:So lan­ge unge­wiss bleibt, ob der Tho­man­er­chor über­haupt gewillt ist, Mäd­chen auf­zu­neh­men, macht das Vor­sin­gen kei­nen Sinn“, sag­te die Mut­ter, die ihre Toch­ter auch als Anwäl­tin ver­tritt der Ber­li­ner Zei­tung. Irgend­et­was befrem­det mich ein wenig bei dem Gedan­ken, dass die durch­aus wich­ti­ge Fra­ge der Eman­zi­pa­ti­on in der Kul­tur gera­de auf dem Rücken eines Kin­des aus­ge­foch­ten wird.

WAS WAR

Jes­sye Nor­man – eine der beein­dru­ckends­ten Stim­men unse­rer Zeit ist ver­stummt.

DOMINGO TRITT IN LOS ANGELES ZURÜCK

Wie hier vor zwei Wochen bereits ver­mu­tet, ist Pláci­do Dom­in­go nun tat­säch­lich von sei­ner Posi­ti­on als Inten­dant der Los Ange­les Ope­ra zurück­ge­tre­ten. Gleich­zei­tig hat der Aus­rich­ter des mexi­ka­ni­schen Musik­prei­ses Pre­mio Batu­ta eine Kehrt­wen­de hin­ge­legt: Zunächst kün­dig­te er an, dass er dem Tenor den Preis erst ver­lei­hen wol­le, wenn die Nach­for­schun­gen in LA abge­schlos­sen sei­en – nun wird Dom­in­go den Preis aber trotz­dem bekom­men und per Video zur Preis­ver­lei­hung zuge­schal­tet. Für den Sän­ger scheint sich die Welt der­zeit in die USA (con­tra) und den Rest der Welt (pro) auf­zu­tei­len.

ANNE-SOPHIE MUTTER UNTERBRICHT KONZERT

In Cin­cin­na­ti hat Anne-Sophie Mut­ter ihr Kon­zert unter­bro­chen, als eine Zuhö­re­rin nicht auf­hör­te, sie mit dem Han­dy zu fil­men. „Ent­we­der wer­de ich gehen, oder sie packen ihr Tele­fon ein“, sag­te die Gei­ge­rin. Das Mäd­chen sei angeb­lich sofort auf­ge­stan­den und habe um Ent­schul­di­gung gebe­ten, was für das rest­li­che Publi­kum aller­dings nicht zu hören war – es buh­te das Mäd­chen aus und applau­dier­te, als es unter Trä­nen vom Prä­si­den­ten des
Cin­cin­na­ti Sym­pho­ny Orches­tra Jona­than Mar­tin aus dem Saal geführt wur­de. War­um man in einem Kon­zert filmt, erschließt sich mir nicht: Um sich nach­her zu Hau­se die ver­wa­ckel­ten Bil­der der Ver­an­stal­tung anzu­schau­en, die man vor lau­ter Fil­men ver­passt hat?

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PERSONALIEN DER WOCHE

Jes­sye Nor­man ist tot. Und irgend­wie hat jeder, den man die­ser Tage trifft, wun­der­ba­re Erin­ne­run­gen. Ein Mana­ger erzähl­te mir, dass für Jes­sye Nor­man bei Gast­spie­len in der gan­zen Welt stets das glei­che Mine­ral­was­ser vor­rä­tig sein muss­te, dass bestimm­te Blu­men – auf Grund einer All­er­gie der Sän­ge­rin – nicht in ihrer Gar­de­ro­be ste­hen durf­ten und dass ein spe­zi­el­ler Lat­ten­rost in ihren Hotel­bet­ten ange­bracht wer­den muss­te. Den Ver­such mei­ner Wür­di­gung die­ser ein­ma­li­gen Stim­me lesen Sie hier. +++ Wenn der Inten­dant der Wie­ner Staats­oper und desi­gnier­te Inten­dant der Mai­län­der Sca­la Domi­ni­que Mey­er im Okto­ber nach Ita­li­en kommt, wer­den die Mit­ar­bei­ter des Opern­hau­ses vor­aus­sicht­lich, wie ange­kün­digt, ab 18. Okto­ber strei­ken – Grund ist ein Streit um das Tag­geld bei Tour­ne­en. +++ Dem geor­gi­schen Kom­po­nis­ten Giya Kan­che­li ruft mei­ne Kol­le­gin Ruth Renée Reif herz­lich auf CRESCENDO nach. +++ Mit nur 56 Jah­ren ist der ita­lie­ni­sche Tenor Mar­cel­lo Gior­da­ni gestor­ben. +++

AUF UNSEREN BÜHNEN

Paul Ester­ha­zy hat im klei­nen Olden­burg offen­sicht­lich einen gro­ßen „Ring“ voll­endet – so sieht es jeden­falls die NMZ:Mit der Welt der ‚Göt­ter­däm­me­rung‘ zeigt der Öster­rei­cher Ester­ha­zy ein­mal mehr sei­ne politik‑, bzw. macht­kri­ti­sche Sicht, indem die Per­so­nen kei­ne Göt­ter, son­dern in einem schwei­ze­ri­schen Berg­dorf böse, sich belau­ern­de und zer­stö­re­ri­sche Men­schen sind, wie Wag­ner selbst den Mythos ja auch als ‚unge­mein schar­fe Erkennt­nis vom Wesen des Besit­zes, des Eigen­tums‘ gese­hen hat.“ +++ „Die geschmack­lo­sen Wei­ber von Wind­sor“ über­ti­telt der Deutsch­land­funk sei­ne Kri­tik zur Ber­li­ner Pre­mie­re von Ver­dis Oper unter Dani­el Baren­bo­im: „Von Regis­seur David Bösch und Büh­nen­bild­ner Patrick Bann­wardt wird die Geschich­te vom dicken Rit­ter Fal­staff in eine beson­ders trost­lo­se Ecke der Acht­zi­ger­jah­re gesteckt und ver­san­det dort ziem­lich schnell. Zwi­schen RTL-Frau­en­tausch und Al Bun­dys ‚Schreck­lich net­ter Fami­lie‘ ist nicht viel Platz für sub­ti­len Humor, statt­des­sen gibt es nur Pos­se und Kla­mot­te, bil­li­ge Lacher und Schen­kel­klopf­hu­mor“, fin­det Kri­ti­ker Uwe Fried­rich.

WAS LOHNT

Eine Obdach­lo­se in New York singt die Mimi-Arie aus “La Bohè­me”.

Der Spie­gel pos­te­te die­se Woche ein wun­der­schö­nes Video – die Poli­zei in New York hat­te es ins Netz gestellt. Es zeigt eine offen­sicht­lich obdach­lo­se Frau, die mit­ten in der U‑Bahn der Mil­lio­nen­stadt, als sie sich unbe­ob­ach­tet wähn­te, begann, die Arie der Mimi aus La Bohè­me zu sin­gen. Spä­ter stell­te sich her­aus, dass die Frau eine aus­ge­bil­de­te Opern­sän­ge­rin aus Ost­eu­ro­pa war, die in den USA gestran­det war. Puc­ci­ni ist ihr Beglei­ter in guten wie in schlech­ten Zei­ten.

In die­sem Sin­ne, hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de                 

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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