Kirill Petrenko dirigiert das Bayerische Staatsorchester bei der Aufnahme von Gustav Mahlers Siebter Sinfonie und lässt Mahlers radikale Klangvorstellungen hörbar werden.

Gustav Mahlers Siebente, dieser Höhepunkt und Abschluss seiner mittleren Periode mit drei großen, rein instrumentalen Sinfonien, ist vor allem ein Werk des Zwielichts, der Dämmerung. Damit hat sie’s bis heute nicht leicht: Dass selbst auf Theodor Adorno, einen von Mahlers treuesten Parteigängern, das Jahrmarktsgetöse des Finales schal wirkte, haftet dem Werk seither als Makel zumindest unter den – vielleicht auch selbsternannten – Eingeweihten an. Dabei ist schon rein dramaturgisch der laute, helle Tag als Gegenpol zu manch freundlichen Nachtgesichten und, noch viel mehr, gespenstischen Schattengestalten nötig, die die vorangehenden Sätze bevölkern. 

Extreme Herausforderung

Aber Mahlers Sinfonien bleiben trotz ihrer Allgegenwart auf Spielplänen und Tonträgern ohnehin eine immer wieder aufs Neue extreme Herausforderung: Viele Deutungen pendeln nämlich ohne rechtes Ziel zwischen sentimentaler Übertreibung, wo immer eine solche möglich ist, und einem fast achtlosen Umgang mit der Fülle von penibel angezeigten Detailwirkungen, mit der die Partitur nahezu uneinlösbar überfrachtet ist. Dachte man zumindest bisher.

Kirill Petrenko
Unbedingte Hingabe an die Einzelheiten: Kirill Petrenko (Foto: © Wilfried Hösl)

Kirill Petrenko vermeidet beides – aber eben nicht aus einer Scheu heraus: Sein Movens ist im Gegenteil positiv, besteht aus der unbedingten Hingabe an die Einzelheiten, ohne dass er sich in ihnen verlieren würde. Man gewinnt den Eindruck, er habe mit dem Bayerischen Staatsorchester die Partitur völlig auseinandergenommen, bis auf die kleinsten Triller-Schräubchen, Glissando-Federn und Legato-Keilriemen, und dann neu zusammengebaut und frisch geölt. Das Ergebnis ist ein faszinierender Präzisionsmechanismus, der aber dennoch nie starr oder eingeengt klingt, sondern flexibel und lebendig – und mit enormem Schwung. 

Dynamik, Artikulation und Rhythmik

In den generell eher zügigen Tempi, für die Petrenko ohnehin bekannt ist, sackt weder die Spannungskurve ab, noch verliert man beim Hören den Überblick: Man weiß stets, wo man ist, es gibt keinen lauen Takt. Und endlich vernimmt man jene radikalen Züge an Mahlers Klangvorstellungen, die bei Aufführungen so oft untergehen: Dynamik, Artikulation und Rhythmik – etwa allein die verschiedensten Auftaktvarianten im Stirnsatz! – werden so minutiös beachtet, dass ganze Instrumentengruppen oder Sololinien wie durch imaginäre Tonmeisterregler laufend vom Vordergrund in den Hintergrund und wieder zurück geschoben werden – und das live in der Aufführung, nicht durch eine verzerrende Nachbearbeitung. Das lässt ein ständig wechselndes Mosaik aus feinsten Seelenregungen erstehen, jede für sich klar formuliert und umrissen, aber immer im Kontext stehend. Ständig wechseln die Perspektiven, und es entsteht eine unerklärliche, leichte Schwermut, die auf alles herabtröpfelt und von der man weder das Warum kennt noch ein Mittel dagegen.

Das Bayerische Staatsorchester
Das Bayerische Staatsorchester
(Foto: © Myrzik und Jarisch)

Und das Finale? Längst wurde etwa Schostakowitschs Fünfte als Vergleich herangezogen um zu zeigen, dass es bewusst hohle Finali gibt, mit einem Jubel so flach wie ein Potemkin’sches Dorf. Gerade bei den Russen gab es das freilich schon früher, in Tschaikowskis Vierter und Fünfter: Als wolle sich die wunde Seele am eigenen Schopf aus dem seelischen Schlamassel ziehen, so wie Münchhausen aus dem Sumpf. Petrenko weiß das natürlich – und zieht den sinfonischen Mechanismus gleichsam bis zum Anschlag auf. Zwei große Höhepunkte geraten da nicht mehr bloß zum aufgeputschten Lärm, sondern sie reißen Abgründe auf inmitten der banalen Festwiesenstimmung: eine falsche, gewollte Fröhlichkeit, genau getroffen. Erst so wird das Panoptikum zum Pandämonium. Dass ein Opernhaus kein Konzertsaal und das Münchner Nationaltheater kein Aufnahmestudio ist, war schon vorher bekannt, man hätte es aber diesem Mitschnitt vom Mai 2018 gerne weniger deutlich angehört. Dem interpretatorischen Rang dieser Aufnahme tut das freilich keinen Abbruch: ein Meilenstein in der Mahler-Diskografie und ein glänzender Einstand für das neue Eigenlabel der Bayerischen Staatsoper. 

Gustav Mahler: „Symphonie Nr. 7“, Bayerisches Staatsorchester, Kirill Petrenko (Bayerische Staatsoper Recording)