Bis heute hängt der deutsch-französische Haussegen ausgerechnet in einem musikalischen Belang schief: Über die Frage des Klarinettensystems ist keine Einigung in Sicht. Ein Besuch am „Kriegsschauplatz“.

Beatles oder Stones? Mac oder PC? McDonalds oder Burger King? Es gibt im Leben diese Fragen, die scheinbar nur ein „Entweder-oder“ zulassen. Das ist in der Musik nicht anders. Auch bei den Klarinetten muss man sich entscheiden. Oehler oder Böhm? Deutsch oder französisch? Beides geht nicht. Ist durch diese Systemfrage am Ende gar die deutsch-französische Freundschaft in Gefahr?

So dramatisch ist es nicht, doch in der Tat verläuft die Trennungslinie dieses Systems zwischen Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz auf der einen Seite und dem „Rest der Welt“ auf der anderen. In den „deutschsprachigen“ Orchestern hält man auch aus Tradition am deutschen System fest. Das hat durchaus Charme, weil damit – wie in der Sprache – ein bestimmter Dialekt bewahrt wird und diese regionale Eigenheit zu Unverwechselbarkeit und Diversität beiträgt.

„Entweder-oder“ ist also die Devise. Und doch gibt es Musiker, die die hohe Kunst der Systemumstellung beherrschen. Die Spanierin Laura Ruiz Ferreres etwa – von 2006 bis 2010 Soloklarinettistin im Orchester der Komischen Oper Berlin und heute Professorin an der Frankfurter Musikhochschule – gehört zu den wenigen Künstlern, die beide Systeme beherrschen und lehren.

„Worin aber liegt nun der Unterschied? Am offensichtlichsten ist die Klappenkonstruktion“

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Das Böhm-System von klein auf gelernt, war Laura Ruiz Ferreres seinerzeit gewarnt worden, das System nicht zu wechseln. „Aber ich war neugierig und ehrgeizig“, erzählt sie, „und ich habe es geschafft. Ich erinnere mich immer an meine Zeit als Akademistin bei der Staatskapelle Berlin, wo ich manchmal in Opern mit französischer A-Klarinette und deutscher B-Klarinette gespielt habe …“

Auch Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Staatsoper bzw. der Wiener Philharmoniker „muss“ von Berufs wegen „deutsch“ spielen, obwohl er dereinst auf der Böhm gelernt hat. Voraussetzung aber, um ein Studium beginnen zu können, war das Umlernen auf das deutsche System. „In der Nachbetrachtung bin ich sehr glücklich, beide Klarinettensysteme kennengelernt zu haben. Bis heute spiele ich gerne Böhmsystem, wenn ich Bassklarinette spiele.“

Worin aber liegt nun der Unterschied? Am offensichtlichsten ist die Klappenkonstruktion. Manche Töne sind auf den Klarinetten unterschiedlich zu greifen und – vereinfacht formuliert – auf der Böhmklarinette stehen für einen Ton oftmals mehrere Griffmöglichkeiten zur Verfügung. Ein weiterer Unterschied ist die Innenbohrung der beiden Klarinettensysteme, die beim Böhmsystem deutlich weiter ist als bei der deutschen Klarinette. Ebenso werden zum Teil völlig andere Mundstücke und Blätter verwendet, was auch klangliche Unterschiede hervorbringt und gewisse Spieltechniken wie etwa das Lippenvibrato auf dem deutschen System schwieriger macht. Denn auf der deutschen Klarinette werden schwerere Blätter gespielt, was zunächst deutlich anstrengender ist.

„Warum aber gibt es überhaupt zwei Systeme? Ein kleiner historischer Exkurs soll Licht ins Dunkel bringen“

Warum aber gibt es überhaupt zwei Systeme? Ein kleiner historischer Exkurs soll Licht ins Dunkel bringen: Als Erfinder der Klarinette gilt der deutsche Instrumentenbauer Johann Christoph Denner (1655–1707). Seine Modernisierung des Chalumeaus, eines einfachen Volksinstruments, stieß wegen des besonderen Klangs auf großen Zuspruch. Ab 1732 wurde das Instrument als Klarinette, also kleine Clarin-Trompete, bezeichnet.

Viele Jahre lang wurde an der Klarinette weitergetüftelt, aber erst etwa 100 Jahre nach Denner machte Iwan Müller (1786–1854) einen entscheidenden Schritt: 1812 stellte er ein Instrument mit 13 luftdichten Klappen und Blattschraube vor, auf dem es nun endlich möglich war, auch chromatisch zu spielen. Trotz eines negativen Gutachtens des Pariser Konservatoriums setzte sich das Instrument schon wenige Jahre später andernorts immer mehr durch.

In Frankreich ging man um 1840 andere Wege: Hyacinthe Klosé und Louis Buffet übertrugen das Ringklappensystem der Böhm-Flöte auf die Klarinette und präsentierten so ein Instrument mit 17 Klappen. Spieltechnische Erleichterungen und auch Verbesserungen der Intonation waren das Ergebnis. Die vereinfachte Technik und die akustischen Verbesserungen galten hier als entscheidendes Kriterium für die Qualität des Instruments.

„Die Schwachstellen sind letztlich bei beiden Systemen die gleichen – und meistens ist der Spieler eine davon“

Die Müller-Klarinette wurde dagegen nur sehr langsam und in kleinen Schritten weiterentwickelt. Man bemühte sich besonders, das romantische Klangideal zu wahren. Etwa 20 Jahre lang war die Böhm-Klarinette deutschen Instrumenten technisch überlegen. Carl Baermann erkannte schließlich, dass das System der Böhm-Klarinette wohl die einzige Möglichkeit sei, eine „Überladung des Instruments mit Klappen und Hebeln“ zu vermeiden.

Auch der Belgier Eugène Albert behalf sich bei seinem Instrument mit Elementen der Böhm-Klarinette, allerdings war seine Klarinette intonationsgenauer. 1890 entwickelte Oskar Oehler dann die letzten großen Neuerungen am deutschen System: Sein Instrument mit 22 Klappen zeichneten vor allem klangliche Verbesserungen aus.

Bis heute ungeschlichtet ist der „Streit“ zwischen Böhm- und deutschem System. Die Böhm klingt schärfer, heller, vielfältiger, begünstigt das Vibrato, die Virtuosität, die schnellen Läufe, die Eleganz – und den Geldbeutel. Die „deutsche“ klingt wärmer, dunkler, obertonärmer, begünstigt die Tonbeugung und das Glissando, verlangt Gabelgriffe, Zungen- und Fingertricks. Und es gibt einen klanglichen Unterschied. Dieser ist allerdings sehr stark von Blatt, Mundstück und Anblasart abhängig. Der Zuhörer kann nicht unbedingt zuordnen, welches System gespielt wird. Es kommt sehr auf den Spieler und das verwendete Material an, wie eine Klarinette klingt. Die Schule, aus der der Spieler kommt, ist sehr viel entscheidender dafür als das Instrument selbst. Die Schwachstellen sind letztlich bei beiden Systemen die gleichen – und meistens ist der Spieler eine davon.

Klaus Härtel
Als Klaus Härtel anno dazumal das Trompete-Spielen erlernte, dachte er nicht im Entferntesten daran, dass Musik einmal dem Broterwerb dienen könnte. Musik war in erster Linie zeitintensiver Zeitvertreib. Die aktive, geblasene Musik trat in den Hintergrund, die passiv gehörte nach dem Journalismus-Studium in den Vordergrund.

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