Will­kom­men in der neu­en Klas­sik-Woche, 

vie­len Dank für die zahl­rei­chen Zuschrif­ten zur ers­ten „Klas­sik-Woche“. Heu­te geht es unter ande­rem mit die­sen The­men wei­ter: Wer wird den Bay­reu­ther Ring 2020 diri­gie­ren? Wie steht es um das Fern­se­hen, die Kul­tur und die Rund­funk­or­ches­ter? Wie war Yuval Sharons Ber­li­ner Zau­ber­flö­te? Und was war das mit dem Penis von Teo­dor Cur­r­ent­zis?

Was ist?

Ric­car­do Muti: Kan­di­dat für den Bay­reu­ther Ring 2020

In Bay­reuth wird ein Geheim­nis dar­aus gemacht, wer den Ring 2020 diri­gie­ren wird. Danie­le Gat­ti wur­de nach der #MeToo-Debat­te vom Con­cert­ge­bouw gekün­digt (Gat­tis aktu­el­le Reak­ti­on auf die Vor­wür­fe hier) und steht nicht mehr auf der Bay­reu­ther Beset­zungs­lis­te. Bis­lang wur­den Andris Nel­sons und Chris­ti­an Thie­le­mann als Ersatz debat­tiert – aber vie­les, was wir hören, weist auf den Ita­lie­ner Ric­car­do Muti hin, der den Ring der Regis­seu­rin Tat­ja­na Gür­ba­ca, der ehe­ma­li­gen Main­zer Opern­di­rek­to­rin, nun musi­ka­lisch lei­ten soll.

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Im Forum Ope­ra ver­kün­de­te Anna Netreb­ko, dass sie die Isol­de sin­gen will, aller­dings unter der Bedin­gung, dass ihr Ehe­mann Yusif Eyva­zov den Tris­tan gibt – eine Vor­stel­lung, die wir eher mild und lei­se belä­cheln.  

Noch immer steht Diri­gent Dani­el Baren­bo­im in der Kri­tik. Nach­dem das VAN-Maga­zin den auto­ri­tä­ren Stil des „Pol­ter­geis­tes der Klas­sik“ the­ma­ti­sier­te, fand nun die Ein­ord­nung im Feuil­le­ton statt. Wäh­rend Manu­el Brug im Kul­tur­ra­dio gespal­ten ist, wirft sich Eleo­no­re Büning im NDR für Baren­bo­im in die Bre­sche – viel­leicht weil ihr Füh­rungs­stil aus alten FAZ-Zei­ten dem des Maes­tro nicht ganz unähn­lich war?  

Par­al­lel zur Ber­li­na­le fand in Ber­lin die „Avant-Pre­mie­re“ statt: Film­pro­du­zen­ten klas­si­scher Musik prä­sen­tier­ten Sen­dern ihre neu­en Pro­jek­te. An einem Steh­tisch stöhn­te ein Redak­teur: „Die­ses Jahr kom­me ich mir vor wie auf dem Stra­ßen­strich: Pro­du­zen­ten packen ihren Busen aus und bie­ten uns die tolls­ten Din­ge an – aber wir haben nicht mal Geld für den Bil­lig-Strich.“ 

Der­weil lässt das ZDF sei­nen alten Sen­der „ZDF-Kul­tur“ als Online­an­ge­bot auf­le­ben. Bei pri­va­ten Anbie­tern sorgt das für Skep­sis. ZDF-Pro­gramm­chef Nor­bert Himm­ler in der FAZ: „Den Tag will ich erle­ben, an dem die Pri­vat­sen­der in Deutsch­land eine digi­ta­le Kul­tur­platt­form eröff­nen.“ Was der ZDF-Mann viel­leicht ver­ges­sen hat: Ama­zon, Net­flix, Magen­ta und Co. könn­ten die Öffent­lich-Recht­li­chen in Sachen Kul­tur bald über­ho­len. Kei­ner die­ser Strea­ming­diens­te war übri­gens auf der Avant-Pre­mie­re, auch weil sie lie­ber neue Pfa­de beschrei­ten, als auf alten zu stamp­fen.

Pas­send dazu hat der Düs­sel­dor­fer Öko­no­mie-Pro­fes­sor Jus­tus Hau­cap in der Wirt­schafts-Woche die Debat­te los­ge­tre­ten, war­um Radio­or­ches­ter von Fern­seh­ge­büh­ren und nicht über Steu­ern finan­ziert wer­den. Wie auch immer: Sie sind tra­di­tio­nel­le Aus­hän­ge­schil­der der deut­schen Medi­en­land­schaft und soll­ten viel mehr Raum in den Pro­gram­men von ARD und ZDF bekom­men!

Eine Geschich­te wird das Feuil­le­ton wohl auch die kom­men­de Woche noch beschäf­ti­gen. In sei­nem Blog greift der Kom­po­nist Moritz Eggert die Inten­dan­tin Nike Wag­ner und den Kom­po­nis­ten und Diri­gen­ten Peter Ruzi­cka fron­tal an. Bei­de hät­ten ver­trau­li­che E-Mails von Eggert wei­ter­ge­lei­tet, um Sieg­fried Mau­ser (ihm wer­den sexu­el­le Über­grif­fe an der Münch­ner Musik­hoch­schu­le vor­ge­wor­fen) und den wegen Ver­ge­wal­ti­gung ange­klag­ten Hans-Jür­gen von Bose über den Stand der Din­ge zu infor­mie­ren. Nike Wag­ner habe pri­va­te Mails von Eggert sogar unter ihrer dienst­li­chen Mail-Adres­se als Lei­te­rin des Beet­ho­ven-Fes­tes wei­ter­ge­lei­tet (mit den Wor­ten „Lie­ber Sigi, wie aus­ge­macht habe ich Eggert nicht geant­wor­tet …“). „Alte Seil­schaf­ten sind dicker als Blut“, echauf­fiert sich Eggert und ärgert sich über den Ver­trau­ens­miss­brauch und dar­über, wie das Sys­tem der Klas­sik sich sel­ber deckt.

Was war?

Der Diri­gent Teo­dor Cur­r­ent­zis in Dau (hier ohne eri­gier­tes Glied)

Span­nend, dass mit Teo­dor Cur­r­ent­zis inzwi­schen ein Enfant ter­ri­ble einem Radio­or­ches­ter wie dem SWR vor­steht. Sein Mul­ti­me­dia-Pro­jekt Dau, das in Ber­lin nicht gezeigt wur­de, nun aber in Paris auf­ge­führt wird, ver­stör­te die Kri­tik. Jür­gen König fin­det das Pro­jekt im Deutsch­land­funk ein­fach nur „pein­lich bis hoch­stap­le­risch“, und Igor Toro­ny-Lalic vom Spec­ta­tor schreibt: „Das ein­zig halb­wegs Span­nen­de für einen Musik­kri­ti­ker ist, dass es das eri­gier­te Glied von Teo­dor Cur­r­ent­zis zu sehen gab. Nun, ich habe Hai­tinks Dödel noch nie gese­hen, oder Ratt­les oder Tos­ca­ni­nis. Wenigs­tens das war neu. Etwas, das man auf der Lis­te abha­ken kann.“  

Eini­ge Tage vor der gest­ri­gen Zau­ber­flö­ten-Pre­mie­re an der Ber­li­ner Staats­oper saß Regis­seur Yuval Sharon mit sei­nem Dra­ma­tur­gen im Luxus­re­stau­rant von Tim Raue und bekam von sei­nem Mit­ar­bei­ter eine Mario­net­te geschenkt. Ein Mar­ken­zei­chen sei­ner Insze­nie­rung, die aller­dings nicht über­zeu­gen konn­te. Die flie­gen­den Zau­ber­flö­ten-Figu­ren auf der Büh­ne der Staats­oper sorg­ten bei Uwe Fried­rich in der Nacht­kri­tik für Fazit für einen Wut­aus­bruch. Für ihn „eine schlech­te Par­odie der Augs­bur­ger Pup­pen­kis­te“. Sharon lässt unent­wegt Men­schen durch die Lüf­te flie­gen, die Sän­ger haben Angst, kön­nen kaum hören, die Dia­lo­ge kom­men, von Kin­dern gespro­chen, aus der Kon­ser­ve und am Ende ein für Fried­rich unmo­ti­vier­ter Hauch von Regie­thea­ter, wenn Tami­no und Pami­na ihre Feu­er- und Was­ser­prü­fung erle­di­gen müs­sen. Bei Sharon dre­hen sie in einer Ein­bau­kü­che den Gas­herd auf und machen den Abwasch. Ein Total­ver­riss, beson­ders, was die Leis­tung der für Franz Wel­ser-Möst ein­ge­sprun­ge­nen Diri­gen­tin Alon­dra de la Par­ra betrifft: Zu lang­sam, zu unin­spi­riert – und über­haupt: über­schätzt, sagt Fried­rich. Hier, der Aus­ge­wo­gen­heit wegen, ein Inter­view mit dem Team der Oper und der Vor­be­richt der New York Times.

Und sonst? Der einst unge­stü­me und über Sex-Skan­da­le gestol­per­te Pia­nist Mikhail Plet­nev ver­such­te sich in Wien an einer Rück­kehr, konn­te Wal­ter Gür­tel­schmied von der Pres­se aber nicht über­zeu­gen. In New York hat der Tenor Javier Camare­na die Oper zum Sport erho­ben und gleich 18 hohe Cs in der Regi­ments­toch­ter geschmet­tert. Über­wäl­ti­gend fand Rein­hard J. Brem­beck die Kre­nek-Auf­füh­rung von Karl V. in Mün­chen mit Bo Skov­hus. Auch Georg-Albrecht Eck­le lobt den Krieg der Ster­ne mit 12 Tönen von La Fura dels Baus in der Print­aus­ga­be der aktu­el­len Zeit. Die Wie­ner Volks­oper wird für eine neue Por­gy und Bess-Insze­nie­rung mit „der sen­si­blen Mel­ba Ramos und einem über­wäl­ti­gen­den Mor­ris Robin­son“ gefei­ert.  Wal­ter Wei­d­rin­ger lobt in der Pres­se das Wien-Debüt von Calix­to Biei­to mit der Pre­mie­re von Men­dels­sohns Eli­as am Thea­ter an der Wien und ist fas­zi­niert von der Gestal­tungs­kraft Chris­ti­an Ger­ha­hers. „Wit­zig und char­mant“ fin­det Jan Brach­mann in der FAZ die Auf­füh­rung von La divi­sio­ne del mondo von Gio­van­ni Legren­zi in Straß­burg durch Chris­to­phe Rous­set, und der Coun­ter­te­nor und Regis­seur Max Ema­nu­el Cen­cic setzt Hän­dels Ser­se in Karls­ru­he als schil­lern­de Revue in Sze­ne. Span­nend bis zuletzt war der Kom­po­nis­ten-Wett­be­werb Opus One der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker, bei dem sich Fabi­an Blum (*2000), Lukas Döh­ler (*2000), Son­ja Ever­ling (*2002) Jona­than Sprat­te (*1999) und Alex­an­der Tonik­jan (*2003) als Gewin­ner durch­setz­ten.

An der Ber­li­ner Volks­büh­ne wur­de der Ver­trag von Klaus Dörr bis 2021 ver­län­gert. Einen rich­ti­gen Mas­ter­plan, wie Frank Cas­torfs Erbe ver­wal­tet wer­den soll, gibt es aller­dings noch nicht. „Stadt­thea­ter ist nicht genug“, fin­det Peter Lau­den­bach in der Süd­deut­schen. Kon­ti­nu­ier­li­cher geht es am Leip­zi­ger Gewand­haus zu, wo Andre­as Schulz bis 2025 als Direk­tor bestä­tigt wur­de. Und noch eine Per­so­na­lie: Der pol­ni­sche Gei­ger Krzy­sztof Polo­nek, der seit 2009 bei den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern spielt, hat das Vor­spiel um die Kon­zert­meis­ter-Posi­ti­on gewon­nen und folgt damit auf Andre­as Bus­chatz. Gra­tu­la­ti­on!

Was lohnt?

Das Label Hänssler hat dem Pia­nis­ten Bene­detti Michel­an­ge­li eine groß­ar­ti­ge 10-CD-Box gewid­met

Das Klas­sik-Label Gün­ter Hänssler för­dert auf der einen Sei­te jun­ge Künst­ler wie die Har­fe­nis­tin Hele­ne Schütz oder das Pia­no-Duo Xie Sis­ters, auf der ande­ren gräbt es immer wie­der Mei­len­stei­ne der Musik­auf­nah­men aus. Eine erscheint nun auf 10 CDs: die Live-Mit­schnit­te von Bene­detti Michel­an­ge­li, unter ande­rem mit Wer­ken von Bach, Brahms, Ravel, Cho­pin und Debus­sy. Es ist ein akus­ti­sches Aben­teu­er, sei­ne unver­wech­sel­ba­re Mischung aus per­fek­tio­nier­ter Schön­heit, aus lei­den­schaft­li­cher Kraft und unend­lich klu­ger Kon­trol­le quer durch das Reper­toire zu ver­fol­gen. Allein die Scar­lat­ti-Sona­ten wür­den die­se Box bereits zu einem Mei­len­stein machen. Sel­ten berei­tet die Wie­der­ent­de­ckung einer Klas­sik­le­gen­de so viel Spaß wie hier. Ein Muss für jeden, der das Non­plus­ul­tra des Kla­vier­spiels in den Ohren haben will. 

Sehens­wert ist die aktu­el­le Aus­stel­lung im Bach-Muse­um Leip­zig über den „Hof-Com­po­si­teur Bach“ und die Zwän­ge des Musi­kers in einer fürst­li­chen Welt. Einen guten Ein­blick bekommt man bereits im Video auf der Sei­te des Bach-Muse­ums. Die Leip­zi­ger Volks­zei­tung schreibt: „Die­se Aus­stel­lung ver­deut­licht Ent­ste­hungs- und Rah­men­be­din­gun­gen von Musik im Abso­lu­tis­mus: Bachs welt­li­ches und sakra­les kom­po­si­to­ri­sches Schaf­fen ist nicht nur ästhe­ti­sche Erfül­lung, son­dern auch tönen­de Geschich­te.“ 

Wenn Sie die­se Woche ande­re CRE­SCEN­DO-Leser tref­fen wol­len und zufäl­lig in Mün­chen sind, dann emp­feh­le ich Ihnen noch das CRE­SCEN­DO-VIP-Paket für Gyp­si goes clas­sic im Prinz­re­gen­ten­thea­ter am 20. Febru­ar.

Bis dahin, hal­ten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

PS: Vie­len Dank für Ihre zahl­rei­chen Zuschrif­ten zum letz­ten News­let­ter, emp­feh­len Sie uns gern wei­ter, auch den CRE­SCEN­DO-Pod­cast „Axel tönt“ – und auch die­ses Mal bin ich wie­der neu­gie­rig auf Ihre Klas­sik-Woche.

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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