Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

danke für all die Reaktionen auf den letzten Newsletter – die Bezahlung junger Künstler scheint ein wichtiges Thema zu sein. Mehr dazu später. In dieser Woche geht es  zunächst um politisch-ethische Kulturfragen, um die Neuorientierung wichtiger Festivals und darum, Hilary Hahn beim Üben über die Schulter zu schauen.

WAS IST

Darf man Otello anmalen oder nicht? Die Blackfacing-Debatte geht weiter.

MARKUS HINTERHÄUSER VERLÄNGERT

Der Vertrag von Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele, wurde um fünf Jahre verlängert. Letzte Woche haben wir bereits über die verfahrene Situation bei den Salzburger Osterfestspielen gesprochen, wo Christian Thielemann Nikolaus Bachler als Intendanten verhindern will. Aktueller Stand: Die Politik will Bachler noch immer, der aber scheint über Rückzug nachzudenken. Aus Salzburger Kreisen ist derweil zu hören, dass Hinterhäuser am Ende eine entscheidende Rolle auch für die Osterfestspiele spielen könnte, wenn diese, ähnlich wie die Pfingstfestspiele von Cecilia Bartoli, in den Betrieb der Salzburger Festspiele übergehen würden – das wäre jedenfalls ein denkbarer Kompromiss in der verfahrenen Situation. Die Zeit drängt, denn mit Plänen und Verträgen für die Zukunft ist man ohne Führung schon jetzt spät dran.

NEUAUSRICHTUNG DES LUCERNE FESTIVAL

ANZEIGE

Für Festivals in ganz Europa wird es immer schwerer, ihr Publikum zu halten, auch die Osterfestspiele haben heuer ja Publikum verloren. Auch Luzern denkt in dieser Situation um. Intendant Michael Haeflinger hat – gegen großen Protest – die komplette Sparte für Klavier an Ostern gestrichen. Kreativität und Mut sind gefragt, wenn man in die Zukunft gehen will. Und so kommentiert Christian Wildhagen in der NZZ auch: „Was Haefliger mit der Streichung der beiden Festivalsatelliten getan hat, ist daher ein fraglos schmerzlicher und in der Sache durchaus kontrovers zu wertender Schritt; aber er ist legitim. Als künstlerisch Verantwortlicher darf und muss er ihn sogar gehen, wenn es auf andere Weise nicht möglich ist, seiner Institution eine Perspektive und, mehr noch, ein klares Profil für die Zukunft zu geben.

ZUSPITZUNG IN PRAG

Letzte Woche haben wir über den Protest des Prager Opern-Ensembles gegen den designierten Intendanten Peter Boye Hansen berichtet. Nun ist auch die von vielen gefeierte, aktuelle Chefin, Silvia Hroncová, zurückgetreten: „Meine Entscheidung hat mit der neuen Saison zu tun – besonders mit der zukünftigen Ausrichtung der Oper. Die Situation, die in einem offenen Brief des Ensembles kulminierte, war für mich ausschlaggebend, diese Arbeitsumgebung nicht länger zu akzeptieren.“ 

FRAUENQUOTE IM THEATER

Die Debatte begann mit dem Theatertreffen – hier soll ab 2020 eine Frauenquote für die nominierten Stücke eingeführt werden. Nun meldete sich Kulturstaatssekretärin Monika Grütters zu Wort und kritisierte dieses Vorgehen: „Das Theatertreffen als eine Art Bestenauswahl der deutschsprachigen Bühnen sollte die zehn ‚bemerkenswertesten Inszenierungen‘ eines Jahres allein nach ästhetisch-künstlerischen Kriterien zusammenstellen“, so Grütters. „Eine Einschränkung der Entscheidungsfreiheit der Jury kann und wird dazu führen, dass erstens eine Inszenierung nur deshalb nicht eingeladen wird, weil es sich um die Regiearbeit eines Mannes handelt – und dass zweitens jede Regisseurin, die mit ihrer Inszenierung eingeladen wird, im Verdacht steht, ihre Einladung mehr ihrem Geschlecht als ihrer Leistung zu verdanken, während Männer über derlei Zweifel völlig erhaben sind.“  Ich finde: Die Frau hat Recht!


SOMMER,
FESTPIELZEIT,
FESTSPIEL-GUIDE!

Über 200 Festspiele in Deutschland, Österreich und Europa. kompakt zusammengefasst. Jetzt am Kiosk!


BLACKFACING UND KEIN ENDE

Politische Korrektness war auch letzte Woche Thema, als wir über das Aufflammen der Blackfacing-Debatte gesprochen haben. Nun mischt sich der Intendant der Deutschen Oper Berlin ein: Gegenüber Volker Blech sagt Dietmar Schwarz in der Morgenpost: „Ein schwarz angemalter Otello geht nicht.“ Schwarz erklärt: „Das Black Facing ist in Amerika entstanden, als sich die Weißen kabarettartig über die Schwarzen lustig machten. Unsere „Zauberflöte“ von Günter Krämer, die jetzt bald 30 Jahre alt wird, ist ein gutes Beispiel, wie sich eine Wahrnehmung entwickelt hat. Nämlich von ‚das war damals so‘ bis ‚das geht gar nicht mehr‘. Bei der „Zauberflöte“ haben wir Briefe bekommen, ich war deshalb sogar schon bei der Berliner Senatorin für Gleichstellung Dilek Kolat.

WAS IST

Eine der Beethoven-Figuren in Bonn wurde gestohlen – jetzt bekommen sie Personenschutz.

SECUTRITY FÜR BEETHOVEN

Nachdem in Bonn eine Beethoven-Skulptur vom Münsterplatz gestohlen wurde, stehen die restlichen 799 Beethoven-Figuren nun unter besonderem Schutz: Zäune sollen die Skulpturen in der Nacht beschützen. Außerdem wird der Wachdienst verstärkt. An jeder Seite des Platzes wird ein Mitarbeiter eingesetzt. Halogenstrahler leuchten den Platz aus. Außerdem werde ein Wachdienstmitarbeiter mit einem Hund eingesetzt. City-Marketing Bonn bedauert die Maßnahmen auf Facebook mit den Worten: „Leider geht es nicht anders.“ Das Gute an der Geschichte: Beethoven ist auch heute noch heiß begehrt!

DEBATTE: ZU VIELE URAUFFÜHRUNGEN?

In Berlin waren in den letzten Wochen gleich fünf Uraufführungen zu sehen. Unter anderem Oceana von Detlev Gallert oder M von Moritz Eggert. Das ist großartig, findet Udo Badelt im Tagesspiegel. Aber: Uraufführungen hätten nur Sinn, wenn sie nicht zum Feigenblatt für Intendanten werden und dem Beweis der eigenen Innovation dienen. Die wahren Helden sind für Badelt Intendanten, die auch eine Zweitaufführung wagen. Er schreibt: „Tosca, uraufgeführt im Januar 1900 in Rom, wurde schon im Februar in Turin gezeigt, im März in Mailand, es folgten rasch Verona, Genua, Bologna. (…) Nur sehr wenig Neues konnte sich seither im Repertoire verankern: György LigetisLe Grand Macabre, Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann, Stücke von Hans Werner Henze und Aribert Reimann. Eine magere Ausbeute aus 70 Jahren Musiktheatergeschichte. Also: Runter vom Ross der stolzen Uraufführer! Nachspieler und Wiederaufnehmer sind die wahren Helden unseres heutigen Musiktheaters!“ 

FASTFOOD FÜR DIE OPER

Neulich schickte mir ein Freund eine Anzeige aus dem Opernglas. Mc Donald’s wirbt darin für seine Burger unter dem Titel „Signature“. Das ist auf den ersten Blick ein bisschen lustig, waren es doch früher in erster Linie schicke Autos, die von der Musik erwartet haben, dass sich die Zeitlosigkeit der Klassik auf ihre Marke überträgt. Ich weiß, dass Opernglas-Chefredakteur Ralf  Tiedemann gern sehr gut isst, es muss sich also um echte, zielgerichtete Werbung handeln! Und irgendwie finde ich das großartig. Besser, wenn McDonald’s zur Luxusmarke werden will, als wenn die Oper zum McSingsang geschrumpft wird. 

FRAU OHNE SCHATTEN IN WIEN

Über 20 Minuten Applaus für die Jubiläumsaufführung von „Frau ohne Schatten“ in Wien. Peter Jarolin schreibt im Kurier: „Musikalisch im Rang des Außergewöhnlichen, szenisch (Vincent Huguet) einfach nur austauschbar (…) So ist Camilla Nylund eine Kaiserin von Weltformat, sie singt diese Partie mit traumhafter Sicherheit, höchster Intensität  und atemberaubender vokaler Klarheit. Wie auch Nina Stemme eine Färberin der Extraklasse ist. Wie Klangmagier Christian Thielemann bei diesem komplexen Werk alle Register seine Könnens zieht, welch herrliche Klangfarben, welch fantastische Nuancen, welch dramatische Ausbrüche hier hörbar werden, sucht seinesgleichen.Etwas kritischer ist da Manuel Brug in seinem Blog – er findet Thielemanns Tempi eher schleppend und schreibt: „man hat diese Oper in Wien schon anders gesehen.“ 

Eher selten zu Wort gekommen ist im 150. Wien-Jubiläum Ion Holender, immerhin 19 Jahre Staatsopernintendant. Hier rede ich mit ihm über einige Highlights seiner Amtszeit.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Jan Brachmann verneigt sich in der FAZ vor dem Mozartfest in Würzburg: „Forscher, Kosmologen, Künstler und Kritiker werden sich im Mozart-Labor, im Exerzitienhaus Himmelspforten, treffen, um darüber nachzudenken. Einmal mehr beweist die Intendantin Evelyn Meining, dass es möglich ist, ein Komponistenfestival zu machen, das sein Programm ganz aus der Konzentration auf dessen Werk gewinnt und vor der Auseinandersetzung damit nicht ins freie Assoziieren davonlaufen muss.“ +++ „Mehr betörendes Opernkonzert als Verismo-Drama“, schreibt Walter Weidringer über den Auftritt von Anna Netrebko in Andrea Chenier an der Wiener Staatsoper.  +++ Nicolaus Stemann hat mit dem Komponisten Philippe Manoury ein Oratorium über Mittelmeerflüchtlinge auf die Bühne der Kölner Philharmonie gebracht – das ist nur halb gelungen, findet Regine Müller in der NZZ: „So scheitert das erklärte Ansinnen, Betroffenheit auszulösen, grandios auf höchstem Niveau. Schade, denn allein die Logistik ist fabelhaft, ebenso das minuziöse Zusammenspiel der Hundertschaften; der Chefdirigent François-Xavier Roth erweist sich einmal mehr als ein sturmsicherer Kapitän und inspirierender Animateur.“ +++ Begeistert zeigt sich Werner M. Grimmel über die Rameau-Oper Hippolyte et Aricie in Zürich: „Jetske Mijnssen zeigt in ihrer Inszenierung ganz beiläufig die unterschwellige Brutalität und Grausamkeit eines Ancien Régime.“


Anzeige

Exklusive Musikreisen mit ZEIT – Immer mit Musikexperten an Ihrer Seite

Hier finden Sie alle Reisen zu den schönsten nationalen und internationalen Opernhäusern.


PERSONALIEN DER WOCHE

Ein sehr lesenswertes Interview hat der Komponist Heinz Holliger der NZZ zu seinem 80. Geburtstag unter dem Titel „Ich bin Berufsatmer“ gegeben. +++ Die Sängerin Jessey Norman hat ihren Nachlass an die Library of Congress übergeben. +++ Letzte Woche ist uns ein kleiner Fehler unterlaufen: Dirigent Georg Fritsch wird natürlich nicht nach Kiel gehen, von dort kommt er nämlich, sondern nach Karlsruhe. Und nun hören wir auch, dass der Finne Santtu-Matias Rouvali neuer Chefdirigent des Philharmonia Orchestra London wird und gleichzeitig in Göteborg verlängert. +++ Und noch eine Dirigenten-Personalie: Jonathon Hayward wird von 2021 an neuer Chef der Nordwestdeutschen Philharmonie. +++ Thomas Schmoll unterhält sich im Spiegel mit dem Cellisten Johannes Moser über seine Konzerte in Gefängnissen. 

 WAS LOHNT

Hilary Hahn nimmt ihre Fans 100 Tage mit ins Probezimmer.

Nichts ist so intim in der Musik wie das Üben: Allein in einem Zimmer, allein mit den technischen Schwierigkeiten der Noten, allein mit seiner Idee der Interpretation – Momente, in denen die Stimme oder das Instrument versuchen, das, was der Kopf will, zu bewältigen. Ein ewiges Scheitern bis zur Perfektion. Mein Tipp diese Woche ist deshalb das Instagram-Profil der Geigerin Hilary Hahn. 100 Tage lang unternimmt Hahn ein Projekt, in dem sie ihre Fans mit in die Intimität ihrer Übe-Zimmer nimmt: Keine Erklärungen, keine Worte – nur die Kamera und die Geigerin. Hahn jeden Tag einige Sekunden zuzuschauen, führt dazu, zu verstehen, was die Kunst und ihre Wahrhaftigkeit ausmacht: Die Leidenschaft und die Bereitschaft, der Perfektion die eigene Zeit zu schenken.

Selten gab es so viele Rückmeldungen auf einen Newsletter wie jenen der letzten Woche, in dem es um die Bezahlung von Musikern ging: Leiterinnen von Volkshochschulen haben mir aufgelistet, was ihre Lehrer, die meist freiberuflich tätig sind, verdienen, und das Concertgebouw-Orchestra wies mich auf einen Fehler hin: Nicht das Orchester, sondern das eigenständige Haus, das Concertgebouw, sei dafür verantwortlich, dass Musiker für die Lunch-Konzerte nicht bezahlt würden. Das Orchester hingegen zahle allen Gästen mindestens die mit den internationalen Gewerkschaften ausgehandelten Summen: „Das Honorar orientiert sich dabei an der niedrigsten Stufe regionaler Orchester – das ist natürlich sehr wenig, aber es werden auch Renteneinzahlungen, Geld bei krankheitsbedingtem Ausfall etc. gezahlt. Wir würden die Honorare gern anheben“, heißt es in einer Mail, „sind dafür aber auf höhere staatliche Zuschüsse angewiesen.“ 

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif.

Ihr 

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

Vorheriger ArtikelPolitiker wollen Theater regieren
Nächster ArtikelErzählungen von Liebe und Sehnsucht
Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here