Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

das Klas­sik-Karus­sell dreht sich gewal­tig. Lesen Sie über den Stand der Din­ge in Mai­land, Ber­lin und Salz­burg. Außer­dem: Die kul­tur­po­li­ti­schen Gra­ben­kämp­fe wer­den radi­ka­ler – ein Blick auf die Thea­ter­po­li­tik im Osten. 

WAS IST

Klaus Flo­ri­an Vogt in der Mai­län­der Pro­duk­ti­on von „Die Tote Stadt“.

PERSONALKARUSSELL I: MAILAND

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In Mai­land woll­te Inten­dant Alex­an­der Perei­ra einen Mil­lio­nen-Deal mit den Scheichs aus Sau­di-Ara­bi­en abwi­ckeln, bis er von Kri­ti­kern und der Poli­tik zurück­ge­pfif­fen wur­de. Eigent­lich soll­te sei­ne Ver­trags­ver­län­ge­rung längst unter­schrie­ben sein. Doch die Poli­tik lässt Stich­tag um Stich­tag ver­strei­chen. Der Unwil­le zur Ver­trags­ver­län­ge­rung ist inzwi­schen der­art offen­sicht­lich, dass gemun­kelt wird, man sehe sich in Mai­land nach einem neu­en Chef um. Hoff­nung, etwa für den schei­den­den Wie­ner Opern­in­ten­dan­ten Domi­ni­que Mey­er? Dabei hat Perei­ra (so streit­bar er ist) in die­ser Sai­son tat­säch­lich eini­ge span­nen­de Pro­duk­tio­nen gezeigt. Gera­de ging Die Tote Stadt von Korn­gold mit Klaus Flo­ri­an Vogt über die Büh­ne und wur­de von Chris­ti­an Wild­ha­gen in der NZZ beju­belt. Die neue Sai­son eröff­net Perei­ra am 7. Dezem­ber mit der Ori­gi­nal-Aus­ga­be der Tos­ca von 1900 – in der Titel­rol­le Anna Netreb­ko, Ric­car­do Chail­ly wird diri­gie­ren. Frag­lich, ob ihm die­se Scoups am Ende noch den Job ret­ten wer­den.   

PERSONALKARUSSELL II: BERLIN

Gleich zwei Per­so­na­li­en bewe­gen Ber­lin. Pro­fes­so­ren und Künst­ler der Musik­hoch­schu­le Hanns Eis­ler pro­tes­tie­ren gegen die Abset­zung des alten Rek­tors Robert Ehr­lich – er habe gute Arbeit geleis­tet, die Bezie­hun­gen zum Senat ver­bes­sert, die Gehäl­ter ange­ho­ben und die Exzel­lenz geför­dert. Gro­ße Namen wie die Cel­lis­ten Nico­las Alt­sta­edt und Clau­dio Bohór­quez, der Gei­ger Kol­ja Bla­cher, der Pia­nist Kirill Gerstein, die Sän­ge­rin Chris­ti­ne Schä­fer, die Brat­schis­tin Tabea Zim­mer­mann und die Hor­nis­tin Marie-Lui­se Neu­necke haben einen offe­nen Brief gegen sei­ne Abwahl for­mu­liert – ein Affront gegen die desi­gnier­te Hoch­schul-Lei­te­rin Sarah Wedl-Wil­son. Viel­leicht ist all das aber auch nur ein wei­te­res Bei­spiel, was pas­siert, wenn man Head­hun­tern in der Kul­tur das Feld über­lässt. Auch an der Staats­oper Unter den Lin­den ist die Situa­ti­on wei­ter­hin offen: Kul­tur­se­na­tor Klaus Lede­rer ver­schiebt sein Bekennt­nis zu Dani­el Baren­bo­im immer wie­der. So lan­ge, dass Fre­de­rik Hans­sen im Tages­spie­gel bereits über einen Nach­fol­ger spe­ku­liert – etwa Gus­ta­vo Duda­mel. Aber wäre der Unter­stüt­zer des vene­zo­la­ni­schen Ter­ror-Regimes poli­tisch nicht noch unkor­rek­ter?  

PERSONALKARUSSELL IIISALZBURG

Auch die Salz­bur­ger Oster­fest­spie­le müs­sen uns an die­ser Stel­le noch ein­mal beschäf­ti­gen. Inzwi­schen ist sicher, dass die Situa­ti­on viel ver­track­ter ist als gedacht: Niko­laus Bach­ler hat, wie wir erfah­ren haben, sei­nen Ver­trag als Inten­dant längst unter­schrie­ben. Zu einem orga­ni­sa­to­ri­schen Tref­fen zwi­schen Bach­ler und Chris­ti­an Thie­le­mann, der dem neu­en Inten­dan­ten zunächst zustimm­te, um ihn dann zu bekämp­fen, ist es noch nicht gekom­men. Zwei Giga-Egos kra­chen da auf­ein­an­der. Bach­ler, so hört man, akzep­tiert als Ort für ein Tref­fen nur Salz­burg oder Dres­den, wäh­rend Thie­le­mann sich unbe­ein­druckt zeigt und in Öster­reich Sym­pa­thie­punk­te ein­sam­melt – unter ande­rem durch sei­ne Frau ohne Schat­ten und durch bewusst gut gelaun­te Auf­trit­te in Fern­seh­sen­dun­gen des ORF. Einer von bei­den wird frü­her oder spä­ter gehen müs­sen. Thie­le­manns Ver­trag läuft noch bis 2022, ob Bach­ler vor­her noch abspringt – wenn ja, wird es teu­er wer­den.



WAS WAR

Hat sich getraut: Pia­nist Lang Lang hat in Ver­sailles gehei­ra­tet.

AfD WILL SACHSENS THEATER VERÄNDERN

Im vor­letz­ten News­let­ter hat­ten wir bereits berich­tet, wie die AfD sich in die Spiel­plan­ge­stal­tung am Mit­tel­säch­si­schen Thea­ter ein­ge­mischt hat. Nun, nach der im Osten erfolg­rei­chen Euro­pa­wahl und vor den anste­hen­den Wah­len in Bran­den­burg, Sach­sen und Thü­rin­gen ver­schärft sich der Ton. Die AfD in Sach­sen for­mu­liert ihr Kul­tur­kon­zept (und das ist lei­der kein Witz!) so: „Kul­tur darf kein Tum­mel­platz für sozio­kul­tu­rel­le Kli­en­tel­po­li­tik sein.“ Sie müs­se „Spie­gel des Selbst­ver­ständ­nis­ses der säch­si­schen Bür­ger sein“. Wes­halb die AfD sich „gegen ein ein­sei­tig poli­tisch ori­en­tier­tes, erzie­he­ri­sches Musik- und Sprech­thea­ter wen­det, wie es der­zeit auf säch­si­schen Büh­nen prak­ti­ziert wird.“ Lesens­wert dazu die Ein­ord­nung des Dresd­ner Jour­na­lis­ten Mar­tin Mor­gen­stern, der den AfD-Poli­ti­ker Gor­don Eng­ler zitiert: „Neu­mo­di­sche Extra­va­gan­zen pas­sen ein­fach bes­ser zu einer Stadt wie Ber­lin. Dres­den und sei­ne alt­ein­ge­ses­se­ne Bür­ger­schaft sind für eine Groß­stadt ver­gleichs­wei­se kon­ser­va­tiv geprägt. Inso­weit gilt es auf den Geschmack und die Inter­es­sen der Bür­ger Rück­sicht zu neh­men. Die exzen­tri­sche Rand­grup­pen­kunst soll­ten wir daher ger­ne Leip­zig und Ber­lin über­las­sen.“ Ich neh­me in die­sem News­let­ter sel­ten poli­tisch Stel­lung, und das ist in die­sem Fall eigent­lich auch nicht nötig. Es wird lei­der sofort klar: Wer AfD wählt, ver­sün­digt sich an dem, was die Kul­tur­na­ti­on Deutsch­land seit jeher so erfolg­reich gemacht hat – Offen­heit, Mei­nungs­viel­falt, Pro­vo­ka­ti­on und Rei­bung. Und es ist schwer zu ver­ste­hen, dass aus­ge­rech­net ein Künst­ler wie der Cel­list Mat­thi­as Moos­dorf auf sei­ner Face­book-Sei­te stolz drauf auf­merk­sam macht, dass er per­sön­lich die­sen Quatsch erfun­den habe, den die AfD Sach­sen „Eins zu eins über­nom­men“ hät­te.

EKLAT AM THEATER ANSBACH

In poli­tisch radi­ka­len Zei­ten wer­den auch die Angrif­fe auf Thea­ter­ma­cher immer direk­ter. Das muss­te nun die Inten­dan­tin des Thea­ters Ans­bach, Susan­ne Schulz, erfah­ren, als der Vor­sit­zen­de des Auf­sichts­ra­tes des Thea­ters, Her­bert Mati­jas, bei der Spiel­plan­prä­sen­ta­ti­on unauf­ge­for­dert das Wort ergriff und sie und ihre Mit­ar­bei­ter mit einer „Pla­ge“ ver­glich. Gegen­über Radio 8 reagier­te Schulz gelas­sen: „So was sagt ja oft mehr über den Spre­cher als über den, der annon­ciert wird.

SPIELEN AGENTUREN MIT HOFFNUNGEN?

Ich wur­de mehr­fach dar­auf ange­spro­chen, war­um ich im letz­ten News­let­ter nicht über einen Arti­kel im VAN-Maga­zin berich­tet habe, in dem es um eine Künst­ler­agen­tur ging, die angeb­lich mit betrü­ge­ri­schen Machen­schaf­ten die Hoff­nun­gen jun­gen Künst­ler aus­nut­ze. Dazu nur die­ses: Ich mag den inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus des VAN Maga­zins wirk­lich sehr, aber die­ser Bei­trag, den ich hier bewusst nicht ver­lin­ke, war bereits beim ers­ten Lesen zu offen­sicht­lich per­sön­lich getrie­ben und Teil eines Rache­feld­zu­ges. Nun ist auch BR Klas­sik auf die­ses The­ma auf­ge­sprun­gen – und schafft es wenigs­tens, die betrof­fe­ne Agen­tin zu Wort kom­men zu las­sen. Viel­leicht wäre es wirk­lich ein über­fäl­li­ger Text, über die gro­ße Span­ne zu schrei­ben, die  zwi­schen den Erwar­tun­gen jun­ger Künst­ler nach Öffent­lich­keit und Enga­ge­ments und der rea­len Kon­zert- und Medi­en­welt liegt, die die­se Erwar­tun­gen kaum ein­lö­sen kann. Oder anders aus­ge­drückt: Einen Agen­ten zu enga­gie­ren, kann hel­fen, ist aber sel­ten Garan­tie dafür, dass PR und Auf­trä­ge plötz­lich aus dem Nichts kom­men.   

AUF UNSEREN BÜHNEN

Judith Aram (Vor­sit­zen­de des Bun­des für Szen­o­gra­fen) und Anne­mie Vana­cke­re (Inten­dan­tin des Heb­bel am Ufer) for­dern eine Frau­en­quo­te für deut­sche Opern­häu­ser. Grund: Frau­en sei­en sen­sa­tio­nell schlecht ver­tre­ten; kei­ne der geplan­ten Pre­mie­ren der Staats­oper Ber­lin und der Deut­schen Oper stamm­ten von einer Frau. +++ Die aus­tra­li­sche Oper kün­digt für 2020 einen voll­kom­men digi­ta­len Ring des Nibe­lun­gen in Bris­bane an, in dem Regis­seur Chen Shi-Zheng Wag­ners Tetra­lo­gie in LED-Ani­ma­tio­nen in Sze­ne set­zen soll. +++ Letz­te Woche haben wir dar­über geschrie­ben, dass nicht die Urauf­füh­rer, son­dern jene, die ein neu­es Werk zum zwei­ten oder drit­ten Mal auf­füh­ren, die wah­ren Hel­den der Musik sind. Vor­bild­lich das New York Phil­har­mo­nic Orches­tra, das, gemein­sam mit Jaap van Zweden, John Coriglia­nos 1. Sym­pho­nie wie­der­auf­ge­führt hat – ein beklem­men­des Werk, in dem der Kom­po­nist jenen Freun­den gedenkt, die vom HI-Virus dahin­ge­rafft wur­den. +++ Udo Badelt ver­reißt im Tages­spie­gel die Don Qui­chot­te-Insze­nie­rung von Jakop Ahl­bom an der Deut­schen Oper in Ber­lin.

PERSONALIEN DER WOCHE

Sie war eine Neu­den­ke­rin, hat­te ästhe­ti­sches Gespür und einen Blick für das Neue und Ande­re. Eva Klei­nitz, Inten­dan­tin der Opé­ra natio­nal du Rhin in Straß­burg, zuvor unter ande­rem Opern­di­rek­to­rin in Stutt­gart, galt als eine der wich­tigs­ten und bes­ten Opern-Lei­te­rin­nen. Nun ist sie nach schwe­rer Krank­heit mit nur 47 Jah­ren viel zu früh ver­stor­ben. +++ Wer hät­te das gedacht: US Prä­si­dent Donald Trump hat dem neu­en japa­ni­schen Kai­ser Naru­hi­to ein kul­tu­rel­les Geschenk gemacht: eine Brat­sche von 1938 aus Vir­gi­nia +++ Noch eine absur­de Mel­dung gefäl­lig? Tho­mas Gott­schalk über­nimmt die Schirm­herr­schaft des Winds­ba­cher Kna­ben­cho­res. +++ Und noch Mal Klatsch und Tratsch gefäl­lig? Lang Lang hat gehei­ra­tet – ein opu­len­tes Fest im Schloss Ver­sailles, unter ande­rem gehör­te der chi­ne­si­sche Kon­zert­ver­an­stal­ter Jia­tong Wu zu den Gäs­ten. +++ Jan Raes, Direk­tor des Roy­al Con­cert­ge­bouw Orches­tra, wird das Ensem­ble Ende des Jah­res ver­las­sen – Nor­man Leb­recht ver­mu­tet, dass er sei­nen Hut neh­men muss, weil er die Tren­nung von Danie­le Gat­ti vor­an­ge­trie­ben hatte.


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Ent­deckt die Pre­ludes von Mie­c­zysław Wein­berg – Gidon Kre­mer.

Als Mie­c­zysław Wein­bergs Oper Die Pas­sa­gie­rin in Bre­genz auf­ge­führt wur­de, begann eine bemer­kens­wer­te Renais­sance des viel zu lan­ge ver­ges­se­nen Kom­po­nis­ten. Er muss­te vor den Nazis aus Polen nach Mos­kau flie­hen, traf hier Schosta­ko­witsch und befreun­de­te sich mit ihm. Aber auch das anti­se­mi­ti­sche Sta­lin-Regime inhaf­tier­te Wein­berg (er soll­te angeb­lich eine jüdi­sche Repu­blik auf der Krim geplant haben). In der kom­men­den Sai­son wird unter ande­rem das Gewand­haus in Leip­zig einen Wein­berg-Zyklus zu des­sen 100. Geburts­tag auf die Bei­ne stel­len. Ein Höhe­punkt dabei: der Auf­tritt von Gidon Kre­mer und Mar­tha Arge­rich. Der Gei­ger Gidon Kre­mer, der sich seit jeher für Wein­berg stark macht, lei­tet das Jubi­lä­ums­jahr mit einer bemer­kens­wer­ten Auf­nah­me der 24 Pre­ludes von Wein­berg ein. „Die­se Musik braucht Inti­mi­tät und Ruhe, um auf uns zu wir­ken“, ver­rät Kre­mer mei­ner Kol­le­gin Cori­na Kol­be in der neu­en Aus­ga­be von CRESCENDO, die ich Ihnen natür­lich eben­falls ans Herz lege. Im neu­en Heft lesen Sie auch einen Schwer­punkt über Musik und Mode, für den Tere­sa Pie­schacón Rapha­el sich unter ande­rem mit Chris­ti­an Lacroix unter­hält.    


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Ein klei­ner Nach­trag noch: Im letz­ten News­let­ter habe ich ein kur­zes Gespräch mit dem Wie­ner Staats­opern-Inten­dan­ten Ion Holen­der ange­kün­digt. Es war auf der Cre­scen­do-Home­page zu hören, wur­de aber im News­let­ter tech­nisch irgend­wie nicht über­nom­men. Hier ist es nun noch ein­mal zum Nach­hö­ren.

In die­sem Sin­ne hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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