Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

die­ses Mal geht es um teu­re Locken, den Tenor mit dem Taschen­tuch, um den Kul­tur-Spar­kurs in euro­päi­schen Medi­en und natür­lich um alle aktu­el­len Auf­füh­run­gen und Per­so­na­li­en.

WAS IST 

Eine Locke Beet­ho­vens soll für min­des­tens 17.000 Euro ver­kauft wer­den.

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BEETHOVENS LOCKE

Suchen Sie noch eine Geld­an­la­ge? Das Beet­ho­ven-Jahr 2020 wirft sei­ne Schat­ten vor­aus. Wäh­rend in den Fern­seh­stu­di­os bereits an opu­len­ten Beet­ho­ven-Spiel­fil­men gear­bei­tet wird (es wird geflüs­tert, dass Tobi­as Moret­ti die Haupt­rol­le in der deut­schen Pro­duk­ti­on spie­len soll), stei­gen die Beet­ho­ven-Akti­en welt­weit schon jetzt. In den kom­men­den Wochen soll eine Locke des Kom­po­nis­ten bei Sotheby’s ver­stei­gert wer­den, und man rech­net mit einem Rekord-Gebot von min­des­tens 17.000 Euro. Abge­schnit­te­ne Zöp­fe als Wert­an­la­ge? Das Beet­ho­ven-Haus in Bonn macht es schon lan­ge vor: Wenn man hier für eine Doku die dort lagern­den Sträh­nen des Kom­po­nis­ten für eini­ge Sekun­den fil­men will, sind gleich eini­ge hun­dert Euro fäl­lig.

BELEUCHTER VS. REGISSEURE

Unbe­dingt lesens­wert ist das Gespräch, das die Ber­li­ner Beleuch­ter Olaf Free­se und Rein­hard Traum mit der Büh­nen­tech­ni­schen Rund­schau geführt haben. Sie erklä­ren, dass vie­le deut­sche Opern­häu­ser den tech­ni­schen Anschluss ver­passt hät­ten. Der Beruf wür­de immer schwe­rer, die Pro­be­zei­ten kür­zer und die Defi­zi­te in der Aus­bil­dung grö­ßer. Vor allen Din­gen aber beschwe­ren sich die bei­den Pro­fis über unpro­fes­sio­nel­le Regis­seu­re: „Es gibt da ein paar Regis­seu­re und Büh­nen­bild­ner, die selbst für das Licht ver­ant­wort­lich zeich­nen (und hono­riert wer­den), die, selbst wenn sie eine Vor­stel­lung von dem haben, was sie erzie­len möch­ten, nicht in der Lage sind, kon­kre­te Anga­ben zu machen, einen Plan oder ein Kon­zept zu erstel­len, sodass ein Meis­ter impro­vi­sie­ren muss. Der wird dann womög­lich noch „zur Sau gemacht“, weil er nicht weiß, was sich der Regis­seur vor­her aus­ge­dacht hat. Und so was nennt man dann im deut­schen Sprach­raum Licht­de­sign!?

WIENER STAATSOPERNCHOR IN KRITIK

Nun steht auch der Staats­opern­chor in Wien in der Kri­tik. Schon vor Jah­ren haben sich Mit­glie­der des Zusatz­cho­res über Chor­di­rek­tor Tho­mas Lang beschwert: Sie führ­ten arbeits­recht­li­che Ver­stö­ße an und uner­wünsch­te Anru­fe des Chefs. Der Fall schien lan­ge abge­schlos­sen, denn ein Arbeits­ge­richt gab der Oper damals bereits Recht. Jetzt wur­de in einem ande­ren Ver­fah­ren ein Gesprächs­mit­schnitt die­ser Zusam­men­tref­fen öffent­lich, aus dem die Wochen­zei­tung Pro­fil eine etwas kru­de Geschich­te gedreht hat. Zu hören ist, wie der Kauf­män­ni­sche Direk­tor der Oper auf die Beschwer­den der Sän­ger reagier­te. Er ant­wor­te­te ihnen: „Wenn eine Straf­tat vor­liegt, dann geht man zur Poli­zei. Geht man hin­ein und sagt: ‚Grüß Gott, da bin ich, mir ist eine Straf­tat bekannt gewor­den, ich möch­te jetzt eine Anzei­ge machen.’ […] War­um macht man es nicht, son­dern setzt sich da her und …?“ Die Sän­ge­rin, wel­che die Ton­auf­nah­men damals gemacht hat­te, wur­de bereits zu einer Stra­fe von 300 Euro ver­ur­teilt – wegen des Ver­ge­hens des Miss­brauchs von Ton­auf­nah­men. Die Beru­fung läuft. Die Staats­oper ist gera­de dabei, ernst­haft die Struk­tu­ren der Bal­lett­schu­le des Hau­ses umzu­bau­en (hier gab es eben­falls Vor­wür­fe von Miss­brauch und Demü­ti­gun­gen). Dem alten Chor-Fall steht sie nun eher ent­spannt gegen­über. Chor­di­rek­tor Lang weist die Anschul­di­gun­gen kate­go­risch zurück, und die Oper steht hin­ter ihm. 

PAVAROTTI IM KINO

Wir haben bereits berich­tet: Eine neue, opu­len­te Doku von Regis­seur Ron Howard zeigt das tur­bu­len­te leben von Lucia­no Pava­rot­ti. Zacha­ry Wool­fe von der New York Times hat den Film gese­hen und ist begeis­tert, wie Pava­rot­ti Höhen und die Tie­fen der San­ges­lust mit­ein­an­der ver­ein­te. „Wenn wir uns bewusst wer­den, war­um wir die­se Kunst lie­ben“, schreibt Wool­fe, „dann weil jemand wie Pava­rot­ti uns das schla­gen­de Herz der Oper zu Füßen gelegt hat.

WAS WAR

Dani­el Baren­bo­im bleibt Chef der Staats­ka­pel­le Ber­lin – und die Medi­en sol­len schwei­gen.

REAKTIONEN AUF BARENBOIM-VERLÄNGERUNG

Dani­el Baren­bo­im bleibt Chef der Staats­ka­pel­le Ber­lin und der Staats­oper unter den Lin­den – bis 2027, dann wird der Diri­gent 85 Jah­re alt sein. Außer­dem ernann­ten ihn die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker letz­te Woche zum Ehren­di­ri­gen­ten. Ich fand einen Satz der Orches­ter­ver­tre­ter auf der Pres­se­kon­fe­renz inter­es­sant: Sie mach­ten Jour­na­lis­ten für die Debat­te um den Füh­rungs­stil Baren­bo­im ver­ant­wort­lich und ver­lang­ten, dass die Medi­en sich aus der­ar­ti­gen Dis­kur­sen bit­te­schön her­aus­hal­ten soll­ten, da ein Orches­ter die Situa­ti­on zwi­schen Diri­gent und Musi­kern bes­ser ein­schät­zen kön­ne als Leu­te von außen. Ich fin­de das befremd­lich. Es ist ein biss­chen so, als wür­de die SPD sagen: „Was bil­den sich Jour­na­lis­ten ein, unse­re Stim­mung zu beschrei­ben! Wir sind doch die Par­tei und wis­sen bes­ser als alle ande­ren, was bei uns los ist!“ Ich tei­le den Eifer vie­ler Jour­na­lis­ten nicht, glau­be aber, dass auch die Klas­sik eine kri­ti­sche Beglei­tung aus­hal­ten muss. Zumal es um staat­li­che Insti­tu­tio­nen geht, deren Auf­ga­be die Debat­te und die Infra­ge­stel­lung ist. Außer­dem ist es natür­lich rich­tig, dass Medi­en die Vor­wür­fe gegen den Diri­gen­ten an die Öffent­lich­keit gebracht haben – was hät­ten sie denn sonst tun sol­len? In Ver­eh­rung und Demut schwei­gen?

KÜRZUNGEN IM MUSIKJOURNALISMUS

Dass der Musik­jour­na­lis­mus – ähn­lich wie im Fal­le Baren­bo­im – erst spät reagiert und sich viel zu lan­ge zurück­hält, hat viel­leicht auch damit zu tun, dass Feuil­le­tons kei­ne Mit­tel mehr haben, um ihre Kri­ti­ker irgend­wo­hin zu schi­cken. Statt­des­sen wer­den die meis­ten Jour­na­lis­ten, auch jene gro­ßer Zei­tun­gen, von Orches­tern oder Ver­an­stal­tern ein­ge­la­den. So ent­steht oft eine Kri­tik­lo­sig­keit auf jour­na­lis­ti­scher Sei­te und eine Erwar­tungs­hal­tung auf Sei­ten der Künst­ler. Ein Grund, war­um sich der Musik­jour­na­lis­mus oft vom kri­ti­schen und unab­hän­gi­gen Jour­na­lis­mus ande­rer Bran­chen unter­schei­det. Bes­se­rung ist nicht in Sicht, wie zwei Mel­dun­gen der letz­ten Woche zeig­ten: Der Evening Stan­dard aus Eng­land hat gera­de zwei Kri­ti­ker ent­las­sen, um Geld zu spa­ren, und auch der RBB setzt sei­nen Spar­kurs beson­ders in der Kul­tur fort – nach­zu­le­sen hier. Kei­ne gute Per­spek­ti­ve für eine wirk­lich kri­ti­sche Beglei­tung der Musik­sze­ne.

MUSIKPREIS FÜR SAUNDERS

Am 7. Juni wur­de der Kom­po­nis­tin Rebec­ca Saun­ders der Ernst von Sie­mens Musik­preis über­reicht. Die ener­ge­ti­schen, oft fast gewalt­sa­men Klang­wel­ten der Kom­po­nis­tin rüt­teln auf. Ein­zel­ne Klän­ge bil­den die Grund­la­ge ihrer Wer­ke – die Stil­le ist Teil ihrer Kom­po­si­tio­nen. Die Sen­dung Titel, The­sen Tem­pe­ra­men­te wid­me­te der Kom­po­nis­tin ein Por­trät.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Karl­heinz Stock­hau­sens Licht-Zyklus dau­ert eigent­lich 30 Stun­den. Ein gro­ßer Teil davon wur­de nun an drei Tagen in Ams­ter­dam auf­ge­führt. Die New York Times und Micha­el Stall­knecht von der NZZ waren begeis­tert: „Das Haa­ger Kon­ser­va­to­ri­um stell­te nicht nur kos­ten­spa­rend diver­se Orches­ter­for­ma­tio­nen, son­dern rich­te­te auch eigens einen zwei­jäh­ri­gen Mas­ter­stu­di­en­gang für die Solo-Instru­men­ta­lis­ten und die Sound-Inge­nieu­re ein. Unter­rich­tet wur­den sie (…) vor allem von Kathin­ka Pas­veer, der Flö­tis­tin, Muse und Nach­lass­ver­wal­te­rin Stock­hau­sens.“ +++ „Ein depri­mie­ren­der Rigo­let­to“ urteil­te Manu­el Brug (und mit ihm vie­le Kol­le­gen) über die Insze­nie­rung von Bart­lett Sher an der Staats­oper unter den Lin­den im Diri­gat des wohl viel zu lau­ten und unge­nau­en Andrés Oroz­co-Est­ra­da. +++  Eli­as Pietsch berich­tet im Tages­spie­gel über I’d rather sink auf dem Gelän­de des Berg­hain: „Regis­seu­rin Alié­nor Dau­chez von der fran­zö­si­schen Musik­thea­ter-Com­pa­gnie La Cage stellt zwei äußerst unter­schied­li­che Stü­cke neben­ein­an­der: Einen Rave des rus­si­schen Kom­po­nis­ten Dmi­tri Kour­li­and­ski und die Video-Oper An Index of Metals des Ita­lie­ners Faus­to Romi­tel­li.

PERSONALIEN DER WOCHE

Mit dem Inten­dan­ten des Dort­mun­der Schau­spiel­hau­ses Kay Voges ver­bin­det mich eine lus­ti­ge Opern-Geschich­te: Einst hat er ein inter­view zwi­schen Chris­ti­an Thie­le­mann und mir in sei­ner Insze­nie­rung des Frei­schüt­zes in Han­no­ver benutzt – es folg­te eine geist- und humor­vol­le Aus­ein­an­der­set­zung um Rech­te­fra­gen, Ver­ball­hor­nung und das Deut­sche Volks­lied. Nun wird Voges neu­er Chef des Wie­ner Volks­thea­ters, und ich sage aus gan­zem Her­zen: Glück­wunsch! +++ Lang Lang hat gehei­ra­tet, inzwi­schen wis­sen wir auch wen: die 24jährige Pia­nis­tin Gina-Ali­ce Red­lin­ger, eine Deutsch-Korea­ne­rin. Auf ihrer Fei­er spiel­ten sie gemein­sam den Wal­zer aus dem Film Amé­lie. Unter den Gäs­ten auf der Mär­chen­hoch­zeit in Ver­sailles war auch der Diri­gent Franz Wel­ser-Möst. +++ Micha­el Til­son Tho­mas hat sei­ne Kon­zer­te bis zum 3. Sep­tem­ber abge­sagt, da er sich einer Herz-OP unter­zie­hen muss. +++ Das Y‑Net beschreibt in einem lesens­wer­ten Por­trät die enge Freund­schaft zwi­schen Zubin Meh­ta und sei­nem Nach­fol­ger als Chef des Isra­el Phil­har­mo­nic Orches­tra, dem 30jährigen Sha­ni Lahav. +++ Das Impe­ri­um von Vale­ry Ger­giev ver­grö­ßert sich: gera­de hat er einen Ver­trag unter­schrie­ben, der ihn nicht nur zum Chef des Mari­in­sky in St. Peters­burg und der Oper in Vla­di­wos­tock macht, son­dern auch zum Kopf des neu­en Thea­ter­kom­ple­xes auf der Insel Sak­ha­lin. +++ Die Sän­ge­rin Camil­la Nylund wur­de zur Kam­mer­sän­ge­rin der Wie­ner Staats­oper ernannt. +++ Ema­nu­el Sco­bel wird neu­er Geschäfts­füh­rer des Tho­man­er­cho­res – zuvor war er u.a. Lei­ter des Labes Carus und Geschäfts­füh­rer der Stutt­gar­ter Hym­nus-Chor­kna­ben. +++ Ges­tern wur­de die Sopra­nis­tin Ileana Cotru­bas 80 Jah­re alt – der BR gra­tu­lier­te mit einem Video. 

WAS LOHNT

Die Deut­sche Gram­mo­phon fei­ert Bri­git­te Fass­ba­en­der mit einer Edi­ti­on.

Eben­falls 80 wur­de die Sän­ge­rin Bri­git­te Fass­ba­en­der. Die Deut­sche Gram­mo­phon hat ihr nun eine sehr hörens­wer­te Fass­ba­en­der-Edi­ti­on mit 11 CDs gewid­met. Ihre wun­der­bar erzäh­len­den Lie­der­zy­klen, ihre beein­dru­cken­de, fast spie­le­risch leich­ten und den­noch stets tod­erns­ten Opern­pro­duk­tio­nen. Grund genug, sich ein­mal durch­zu­hö­ren. Ich per­sön­lich erin­ne­re mich gern an ein Gespräch, das wir für CRESCENDO geführt haben, in dem sie – anders als so vie­le ihrer Kol­le­gin­nen – nicht das Lied von „frü­her war alles bes­ser“ gesun­gen hat, son­dern aus vol­lem Her­zen die – wie sie sag­te – „neue Dumm­heit“ in der Klas­sik­sze­ne bekämp­fen woll­te.

Fehlt noch was? Ja! Wir freu­en uns auf die nächs­te Ver­nis­sa­ge in den Räu­men der CRE­SCEN­DO-Redak­ti­on in Mün­chen.  Am 11. Juli sind hier die Wer­ke von Frie­de­ri­ke Höl­le­rer zu sehen, die u.a. das Cover der letz­ten  Pre­mi­um-CD gemalt hat. Tref­fen Sie die Redak­ti­on und die Künst­le­rin beim After-Work-Aperó – mehr dazu an die­ser Stel­le.

Bis dahin hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann  

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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