Willkommen in der neuen KlassikWoche,

zwei Wochen Auszeit, zwei Wochen Abstand vom Alltag – das schärft den Blick. Und ein neues Jahr bedeutet immer auch: neue Pläne. Heute schauen wir zunächst noch mal ein wenig zurück auf den Jahreswechsel, schauen aber auch in eine leider noch immer etwas ungewisse Zukunft. Wir befragen die Klassik nach Männern und Frauen und erörtern den Sinn und Unsinn von Streams. Zunächst geht es aber nach Berlin…

ERBARMEN FÜR DIE KOMISCHE OPER

Blick auf die Bühne der Komischen Oper zur Aufführung von Leonard Bernsteins "Candide"

An dieser Stelle haben wir oft darüber geschrieben, dass viele Dirigenten, vor allen Dingen aber Dirigentinnen abgelehnt haben, als Chefs an die Komische Oper zu gehen. Das weitgehend von Barrie Kosky selbst vorgeschlagene Nachfolger-Duo Susanne Moser und Philip Bröking hat seinen KandidatInnen einen langfristig fixierten Spielplan vorgelegt, in dem die Inszenierungen des designierten Chefregisseurs Kosky bereits eingepreist waren. Viel Spielraum zur eigenen Verwirklichung gab es also nicht, und wer etwas auf sich hielt, hat der Oper einen Korb gegeben. Doch nun hat sich doch jemand erbarmt: Der 42-jährige Amerikaner James Gaffigan hat „ja“ gesagt. Er wurde einst als Wunderkind gehandelt, als Chef in Valencia und beim Luzerner Sinfonieorchester ist es allerdings recht ruhig um ihn geworden. Am liebsten hätte das neue Führungs-Duo wohl eine Frau als Chefin gehabt (die wurden jedenfalls als erstes angefragt), und immerhin wurde eine Frau nun als Erste Kapellmeisterin ernannt: Erina Yashima. Bleibt zu hoffen, dass die Komische Oper sich in ihrer Ausweichspielstätte im Schillertheater in Zukunft wieder mehr als Haus der Musik positioniert – was einst mit Kirill Petrenko ja ganz gut geklappt hat.

NEUJAHR I: LANGWEILIGE ANTIPODEN IN DRESDEN

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Okay, wir kommen um einen kurzen Rückblick auf die Silvester- und Neujahrskonzerte nicht herum. Nachdem Manuel Brug in der Welt bereits die physischen Erscheinungen von Dirigenten und Solistinnen abgehandelt hat, hier noch ein Blick auf die symbolische Bedeutung: Das ZDF war noch einmal bei der Staatskapelle in Dresden zu Gast, und wenn wir uns fragen, was typisch deutsch ist, dann vielleicht dieses Konzert: Historisch belehrende Einspielfilme über die 20er- und 30er-Jahre, dann eine Revue mit zwei Stimmen, die vollkommen ungeeignet für den Schlager-Swing waren, einem gern konservativ auftretenden Dirigenten (Christian Thielemann) und dem Hofpianisten der neuen Bundesregierung, dem Grünen Igor Levit. Apropos, haben Sie das FAZ-Interview mit unserer neuen Kulturstaatsministerin Claudia Roth gelesen, die ihren „Lieblingsklavierspieler“ gleich zum Komponisten erhoben hat? Das las sich dann so: „Die Hauskonzerte meines Freunds Igor Levit haben mir durch die schwierige Zeit der Pandemie geholfen. Er hat so viele Menschen mit seiner Musik beschenkt und gezeigt, wie vielfältig und kreativ wir als Gesellschaft füreinander einstehen können. Besonders liebe ich seine Beethoven-Sonaten oder sein Werk ‚The people united will never be defeated‘“ – letzteres ist freilich nicht von Levit, sondern von Frederic Rzewski. Aber, hey – egal. Das Silvesterkonzert der musikalischen Antipoden hätte man durchaus lustig und als Zeichen des Gemeinsinns in Szene setzen können – stattdessen gab es nur eine vollkommen uninspirierte „Rhapsodie in Blue“, bei der sich Dirigent und Klavierspieler relativ wenig zu sagen hatten. Das Schema war so alt wie langweilig: Nimm die vermeintlichen medialen Klassik-Stars, stelle sie nebeneinander und leuchte alles in Orange aus. (Das obige Video ist übrigens die Barock-Version von „Ingo ohne Flamingo“-Schlager „Saufen“, interpretiert von Tenor Magnus Dietrich mit Anna Gebhardt – komponiert von Simon Mack).  

ECHTE MÄNNER IN WIEN

Ja, ja, ja – ist ja gut: Jetzt will ein Großteil der Presse endlich mal eine Frau beim Wiener Neujahrskonzert erleben. Und, klaro, ich bin voreingenommen, da ich gemeinsam mit dem nächsten Dirigenten, mit Franz Welser-Möst, ein Buch geschrieben habe. Aber, Leute, zur Wahrheit gehört eben auch: Die Wiener Philharmoniker vergeben das lukrative Dirigat traditionell an jene Dirigenten, die ihnen besonders nahe stehen, mit denen sie oft und gern zusammengearbeitet haben. Und hier liegt, wenn man es ernst nimmt, die Crux: Es gibt keine Frau, die in den letzten Jahren auch nur annähernd regelmäßig Gast in einem Abo-Konzert der Wiener Philharmoniker gewesen ist. Da ist die Stellschraube: Erst einmal sollte das Orchester Dirigentinnen als alltägliche Realität akzeptieren und einladen. Nur dann wird auch irgendwann mal eine Frau am 1. Januar am Pult des Musikvereins glaubhaft sein. Jetzt Joana Mallwitz, Oksana Lyniv oder eine andere Frau für einen Tag aus dem Hut zu zaubern, würde vom eigentlichen Problem nur ablenken. Lyniv selber sagte dem „Corriere della Sera“ gerade, dass sie gegen eine Frauenquote sei und auf „gesunden Wettbewerb“ setze. 

Daniel Barenboim hat das Konzert mit Minimal-Aufwand wegdirigiert, einige Male einfach ins Nichts geschlagen, aber die Wiener Philharmoniker ahnten, was er meinte und haben geswingt. 1,2 Millionen ZuschauerInnen sahen das Event. Nur Maestro János Ferencsik (im Video oben) hat noch weniger Arbeitsaufwand beim Wiener Walzer an den Tag gelegt. Deutlich wurde dieses Jahr vor allen Dingen, dass es zur Gretchenfrage wird, ob die Wiener Philharmoniker langfristig eine Nostalgie-Combo für russische und chinesische Investoren und FernsehzuschauerInnen sein wollen oder der Spiegel des traditionsbewussten, modernen Europas. Ach so, wie man hört, wird am 1.1.2024 auch noch keine Frau am Pult stehen, sondern – das wird gemunkelt – einmal mehr: Christian Thielemann.

PERSONALIEN DER WOCHE I

Der ukrainische Regisseur Yevhen Lavrenchuk wird in Neapel im Gefängnis festgehalten, da seine Abschiebung nach Russland geprüft wird. Dort wurde er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten in der Zeit, als er das polnische Theater in Moskau leitete. Tatsächlich ist Lavrenchuk energischer Kritiker der Wladimir-Putin-Politik und gegen seine Verurteilung und seine Abschiebung formiert sich breiter Protest. +++ Verloren haben die Russen in der Schweiz: Sie waren interessiert an der Villa von Sergei Rachmaninow in Weggis, aber nun hat der Kanton Luzern die Immobilie gekauft und will sie für alle öffnen. Gut so. 

Selbst mit einer singenden Putzfrau würde man die Elbphilharmonie füllen, sagte Intendant Christoph Lieben-Seutter einst (was viel über seine Ansprüche verrät). Inzwischen hat es auch sein Haus schwer, aber Sorgen bereitet ihm das nicht, erklärte er Markus Thiel vom Münchner Merkur: „Ja, bis zu Corona war es immer voll, wobei anfangs die Nachfrage so irre war, dass billigste Tickets auf dem Schwarzmarkt für tausend Euro angeboten wurden. Das hat sich sukzessive beruhigt, auch wenn immer noch so gut wie jedes Konzert ausverkauft war. Erst seitdem Omikron unterwegs ist, passiert es, dass ein Konzert mal nicht voll ist. Ein neues Gefühl. Nachfrage ist für mich aber nicht das entscheidende Kriterium. Was sich gezeigt hat: Wir haben uns ein Stammpublikum aufgebaut. Kaum durften wir wieder spielen, kam das Publikum zurück – und zwar ohne Abos und ohne Touristen in der Stadt.Währenddessen fährt die BILD-Zeitung einen recht kulturfeindlichen Kurs und findet es ungerecht, dass Fußballstadien neuerdings strengere Einlass-Gesetze haben als die Elbphilharmonie. (Falls Sie Langeweile haben: Hier ein etwas älteres, sehr ausführliches Gespräch mit Lieben-Seutter).

WAS DENN JETZT: DIE STREAMING-DEBATTE

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Durchaus lesenswert (und vor allen Dingen: diskussionswürdig) ist die aktuelle Recherche von Roland H. Dippel, der Orchester für die Neue Musikzeitung nach ihren Erfahrungen mit Streams während der Corona-Lockdowns befragt hat. Eines seiner Ergebnisse: Konzertstreams waren ein Sonderfall während des Lockdowns, der keine Konkurrenz zum Live-Erlebnis werden wird. „Ein Hintergedanke bei der Konzentration dieser Befragung auf klassische Orchester war“, so heißt es im Artikel, „dass diese für die Streaming-Angebote während der Lockdowns neue künstlerische Mittel zur Konzertgestaltung entwickeln würden. Keines der angeschriebenen Orchester konnte oder wollte sich dessen rühmen.“ Ich würde dagegen argumentieren und glaube durchaus, dass Streams neue, auch erfolgreiche Formate, entwickelt haben (das haben wir zum Beispiel bei den Wiener Symphonikern mit den „Wohnzimmerkonzerten“ versucht (siehe Video)) – und mehr noch: dass gute hybride Formate die Zukunft der Musik sein werden. Ich bin aber auch sicher, dass das vielfach schlechte und uninspirierte Abfilmen mittelmäßiger und uninspirierter Konzerte das Image der Klassik in der Öffentlichkeit nachhaltig beschädigt hat. Umso wichtiger wird es sein, dass wir aus der Corona-Krise lernen, das Virtuelle vollkommen neu zu denken, nicht als Konkurrenz zum Konzert, sondern als eigenständiges Medium. Nur so wird die digitale Welt zur Chance. Aber darüber debattieren wir ein anderes Mal ausführlicher.

PERSONALIEN DER WOCHE II

Die israelische Schauspielerin Rotem Sela trat im Werbespot der israelischen Bank „Discount“ auf. Als Musik wurde Richard Wagner gespielt. Inzwischen wurde der Werbespot zurückgezogen, weil er die Gefühle vieler Juden verletzte. Wagner und Israel – ein Thema, das mich besonders durch meinen Wagner-Film interessiert. Die SZ hat bei einem Mann nachgefragt, der auch bei uns Protagonist war, bei Jonathan Livny, Anwalt und Sohn eines aus Deutschland stammenden Holocaust-Überlebenden. Er findet den Eklat „idiotisch“. „Im Augenblick ist Covid noch stärker als Wagner“, sagte er der SZ, „aber für die Zeit danach planen wir ein Konzert in einem Kibbuz nahe Tel Aviv.“ +++ Richtig nostalgisch wurde der Intendant der Mailänder Scala, Dominique Meyer, zum Jahreswechsel auf Facebook, als er seiner Zeit als Intendant in Wien nachtrauerte: „Heute empfinde ich Sehnsucht nach der Fledermaus (…) ein Glas mit Aki und das wunderschöne Neujahrskonzert.“ Danach lenkte er diplomatisch ein: „Jetzt bin ich glücklich in Mailand“…

Erinnern Sie sich noch an Alondra de la Parra? Die Dirigentin, die einmal bei den Berliner Philharmonikern dirigierte und an der Staatsoper in Berlin eine „Zauberflöte“ vergeigte – auch, weil ihr die „Insta“-Fotos zuweilen wichtiger schienen als die Arbeit am Klang? Einige Musiker machten sich darüber lustig, dass sie mit einem „Insta-Assistenten“ zur Probe kam. Nun gab sie der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview, in dem sie zum einen erzählt, dass die Dirigenten ihrer Kindheit normalerweise Deutsche waren, „sehr alt“ und „mit weißen Haaren“ (echt?) und sie selber sich nicht als Dirigentin, sondern „als Künstlerin“ sehe (was soll das bedeuten?). Dieses vielleicht noch mal zur Debatte der Frauen beim Neujahrskonzert: Es gehört viel Atem zu einer Karriere, und – bei Frauen wie bei Männern – die Größe, das Können über die Eitelkeit zu stellen. +++ Wir hatten an dieser Stelle immer wieder berichtet, dass ORF-Chef Alexander Wrabetz Interesse am Präsidentenamt der Salzburger Festspiele hatte, inzwischen wurde dieser Job anders vergeben, aber für den 61-jährigen Medienmann blieb immerhin noch der Job als Aufsichtsrat bei den Wiener Symphonikern.

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn! Sicherlich nicht in der weiter schwelenden Corona-Situation, der „Standard“ hat gerade zusammengefasst, wie Theater trotz der neuen Variante und vieler erkrankter MitarbeiterInnen versuchen, dass sich der Lappen dennoch hebt. Und der „Münchner Merkur“ berichtet, dass die Bayerische Klassik-Szene ihrer Wut auf Markus Söder freien Lauf lässt: „‚Wann Söder zuletzt wohl im Theater war?, twitterte zum Beispiel Sanne Kurz, Kultursprecherin der Landtags-Grünen. ‚Ob er jemals im Theater war? Ob das Virus in bayerischen Theatern (2G plus, Maske) gefährlicher ist als in bayerischen Wirtshäusern (2G, keine Maske), wo das gute Bier alles desinfiziert? Ob der Verfassungsrang Kultur nur Wirtshauskultur meint?‘“. Wie auch immer: Mit Omikron verschärfen sich die Sicherheitsvorkehrungen, Theater und Konzerthäuser merken zunehmend, dass ihnen das Publikum fehlt, nicht nur auf Grund der begrenzten Auslastungsgrenzen. Selbst große Häuser und Orchester sind betroffen. Überall, wo Musik gemacht wird, im Deutschen Orchesterverband, in der Konferenz der IntendantInnen und in vielen anderen werden derzeit Bestandsaufnahmen gemacht und Perspektiven erarbeitet. Dabei scheint eine Erkenntnis überall zu gelten: Nur, wenn jeder Musiker und jede Musikerin weiß, warum sie an einem Abend ausgerechnet mit dem jeweiligen Programm antritt, wird es gelingen, das Publikum von diesem Programm zu begeistern. Das Mittelmaß und die uninspirierte Routine haben keine Perspektive mehr, die Selbstverständlichkeit, dass Menschen kommen, nur weil Musik gemacht wird, ist vorbei. Interessant ist, wie unterschiedlich der Publikumsschwund ist, dass er in lokalen und regionalen Häusern mit enger Publikumsbindung oft geringer ausfällt als bei den großen Operntankern. Ich persönlich spüre anhand vieler Gespräche, dass gerade ein aktives Neudenken einsetzt, dass vollkommen neue dramaturgische Konzepte geschmiedet und Wege gefunden werden, das Publikum persönlicher anzusprechen, offener und freundlicher. Und ich finde, das ist eine durchaus positive Nachricht. 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

Und hier noch die Playlist zum Newsletter mit Gaffigan, Barenboim und Levit

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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