Willkommen zur neuen Klassik-Woche,

im Sommer scheinen die Gemüter erhitzt zu sein – und es wird ziemlich politisch: die AfD sorgt in Baden-Württemberg und Sachsen für Kultur-Provokationen, Teodor Currentzis kritisiert Russland – nur der Opus Klassik macht weiter wie immer. Fast.

WAS IST

Theodor Currentzis: Kritisiert die Kulturpolitik Russlands.

AFD WILL STUTTGARTER OPER DURCHLEUCHTEN

Ist es die Hitzewelle in Deutschland, oder warum sind der AfD mal wieder die kulturpolitischen Sicherungen durchgebrannt? In einer Kleinen Anfrage will die Partei Klarheit über die Staatsangehörigkeit der an staatlichen Theatern beschäftigten Künstler in Baden-Württemberg erlangen – wo arbeiten besonders viele Ausländer? Angeblich wolle man so die Qualität der deutschen Nachwuchskünstler vergleichbar machen. In Wahrheit steckt hinter diesem Schachzug wohl eher die typisch nationale AfD-Propaganda. Marc Jongen, Chefideologe der AfD, sagte bereits 2017: „Es wird mir eine Freude sein, die Entsiffung des Kulturbetriebes in Angriff zu nehmen.“ Und machte klar, wie radikal man in der Partei denkt. Der Intendant des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe, Peter Spuhler, reagierte im SWR besonnen: Das Recht einer politischen Anfrage sei ein hohes Gut, sagte er, das „von der AfD aber in einer krassen Weise missbraucht wird, auch mit einer rassistischen Tendenz, die ich darin lese.Auf ihrer Homepage bezieht die Staatsoper Stuttgart eindeutig Position. Intendant Viktor Schoner lässt wissen: „Oper war und ist schon immer ein von Grunde auf internationales Genre. Allein unsere jüngste Neuproduktion von Arrigo Boitos Mefistofele: Ein deutscher Stoff wird zur italienischen Oper. Ein katalanisches Kollektiv inszeniert in Frankreich – und bringt diese Produktion dann nach Stuttgart. Ein Finne, eine Moldawierin, ein Italiener, ein Amerikaner und eine Kolumbianerin als Solist*innen stehen mit einem Chor aus verschiedensten Nationen auf der Bühne. Ein Italiener dirigiert das internationale Staatsorchester Stuttgart. Sinnfälliger als an diesem Beispiel lässt sich die Internationalität unserer Kunstform nicht anschaulich machen!“ Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. PUNKT. 

LEIPZIGER PHILHARMONIKER FEIERN MIT GYSI

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Streit in Leipzig. Zum Gedenkkonzert am 9. Oktober, bei dem 30 Jahre Mauerfall gefeiert werden sollen, haben die Leipziger Philharmoniker ausgerechnet den LINKEN-Politiker Gregor Gysi als Festredner eingeladen. Auf dem Programm steht Beethovens Neunte. Nun tobt eine Debatte darum, ob PDS-Mitbegründer Gysi wirklich der geeignete Redner sei, um den friedlichen Protest gegen das DDR-Regime zu begleiten. Auf einer ganz anderen Baustelle tobt sich AfD-Kulturdenker und Musiker Matthias Moosdorf aus, wenn er dem Direktor des Gewandhauses, Andreas Schulz, einen offenen Brief auf Facebook schreibt. Schulz hatte sein Haus als weltoffenen Ort beschrieben und die Internationalität der Musik gefeiert. Moosdorf polterte nun dagegen, warnte vor Überfremdung, berief sich auf die Bürgergesellschaft, die angeblich keine Wessis und Ausländer in Leipzig wolle, verkaufte die AfD als Förderin der Kultur (weil man für die tarifliche Bezahlung von Orchestern sei, wobei unklar ist, ob das dann nur für deutsche Musiker gilt?) und findet überhaupt, dass auch Deutschland endlich die australische Einwanderungspolitik übernehmen solle und erklärt in großen Lettern: „YOU ARE NOT WELCOME!“. Man mag sowohl vom Streit um Gysi als auch von den Einlassungen Moosdorfs halten, was man will – beides aber zeigt, wie wichtig es ist, dass besonnene Menschen für Menschlichkeit, den Dialog, das Demokratische und Internationale in der Musik kämpfen – und wie schwer ihr Kampf im Leipziger Alltag zuweilen ist.

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CURRENTZIS KRITISIERT RUSSLAND

Dass Teodor Currentzis das Opernhaus in Perm verlässt, hat auch politische Gründe. In einem offenen Brief erklärte er nun, dass er Probleme mit den russischen Behörden hätte, die das Feingefühl gegenüber den Künstlern vermissen ließen. „All die Jahre waren wir in einem ständigen Kampf“, schrieb der griechische Dirigent etwas angesäuert und echauffierte sich auch über die Homophobie innerhalb der russischen Regierung.

OPUS KLASSIK MACHT WEITER WIE IMMER – FAST

Er scheint nicht zu retten zu sein: der OPUS Klassik, formerly known als ECHO-Klassik, hatte im letzten Jahr miserable Quoten. Auch deshalb, weil die Chance verpasst wurde, das Konzept auf vollkommen neue Beine zu stellen. Auch dieses Jahr wird eher weiter gewurschtelt: Es werden 46 Preise vergeben, acht weniger als im Vorjahr, dafür aber neue Kategorien eingeführt: „Videoclip“, „Innovatives Konzert“ und „Komponist des Jahres“. Der etwas halbherzige und anbiedernde Versuch der Phono-Industrie, von den Erfolgen der Veranstalter zu profitieren. Ob diese Halbherzigkeit am Ende wirklich ein Neustart wird? Zumal die Opern- und Konzerthäuser in ihren Präsentationsformen längst viel innovativer und mutiger sind als das Fernsehen, das erneut hofft, mit Thomas Gottschalk das Publikum zu binden. Die Gelegenheit für einen Neustart war günstig – im Oktober werden wir sehen, wie neu er wirklich ist. 

WAS WAR

Die Sendung mit der Maus – im Sommer zu Gast bei den Bayreuther Festspielen.

EKLAT BEIM TSCHAIKOWSKY-WETTBEWERB

Der Pianist An Tianxu war bereit, das Tschaikowsky-Klavierkonzert zu spielen, als das Orchester des Tschaikowsky-Wettbewerbs plötzlich Rachmaninow anstimmte. Die Programmfolge wurde kurzfristig umgestellt, was allerdings nur auf Russisch geschah – und An Tianxu war offensichtlich überrascht. Das Video, das seine Irritiation zeigt, ging viral, und der Verantwortliche für die Umstellung der Werke wurde entlassen. Immerhin: Tianxus Auftritt hat ihn vielleicht bekannter gemacht als der Gewinn des Wettbewerbes.  

DIE MAUS IN BAYREUTH

Das ist schon ein Highlight: Christian Thielemann dirigiert das Orchester der Bayreuther Festspiele im mystischen Abgrund des Festspielhauses. Auf den Pulten stehen erstmals keine Wagner-Werke, sondern die Melodie der Sendung mit der Maus von Hans Posegga. All das wurde letzten Sommer für eine Sondersendung des WDR aufgenommen, in der die Maus zeigt, was dazugehört, um eine große Oper auf die Beine zu stellen. Drei Tage nachdem die diesjährige Saison der Bayreuther Festspiele eröffnet wird, findet die TV-Premiere der „Bayreuth-Maus“ statt, am 28. Juli um 9.30 Uhr im Ersten, um 11.30 bei KIKA oder online in der MausApp.

PERSONALIEN DER WOCHE

Der Dirigent Mariss Jansons musste alle Auftritte bis Ende August auf Grund gesundheitlicher Probleme absagen. Bei den Salzburger Festspielen wird er durch Yannick Nézet-Séguin ersetzt.  +++ Der Dramaturg und Kulturmanager Tobias Wolff wird 2022 neuer Intendant der Leipziger Oper. Bis dahin wird er weiterhin als Intendant der Internationalen Händel-Festspiele in Göttingen arbeiten. Wolff gilt als gewiefter Manager und ist gleichzeitig auch Musiker. +++ Der Intendant der Staatsoperette Dresden, Wolfgang Schaller, war umstritten: in seiner programmatischen Rückwärtsgewandtheit. Aber er hat die Staatsoperette Dresden auch nach vorne gebracht, durch die Verpflichtung des Dirigenten Ernst Theis und den harten Kampf um einen Neubau im Kraftwerk Mitte. Nun verlässt Schaller das Haus, das eine Auslastung vorweist, wie kein anderes in Dresden. +++ Schluss auch für Andreas Mölich-Zebhauser im Festspielhaus Baden-Baden. In einer Gesprächsrunde nannte er die Entscheidung der Berliner Philharmoniker für die Osterfestspiele an der Oos als einen seiner größten Erfolge. Gerade wurde bekannt, dass Ursula Koners als Geschäftsführerin des Intendanten Benedikt Stampa in Baden-Baden antreten wird. +++ Der Betriebsdirektor der Münchner Staatsoper, Henning Ruhe, wechselt an das Opernhaus im schwedischen Göteborg. +++ Dieser Newsletter hat als einer der ersten davon berichtet, dass Dominique Meyer wohl von Wien an die Mailänder Scala gehen wird – nun ist der Vertrag fixiert, und Meyer wird 2021 in Italien beginnen. +++ Das Beethoven-Haus Bonn hat pünktlich zum Komponisten-Jubiläum 2020 einen neuen Präsidenten vorgestellt: Es ist nicht Beethoven-Pianist Rudolf Buchbinder, nicht Beethoven-Dirigent Martin Haselböck, nicht Beethoven-Neudenker Igor Levit, stattdessen entschied man sich für den Leiter des Zürcher Kammerorchesters, des Chamber Orchestras in San Francisco, den Leiter der Musik in der Frauenkirche, den Konzerthaus- und Radio-Moderatoren und, ach ja, den Geiger: Daniel Hope. +++ Die Musikwelt trauert um den Komponisten Iván Eröd, den Vater des Sängers Adrian Eröd, der mit 83 Jahren verstorben ist.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Umstritten im besten Sinne war der Auftakt der Münchner Opernfestspiele mit Richard Strauss’ Salome. Problematisch findet der BR die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski, der Salome in die Zeit des Zweiten Weltkrieges verlegte: Juden führen in ihrem Versteck die Strauss-Oper auf.  „Fulminant“ fand Robert Braunmüller in der Abendzeitung besonders Marlis Petersen in der Titelrolle und das Dirigat von Kirill Petrenko. Das enttäuschte Fazit von Rainer Stephan im Tagesspiegel: „Weil Text und Musik der Inszenierung stracks zuwiderlaufen, muss die Interpretation auch in diesem Punkt scheitern.“ +++ Dieter Stoll feiert in der Deutschen Bühne die Aufführung von Wolfgang Rihms Jakob Lenz in der Regie von Tilman Knabe unter Leitung von Guido Johannes Rumstadt in Nürnberg: „Was der blutüberströmte Titelheld vor dem Blackout immer wieder als Vermächtnis über die Rampe ruft, könnte auch seinem Regisseur als Lob gelten: ‚Kon-se-quent‘. Das Publikum hat sich etwas geduckt unter dem Wahrheits-Beschuss – und die Aufführung samt Regisseur dann lang anhaltend gefeiert.“ +++ Unzufrieden war Christian Wildhagen in der NZZ mit dem Zürcher Nabucco in der Regie von Andreas Homoki. Spannender gestaltete Fabio Luisi die musikalischen Spannungsbögen der Oper. +++ Begeistert ist Manuel Brug vom Richard Strauss Festival in Garmisch unter Alexander Liebreich: „Das Strauss-Festival hat sich endlich, auch wenn das vor Ort noch nicht so wahrgenommen wird, viel stärker mit Garmisch-Partenkirchen, mit seinem Tal, den Bergen, der Region verknüpft, wird dadurch endlich unverwechselbar.“ +++ Lesenswert der Artikel von Marc Zitzmann in der FAZ über das 230-jährige Jubiläum der Pariser Oper.

WAS LOHNT

Die Komponisten-Hommage „Je suis Jacques“ an der Kölner Oper. (Foto: Paul Leclair)

Der 200. Geburtstag von Jacques Offenbach wurde an dieser Stelle bereits oft gefeiert. Raphaela Gromes legt nun ein Album mit der hochvirtuosen Cellomusik des Komponisten vor. Offenbach soll bereits mit sechs Jahren Cello-Autodidakt gewesen sein – und vieles, was er für dieses Instrument schrieb, lässt seine Neuerfindung der Operette bereits vorausahnen. Offenbach hat die meisten Stücke für sich selber geschrieben und mit ihnen in den Pariser Salons brilliert. Es sind amüsante, hoch virtuose Musik-Geschichten mit fast satirischer Lautmalerei. Wer meinte, alles über diesen Komponisten zu wissen, der sollte sich mit seiner Cello-Musik beschäftigen, denn sie öffnet die Ohren wahrlich neu. Neue Offenbach-Einblicke auch an der Kölner Oper mit einer rasanten Geburtstagsrevue unter dem Titel Je suis Jacques, die von Christian von Götz in Szene gesetzt und vom wunderbaren Gerrit Prießnitz dirigiert und am Flügel begleitet wurde. „Unter zunehmendem Alkoholgenuss geht es dabei durchaus nicht immer friedlich zuschreibt Markus Schwering im Kölner Stadtanzeiger, „zwischen der schönen Helena und der Dame vom Markt etwa entspinnt sich ein gehässiger Zickenkrieg mit köstlichen, wechselseitigen Beschimpfungen. (…) So führt der Abend nebenbei auch noch in einen weithin unerschlossenen Kontinent Namens Offenbach.

Ach ja, und dann ist da noch die Crescendo-Vernissage am 11. Juli um 19:00 mit Werken der Malerin Friederike Sofie Hoellerer in den Münchner Räumen der Redaktion. Treffen Sie unsere Mitarbeiter, feiern und entspannen Sie mit uns – Anmeldung ganz einfach auf unserer Seite. Wenn die Hitze bleibt, ist natürlich auch für Abkühlung gesorgt!

Bis dahin, halten Sie die Ohren steif

Ihr Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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