Willkommen in der neuen KlassikWoche,

Die #metoo-Debatte scheint in Corona-Zeiten etwas unterzugehen, diese Woche werfen wir einen Blick drauf, außerdem gibt es Zoff in Köln und Neuigkeiten aus Bayreuth, die KlassikWoche-Abonnenten allerdings schon lange kannten.

DAS EWIGE #METOO

Das Opernhaus Zürich

Erst jetzt ist mir eine schockierende Umfrage des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbandes SBKV aufgefallen, die bereits Ende 2020 veröffentlicht wurde. Demnach haben mehr als 200 Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz angegeben, in den vergangenen zwei Jahren Machtmissbrauch oder sexuelle Belästigung erlebt zu haben – das waren 80 Prozent der TeilnehmerInnen. Am häufigsten habe es sich um verbale Belästigung gehandelt, „dominiert von obszönen Witzen und Sprüchen sowie aufdringlichen Gesprächen und Geschichten mit sexuellem Inhalt“, hieß es. Alle Zahlen gibt es hier.

Dazu passt eine Recherche von Christian Berzins für die CH Media. Hier bestätigte Zürichs Opern-Intendant Andreas Homoki, dass es einen „Abklärungsprozess“ um die Vorwürfe gegenüber Operndirektor Michael Fichtenholz gegeben habe. Ihm wurde Machtmissbrauch gegenüber Mitgliedern des Internationalen Opernstudios vorgeworfen. Derartige „Abklärungen“ erfolgen durch eine externe Fachstelle. Allen beteiligten Personen wird in diesem Verfahren Vertraulichkeit zugesichert. Doch nun wurde bekannt, dass Fichtenholz das Opernhaus Zürich auf eigenen Wunsch vorzeitig per Ende der Saison 2020/2021 verlässt. Ob das etwas mit den „Abklärungen“ zu tun hat, darüber schweigt das Haus mit Verweis auf die vereinbarte Vertraulichkeit.

Ach ja, nix Neues gibt es im Fall des ehemaligen Direktors der Münchner Musikhochschule Siegfried Mauser. Er war der Verurteilung in Deutschland durch Ausreise nach Österreich entkommen. Dort muss er auch in Haft, derzeit wird allerdings noch eine Haftfähigkeit geprüft. Die Abendzeitung hat nachgefragt und berichtet über den Stand der Dinge: „Wie das Landesgericht Salzburg auf Nachfrage mitteilt, klären derzeit medizinische Sachverständige den Fall. ‚Zuletzt wurde im Dezember 2020 ein weiteres medizinisches Gutachten beauftragt, weshalb momentan nicht absehbar ist, bis wann über die Frage der Vollzugstauglichkeit des Verurteilten entschieden werden kann‘, so ein Sprecher.“

WIENS CORONA-CARMEN

Corona ist überall: im Supermarkt, in der Fußball-Bundesliga und natürlich auch in der Klassik. Ich finde es erst einmal gut, dass Kultureinrichtungen trotz des Virus weiter planen und so viel Kunst wie möglich anbieten. In dieser Woche haben mich Mails von Mitwirkenden der „Carmen“-Produktion an der Wiener Staatsoper erreicht. Dort grassiert Corona derzeit im Ensemble. Irritationen gab es, weil die Sängerin der Titelrolle, Anita Rachvelishvili, ihr Testergebnis auf ihrem öffentlichen Facebook-Profil veröffentlichte: „Ich bin heute positiv getestet worden – zum zweiten Mal seit alles angefangen hat. Ich schaff es nicht mehr!“ Und dann: „Die Tests am 14., 16. und 18. waren negativ. Samstag, den 23., fühlte ich mich krank und hatte den Geruch und den Geschmack verloren. Ich habe mich isoliert und wurde am Montag positiv getestet. (…) Es tut mir so leid für all meine Kollegen, die nun durch das Testen und die Quarantäne gehen müssen! Es tut mir leid!“ 

Inzwischen sollen mindestens sieben weitere Ensemble-Mitglieder infiziert sein. Nachdem die Rolle der Carmen für einige Tage einfach von der Besetzungsliste gestrichen wurde, ist für heute, Montag, eine Pressemitteilung vorgesehen, in der die neue Besetzung bekannt gegeben werden soll. Sicher ist: Wenn Rachvelishvili bis dahin genesen ist, wird sie singen. Auf Nachfrage erklärte die Oper mir die Lage so: Nachdem die Tests bis Freitag negativ waren und Anita Rachvelishvili am Sonntag Symptome spürte, wurde die Probe am kommenden Montag sofort abgesagt. Die Oper ließ die Sängerin einen PCR-Test machen. Als das Ergebnis bestätigt wurde, wurden auch die Kollegen getestet und gingen sofort in Quarantäne. Verantwortungsvolles Handeln in schwierigen Zeiten. Es gibt in diesen Tagen keine Patentrezepte – aber die Staatsoper scheint eine schwere Situation umsichtig gelöst zu haben. Letzte Woche haben wir an dieser Stelle noch herumgealbert über die Oper als Museum in Wien. Heute aus vollem Herzen: Allen Beteiligten gute Besserung! (nach Redaktionsschluss hat die Wiener Staatsoper bekannt gegeben, dass die Streams von „Carmen“ und „Le Nozze“ auf unbestimmte Zeit verschoben sind)

BAYREUTHER BACKGROUNDMUSIK

Andris Nelsons kehrt zu den Bayreuther Festspielen zurück.

Leser der KlassikWoche wussten es schon seit vier Wochen, nun ist es auch offiziell: Der Verwaltungsdirektor der Oper Leipzig, Ulrich Jagels, wechselt zu den Bayreuther Festspielen. Besonders spannend: Der lettische Stardirigent Andris Nelsons wird zu den Festspielen zurückkehren. Er wird zwei Konzerte im Festspielhaus dirigieren. „Ich freue mich außerordentlich, dass Andris Nelsons wieder bei den Bayreuther Festspielen zu erleben ist. Dieser Ausnahmekünstler zeichnet sich für mich durch seine Liebe zum Wagner’schen Werk und seine konzentrierte Arbeit, die ausschließlich die musikalische Qualität in den Mittelpunkt rückt, aus“, kommentiert Katharina Wagner das Engagement. 

Gleichzeitig erklärt Regina Ehm-Klier von der Passauer Neuen Presse die Brisanz dieser Personalie: „Andris Nelsons hatte von 2010 bis 2014 mit großem Erfolg ‚Lohengrin‘ bei den Festspielen dirigiert und sollte ab 2016 die musikalische Leitung von ‚Parsifal‘ übernehmen. Kurz vor der Premiere kam es allerdings zu einem Eklat, nachdem sich angeblich Musikdirektor Christian Thielemann in die Arbeit eingemischt hatte, was dieser allerdings stets bestritt. Nelsons verließ jedenfalls wenige Wochen vor der Premiere quasi über Nacht Bayreuth und bat um Vertragsauflösung.“ Thielemann kehrt zwar auch mit einem „Parsifal“-Dirigat zurück, ob er dabei aber eine offizielle Position bekleidet, bleibt unklar. In diesem Zusammenhang ist interessant, wie die Süddeutsche Zeitung die Debatte um den derzeit nicht mehr amtierenden Musikdirektor einschätzt: „Je größer das Angebot an grandiosen Wagner-Dirigentinnen und ‑Dirigenten ist, umso besser steht Bayreuth da. Die Fixierung auf Thielemann ist verständlich, steht der Musiker doch für ein erhaben klangsensibles Wagner-Verständnis. Für die von Katharina Wagner betriebene Öffnung des Festivals für ein breiteres Publikum aber kann Thielemann nur ein Stein in einem komplexeren Spiel sein.“  

Und das Programm steht nun auch fest: Neben der Neuproduktion „Der fliegende Holländer“ wird es Wiederaufnahmen der Produktionen „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Tannhäuser“ geben. Bei der Kinderoper „Tristan und Isolde“ wird kein Geringerer als Stephen Gould den Tristan übernehmen. Drei Aufführungen gehören zum Projekt „Ring 20:21“: Die „Walküre“ im Festspielhaus wird eingerahmt durch Auftragswerke in verschiedenen Kunstrichtungen, die alle Teile des „Ring des Nibelungen“ spiegeln, kommentieren, fortschreiben oder neuartig erlebbar machen. Es wirken mit der Puppenspieler Nikolaus Habjan, der Aktionskünstler Hermann Nitsch oder die japanische Künstlerin Chiharu Shiota. Und dieses noch: Anders als in manchen Medien zu lesen, wird es 2021 nicht zwei Orchester in Bayreuth geben, sondern nur eines, das aber als Corona-Maßnahme streng geteilt probt. 

KLADDERATSCH IN KÖLN

Intendantin der Kölner Oper Birgit Meyer, deren Vertrag nicht verlängert wurde

Nachdem der Vertrag mit der Intendantin der Kölner Oper, Birgit Meyer, nicht verlängert wurde (die FAZ hatte berichtet), kommt das Haus nicht zur Ruhe. Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger äußerte sich Frankfurts Opern-Chef Bernd Loebe mit drastischen Worten über den neuen Vertrag mit dem Kölner Generalmusikdirektor François-Xavier Roth. Er wird nun auch wesentliche Arbeitsbedingungen für den künftigen Opernchef bestimmen. Die FAZ kommentiert, dass es unter diesen Umständen schwer werden wird, einen Intendanten für Köln zu finden: „Im Gegensatz zu Meyers Vertrag ist Roths Vertrag vorzeitig verlängert und in Roths Interesse nachgebessert worden. Dass Roth künftig die Gastdirigenten auswählen darf und bei jeder einzelnen Rollenbesetzung einzubinden ist, bewertet Loebe als ‚Kastration‘ des Intendanten. Er sagt voraus: „Unter diesen Bedingungen kriegt Köln keinen neuen Opernintendanten, jedenfalls keinen guten.“ Immerhin: Im März 2024 will Bernd Streitberger, der als Technischer Betriebsleiter mit der Rettung des Umbaus beauftragte frühere Baudezernent, die sanierte Oper schlüsselfertig übergeben. Ein Jahr später als geplant und mit einer stattlichen Preiserhöhung. Die Kosten stiegen von 253 Millionen Euro auf 644 Millionen.

CORONA-TICKER

Man muss auch mal schmunzeln können in diesen Tagen: Die New York Post zitiert eine Studie, nach der das Singen in deutscher Sprache besonders gefährlich sei – vielleicht sollte Bayreuth einfach auf Japanisch singen lassen? +++ Der BR zitiert aus einer neuen Studie der Wirtschaftsprüfer EY, nach der nur die Flugbranche so schwer unter der Pandemie leidet wie die Event- und Kulturbranche. Demnach brach der Umsatz 2020 um 31 Prozent ein. 34 Prozent aller Musiker in Großbritannien überlegten derzeit, ihre Karriere an den Nagel zu hängen. Während beim Buchverkauf europaweit ein Umsatzrückgang von 25 Prozent gemessen wurde und die Bildenden Künste und Ausstellungen ein Minus von 38 Prozent verkraften mussten, wurde die Livekultur praktisch ausradiert: Sie schrumpfte um 90 Prozent, die Musikbranche um 76 Prozent. 

Mehr zu diesem Thema auch in der Süddeutschen Zeitung. Beängstigend auch die Zahlen des Landesmusikrates Berlin: Nur ein Fünftel (22,1 Prozent) würde positiv in die Zukunft sehen und benötige keine Unterstützung. Knapp die Hälfte (46,6 Prozent)  benötige jetzt finanzielle Unterstützung und hoffe, die berufliche Existenz in diesem Jahr wieder aufzubauen. An der Umfrage des Landesmusikrates beteiligten sich den Angaben zufolge 485 Berliner Musikschaffende. 

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach bei:Hinrich Alpers, Antje Weithaas, Leonie Rettig, Detlev Glanert,
Annika Treutler, Sergey Malov, Chen Reiss, Florian Heinisch, Friederike Roth, Claudio Bohórquez,
Matthias Lutze, Noah Bendix-Balgley, Kiveli Dörken, Titus Engel, Juliane Laake,
Alexej Gerassimez, Gunter Kennel und Atilla Aldemir

+++ Die English National Opera in London bietet Atemübungen für Menschen an, die an langfristigen Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung leiden. Das spezielle Programm vereine musikalisches und medizinisches Fachwissen, um dem zunehmenden Bedarf an Unterstützung für diejenigen mit lang andauernden Covid-19-Symptomen entgegenzuwirken, teilte das Opernhaus mit.

RADIO-HEADS

Susanne Wille plant massive Sparmaßnahmen im Schweizer Kulturradio – dort wird daher Sendeschluss des moderierten Programms um zwei Stunden vorgezogen. Insgesamt muss der SFR mehr als 16 Millionen Franken sparen. +++ Und dann noch das: Der BR hat die Kulturstaatsministerin Monika Grütters eingeladen, ihre Lieblingstitel zu spielen. Klar, sie wurde auch befragt: aber ohne wirklich nachzubohren, gerade, was die aktuelle Studie über den Kulturbetrieb betrifft und die Notleidenden Künstler. Stattdessen eine Programmeinführung, wie sie in diktatorischen Systemen wenig verwundern würde: „Kultur ist ja eigentlich Ländersache, aber als Kulturstaatsministerin im Bundeskanzleramt hat Monika Grütters trotzdem sehr viel Einfluss. Im Augenblick ist sie vollauf beschäftigt damit, die katastrophalen Folgen von Corona für die Kultur wenigstens abzufedern. Trotzdem hat sie sich Zeit genommen und den Fragen von BR-KLASSIK-Redakteur Bernhard Neuhoff gestellt.“ Volk und Sender danken der Großen Kultur-Vorsitzenden für ihr Genie – und dass sie noch mit uns spricht! 

UND DANN NOCH DAS…

Eva Coutaz, die 40 Jahre Harmonia Mundi vorstand, starb im Alter von 78 Jahren.

Manuel Brug nannte sie in seinem Nachruf die „Big Mama“ der CD-Branche. Mehr als 40 Jahre lang hat die Deutsche Eva Coutaz einem der bedeutendsten Klassiklabels der Welt vorgestanden. Sie hat bei Harmonia Mundi eine maßstabsetzende Musikschar versammelt. Jetzt ist sie im Alter von 78 Jahren gestorben.

Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

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