Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit einem Rückblick auf große Sänger-Vergangenheiten, einem Ausblick auf wenig überraschende Festspiele und – natürlich – mit den aktuellen Impfquoten und guter Laune – trotz allem!

NETREBKO UND VILLAZÓN: LIEBE IN DEN JAHREN 

Anna Netrebko und Rolando Villazón in "La Traviata" bei den Salzburger Festspielen

Es ist über 15 Jahre her, dass Anna Netrebko und Rolando Villazón ihre heiße Bühnen-Leidenschaft in der legendären Salzburger „La Traviata“ entfacht haben. In dieser Woche haben beide auf unterschiedliche Art von sich reden gemacht. In einem mutigen Interview hat der Dirigent Franz Welser-Möst gerade erklärt: „Anna Netrebko hat ohne jede Frage eine großartige Stimme, einen unglaublichen Bühneninstinkt und ist eine tolle Künstlerin. Aber sie probt nicht gern. Darum möchte ich mit ihr nicht arbeiten, weil so keine Gemeinsamkeit entsteht. Ich habe 84 Premieren in meinem Leben dirigiert und glaube, dass Oper immer ein Gesamtkunstwerk sein muss. Wenn Netrebko nur fünf Tage vor einer Premiere ankommt, ist das nicht möglich.“ So selten derartige Positionierungen sind, so wichtig scheinen sie. Denn auch bei der jüngsten Scala-Eröffnung lebte Netrebko mal wieder von ihrer Gabe des Instinkts. Dass zu einem großen Opernabend mehr gehört, zeigten die zahlreichen „Buhs“, die sich am Ende in den Applaus mischten (siehe Playlist). Ja, verdammt: Oper braucht wieder mehr Wahrhaftigkeit, mehr Hingabe, mehr Ernsthaftigkeit der Überzeugung. 

#Und auch Rolando Villazón hat diese Woche von sich reden gemacht – mit einem sehr offenen Interview, das er der New York Times gab. Darin sprach er über die Zeit, in der er als Tenor immer weniger Töne traf, über seine Angst vor Auftritten und seine Bemühung, auf neuen Feldern zu agieren. So weit so gut. Villazón stellte aber auch fest: „Ich bin kein Bariton, wie Mozart ihn in der Zauberflöte angelegt hat.“ Dennoch singt er den Papageno nun an der MET (das funktionierte auf CD schon nicht, siehe Playlist). Vielleicht, weil er im Interview ebenfalls erklärte, dass es ihn schon lange nicht mehr interessiere, was andere sagen. Interessant an den Karrieren von Villazón und Netrebko: Beide haben das gleiche Management. Das zeitaufwendige Proben oder gar eine geschmeidige Exit-Strategie scheinen da keine Alternativen zu sein – die Sänger werden einfach weiter gemolken und gemolken und gemolken. „Wie eine Achterbahn“ käme Villazón seine Karriere vor, stöhnte er der New York Times, was viel darüber verrät, dass er schon lange darauf verzichtet, selber am Steuer zu sitzen. 

WAS PASSIERT AN DER STAATSOPER IN BERLIN?

Etwas zu spät für den letzten Newsletter kam die Nachricht, dass Matthias Schulz, derzeit noch Intendant der Berliner Lindenoper, 2025 diesen Posten am Opernhaus in Zürich übernimmt. In Berlin stand Schulz als Manager und Macher im Schatten von Daniel Barenboim, und auch beim Zürcher Übergabefoto rückt Schulz in den Hintergrund von Andreas Homoki, der noch immer die Geschäfte in Zürich führt. Als ich die Frage „Wer soll denn nun unter Barenboim Chef in Berlin werden?“ auf meinem Insta-Profil gestellt habe, gab es neben den aktuell-politischen Antworten von „Angela Merkel hat ja nun Zeit“ bis zu „Heiner, der immer lauter Bach als alle anderen hört“ auch Alternativen aus der Klassik: „Endlich Bernd Loebe?“, „Maren Hofmeister wäre mal wieder ohne Job“ oder „Barrie Kosky hat ja bald Zeit“ … Tja: alles eher humorvoll. 

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Dabei ist die Lage für die Staatsoper durchaus ernst. Denn in Wahrheit hat die Post-Barenboim-Ära mit dem Abgang von Schulz wohl endgültig begonnen. Der nächste Intendant (die Intendantin) müsste, um wirklich neu denken und handeln zu können, wohl unabhängiger vom derzeitigen Musikchef agieren können. 

UMBAU-ENTSCHEIDUNGEN IN WIEN UND NÜRNBERG

Das Theater an der Wien

Dass das Theater an der Wien mit März kommenden Jahres seine Pforten für einen massiven Umbau schließen wird, ist bekannt. Nun sickerte auch durch, dass sich die Kosten für den Umbau auf 60,05 Millionen belaufen sollen. Kein leichter Beginn für den designierten Intendanten Stefan Herheim.

 Klarheit gibt es nun auch in Nürnberg – auch, wenn diese durchaus kontrovers ist. Die Kongresshalle auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände wird Interims-Spielstätte für die Nürnberger Oper. Sowohl in der Stadt, aber auch in diesem Newsletter wurde heftig darüber debattiert, ob die im Auftrag von Adolf Hitler erbaute und nie fertiggestellte monumentale Kongresshalle als Zwischenspielstätte für die dringend sanierungsbedürftige Oper dienen kann. CSU, SPD und Grüne haben dem nun zugestimmt.

SCHLUSSSTRICH IN ERL

Der Tiroler Blogger Markus Wilhelm hatte auf seiner Seite dietiwag.org die #metoo-Missstände bei den Festspielen in Erl bekannt gemacht und dafür gesorgt, dass Intendant Gustav Kuhn gehen musste. Eine Unterlassungsklage, die die Festspiele angestrebt hatten, wurde nun endlich abgewiesen, 26.000 Euro Prozesskosten müssen zurückerstattet waren. „Die Zivilrechtsklage war ein ordentlicher Schuss ins Knie für Hans Peter Haselsteiner, den Betreiber und Präsidenten der Festspiele Erl“, sagt Markus Wilhelm dem Standard. In dem dreieinhalb Jahre dauernden Verfahren seien „immer mehr strukturelle Missstände in Haselsteiners Unternehmen zu Tage getreten, der Sumpf hat sich als weit tiefer erwiesen, als ich bis dahin recherchiert hatte“, so der Blogger. Auch in der Klassik gibt es zum Glück mutigen Journalismus!

PERSONALIEN DER WOCHE

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Haben Sie es auch gesehen, dieses Weihnachtsoratorium auf Facebook von Jan Böhmermann? Die größte Stimme bei dem lustigen „Requiem“ ist der finale Abgesang mit Sopranistin Annette Dasch. Reinhören lohnt sich! (Siehe dazu auch die Playlist) +++ Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth gab der ZEIT ein langes Interview, in dem sie ihre Hauptziele erklärte. Mehr diskutieren wolle sie, Kultur sei ein Spiegel der Demokratie, keine festgelegte Repräsentationskunst (und darin unterscheidet sie sich schon mal angenehm von ihrer Vorgängerin!). Es ginge ihr aber auch um Vielfalt, sie lobte das diverse Filmfest in Nürnberg, aber auf die Frage, ob die Berliner Philharmoniker als Leuchtturm-Orchester unter ihr Angst haben müssten, antwortete Roth mit einem „Nein. Überhaupt nicht.“ Außerdem erklärte sie, sie sei für Amtszeitbegrenzungen in der Politik. Das Interview fand übrigens ohne Klavierbegleitung von Igor Levit statt. 

Jonas Kaufmann erzählte im Guardian davon, dass er im Studium massiv sexuell bedrängt wurde: Er solle mit in eine Sauna kommen, um einen Liederabend in einem großen Konzertsaal zu bekommen. Ein lesenswertes Interview, in dem es unter anderem auch um Cancel-Culture geht. +++ Letzte Woche sorgte das kleine Video von Marek Janowski für Aufmerksamkeit, in dem der Dirigent einem französischen Orchester auf, sagen wir mal: sehr deutsche Art die Bruckner-Töne beibrachte. Eine aufmerksame Leserin hat noch mal genau hingehört und mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Oboist sich diesen Umgang nicht gefallen lässt und ein vergiftetes „fait chier“, vulgär übersetzt: „geh pissen“, in die Probe haucht. Andere Kommentatoren machten mich darauf aufmerksam, dass Janowski auch deshalb bei einigen Orchestern den Spitznamen „der nette Hans“ trägt. +++ Der Bariton Benjamin Appl, das Literaturarchiv in Marbach, der Heidelberger Frühling und die Konferenz der Landesmusikräte wollen das deutsche Kunstlied ins immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufnehmen. +++ Ich habe letzte Woche an dieser Stelle auch über die Impf-Kampagne der Semperoper in Dresden berichtet, der sich inzwischen auch die Staatskapelle angeschlossen hat. 300 Menschen ließen sich am ersten Tag in dem Haus impfen – begleitet von Musikensembles des Hauses. Bravo! +++ Apropos, Reinhard J. Brembeck vermutet in der Süddeutschen Zeitung, dass die Impfquote in Orchestern höher ist als in ihren jeweiligen Bundesländern: „In Sachsen liegt die Impfquote laut RKI bei knapp 59 Prozent, bei der Dresdner Philharmonie sind 73 Prozent der Musiker geimpft. Bei den Berliner Philharmonikern sind 95 Prozent der Orchestermitglieder geimpft, während die allgemeine Impfquote in Berlin bei 70 Prozent liegt.“ (siehe Playlist) 

Schon ein bisschen komisch, dass alle Medien schrieben, Helga Rabl-Stadler hätte die kommende Saison der Salzburger Festspiele angekündigt, die doch eigentlich in der Hand von Markus Hinterhäuser liegen. Als Opern-Neuinszenierungen auf dem Programm: Puccinis „Il trittico“ mit Welser-Möst, „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók, „Katja Kabanova“ von Leoš Janáček und „Das Spiel vom Ende der Zeiten“ von Carl Orff mit Teodor Currentzis. Tja – vorhersehbar. Hoffentlich rückt Hinterhäusers Programmatik in Zukunft mal wieder mehr in den Vordergrund und wird dann irgendwann wieder wichtiger als das „hammerharte“ Schickimicki-Karussell der letzten Monate! 

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn! Im Zweifel immer dort, wo man es selber macht: Ich durfte – dem verdammten Österreich-Lockdown sei Dank – zwei kurzweilige Wohnzimmerkonzerte der Wiener Symphoniker präsentieren. Unter anderen dirigierte Dirk Kaftan die Zweite Sinfonie von Kurt Weill. 

Aber noch viel positiver ist, dass das alte Karl-Kraus-Kritiker-Wort noch immer Bestand hat. „Was trifft, trifft zu“, hatte der Journalist einmal geschrieben. Wir Kritiker erleben das immer wieder. Erst letzte Woche haben SängerInnen-Freunde des Wiener „Don Giovanni“ mir Paroli für meine Kritik geboten (eine grundsätzliche Antwort über die Wichtigkeit und die gleichzeitige Bedeutungslosigkeit von Kritiker-Worten habe ich aus Zeitmangel noch nicht verfassen können), und Beteiligte des Advents-Konzertes beim ZDF haben mir lustig-vergiftete Blumengrüße auf meiner Facebook-Seite hinterlassen, um sie dann aber (warum eigentlich?) sofort wieder zu löschen. Hey, liebe Leute: Meinungsunterschiede gehören doch dazu. Nehmen wir all das nicht persönlich! Und solltet Ihr in Mainz noch was Passendes für Eure Klassik-Weihnachtssendung suchen – im Netz kursiert derzeit eine Schlager-Version der Königin der Nacht … ein bisschen in orangenes Licht getaucht, begleitet von Eurem Jonas … das könnte doch ganz gut passen :-)

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In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

Und hier, wie nun jede Woche, die Playlist zum Newsletter (einfach beim Lesen anhören – und gern auch abonnieren) 

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Fotos: Salzburger Festspiele, Theater an der Wien

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