Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit einer nicht ganz ungefährlichen Reise nach Russland, mit einer Sopran-Battle und allerhand Neuigkeiten zur Corona-Lage. 

CLASH OF SOPRANOS

Angela Gheorghiu gibt am 21. Februar 2021 ein Konzert für die Orchestermusiker der Metropolitan Opera.

Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Nachdem Anna Netrebko gestern im Namen von MET-Intendant Peter Gelb aus der Wiener Hofreitschule ein Pay-Per-View-Konzert für die MET in New York gegeben hat, haben die Musiker des Opernorchersters kurzerhand ein Gegenkonzert mit Angela Gheorghiu am 21. Februar ins Leben gerufen. Damit protestieren sie gegen den Intendanten und machen klar: Wir haben eine eigene Stimme und sammeln für uns selber, nicht für die Institution der MET.

Zuvor lehnte das Orchester bereits eine Annäherung Gelbs ab, der als Gegenleistung für ein Überbrückungsgeld mehr Entgegenkommen von der Gewerkschaft verlangte: „Für mich ist der Satz der ‚MET-Familie‘ nicht nur ein leeres Wort“, erklärte Gheorghiu. „Eine große Opernaufführung besteht nicht nur aus großen Sängern, sondern auch aus einem großartigen Orchester, einem tollen Chor und vielen anderen wichtigen Menschen, die jeden Tag für diese Produktionen arbeiten.

RUSSLANDS BLUTIGER SOUNDTRACK 

Wladimir Putin und Valery Gergiev

Es ist der Alptraum jeder Mutter: die Kinder, auf der Straße verhaftet und inhaftiert. Sie beteuern ihre Unschuld und sitzen dennoch im Knast. So ergeht es derzeit dem Pianisten Boris Beresowski und seiner Frau, der Geigerin Ellina Pak: Ihre Tochter wurde im Rahmen der Nawalny-Proteste von der Straße gefischt. Der Vorwurf: Teilnahme an einer unerlaubten Demonstration gegen Vladimir Putin. Die Tochter beteuert, dass Sie nur zufällig draußen war. Ellina Pak postet einen Hilferuf bei Facebook: „Ich fühle mich wie zu Stalins Zeiten. Die Rechtlosigkeit ist vollkommen! Sie nehmen die unschuldigsten Menschen und bezichtigen sie der Schuld!“    

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Gleichzeitig teilte die Moskauer Stadtverwaltung mit, sie werde den Vertrag mit Regisseur Kirill Serebrennikow als künstlerischer Leiter des „Gogol Centers“ nicht verlängern. Wir erinnern uns: Serebrennikow (im Westen ein gefeierter Regisseur) wurde vor fast einem Jahr zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, angeblich wegen Steuerbetrugs, immer wieder beteuerte er seine Unschuld. Seither ist es still um ihn geworden. „Kirill hat diese Gerichte so satt“, sagte sein Anwalt Dmitri Charitonow, „nachdem er zu Unrecht verurteilt worden ist, verfiel er in Depressionen.“ Eine perfide Art, den politischen Gegner zu zermürben.

Und sonst so? Ach ja: Valery Gergiev dirigiert munter weiter – unter anderem als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Genau, der Gergiev, der Homosexuelle gefährlich, die Annexion der Krim vollkommen okay, den Russland-Kurs in Syrien in Ordnung und Vladimir Putin einen super Typen findet. Und der Intendant der Münchner Philharmoniker, Paul Müller, fährt seit Jahren die gleiche Abtauch-Tour: Klar, er tausche sich regelmäßig mit Gergiev über viele Themen aus, es gehöre aber nicht zu seinen  Aufgaben, „Positionen unseres Chefdirigenten zu politischen Themen zu kommunizieren“. Ja, genau, man meint, nicht richtig zu hören: Die europäischen Regierungen planen Embargos, schauen mit Argusaugen auf die aktuellen Entwicklungen in Russland nach dem Urteil gegen Alexei Navalny – und ausgerechnet die Kultur, die sich so gern das Humanistische und Hehre auf die Fahnen schreibt, die in diesen Tagen immer wieder ihre Relevanz beteuert, schließt Augen und Ohren. Es gibt Momente, da reicht es einfach nicht, Beethoven zu spielen.

CORONA-TICKER

Die Jahrespressekonferenz der Deutschen Orchestervereinigung war ernüchternd: 85 Prozent der fest angestellten Musikerinnen und Musiker befinden sich aktuell in coronabedingter Kurzarbeit. Lediglich die 11 Rundfunk-Ensembles arbeiten weiter und realisieren ihre Projekte nun ausschließlich für Radioübertragungen. +++ Anne-Sophie Mutter regt sich in der Stuttgarter Zeitung noch einmal über die aktuelle Corona-Politik auf und kämpft für Künstlerinnen und Künstler: „Es wird ein großes Sterben von privaten Veranstaltern geben, Subventionen werden schmerzhaft gekürzt werden“, sagte sie. „Wenn ein Künstler Taxi fahren muss, um zu überleben, dann kann er nicht mehr trainieren und hängt seinen Beruf an den Nagel.“ Der Politik warf Mutter vor: „Man hat nicht differenziert genug darüber nachgedacht, ob man etwas nicht auf Sparflamme hätte weiterlaufen lassen können.

Angesichts geschlossener Konzertsäle und geöffneter Kirchen kritisierte die Violinistin: „Warum das Grundrecht der freien Religionsausübung über das Grundrecht der freien Berufsausübung bei Musikern gestellt wurde, leuchtet mir immer noch nicht ein.“ +++ In ein ähnliches Horn stößt die Oboistin Birgit Schmieder, die in einem hörenswerten Feature des Deutschlandfunks sagte: „Wenn wir noch lange im Lockdown bleiben müssen, dann wird es bald ein ernsthaftes Nachwuchsproblem im klassischen Musikbetrieb geben: Wie wird es weitergehen in der freien Szene? Selbst wenn es mal wieder zu Konzerten kommen wird. Gibt es dann noch Musiker, die auch spielen wollen? Ich merke diese Motivationsdefizite bei Studierenden, die eben auch nicht mehr ganz so sehen: Warum mach‘ ich das? Gibt es für mich eine Perspektive? Ich merke es aber selbst bei Musikschülern, die sehr leiden, dass es keine Orchester mehr gibt, dass sie sich nicht treffen können und dass Vorspiele nur online stattfinden.“ +++ Der BR hat die neue Welle der Wut zusammengefasst und berichtet auch über die geplanten Maßnahmen für den Kulturbetrieb.

UNSERE RINGKÄMPFER

Kai-Uwe Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Neues gibt es von Wiesbadens Intendant Kai-Uwe Laufenberg (jahaaaa!!!) – der will SEINEN „Ring“ auf Biegen und Brechen durchdrücken. Und zwar so schnell wie möglich. Die „Corona-Handreichung“ des Ministeriums, die Mindestabstände und andere Regeln vorgibt, sei für ihn „absurd“, erklärte Laufenberg im Hessischen Rundfunk. Nun wendet sich auch das Orchester gegen die  Bedingungslosigkeit des Intendanten. Während Angela Merkel um Homeoffice bittet, sei es „absurd“, 80 Leute in einem kleinen Graben spielen zu lassen. Auch GMD Patrick Lange geht öffentlich auf auf Distanz zu Laufenberg: „Unser Graben ist sehr klein“, wird er im  „Wiesbadener Kurier“ (Print-Ausgabe) zitiert, man wolle spielen, derzeit aber gern auch etwas kleinere Stücke mit „kreativen Alternativen“. Auf Anfrage erklärte er mir, dass er persönlich und das Orchester sich sehr wohl über den „Ring“ freuen würden, die Zeit für dieses Werk aber eher „suboptimal“ sein könnte. 

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach.

In Bayreuth hat man das längst begriffen und den „Ring“ verschoben. Aber die Franken-Metropole liegt ja auch nicht am Rhein(gold) wie Wiesbaden. Apropos: Neulich lief mir der gut gelaunte Bayreuther Festspiel-Geschäftsführer Holger von Berg vor dem Festspielhaus in die Arme, nach einem beidseitig etwas überraschten „Hallo“ mit Anlaufschwierigkeiten waren wir dann doch schnell auf Betriebstemperatur. Von Berg bekrittelte dieses und jenes an meinem Newsletter und bat mich, doch direkt bei ihm anzuklingeln, und ich fragte ihn, ob er denn nun nach Wiesbaden wechseln würde. „Kein Kommentar“, sagte von Berg, schmunzelte und erklärte, dass ich doch wisse: Über Verträge rede man nur,  wenn sie geschlossen seien.

PERSONALIEN DER WOCHE

Nikolaus Bachler, damals noch Schauspieler, als Samiel während der Proben für den „Freischütz“ von 1990. Es war sein Münchner Staatsopern-Debüt. (Foto: © Anne Kirchbach)

Hermann Nitsch hat erstmals erklärt, wie er seine Aktion zur „Walküre“ in Bayreuth versteht: „Ich habe viel mit Rot gemalt. Aber gerade bei der ‚Walküre‘ möchte ich das ganze Farbspektrum einsetzen, alle Regenbogenfarben“, sagte er im Interview des Nordbayerischen Kuriers. „Es ist nicht so, dass ich eine Inszenierung aufbaue, die der ‚Walküre‘ entspricht, sondern eine Malaktion durchführe, die wohl indirekt mit der farbenprächtigen, breit ausladenden Musik von Richard Wagner zu tun hat.“ +++ Nikolaus Bachler hat das geänderte Programm der Salzburger Osterfestspiele bekanntgegeben, die Dauer wurde von zehn auf vier Tage am Osterwochenende reduziert. Zum vorletzten Mal stehen Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden im künstlerischen Mittelpunkt. Bachler erklärte „Wir standen vor einigen Schwierigkeiten wie Probenmöglichkeiten oder Einreisebestimmungen. Es freut mich ganz besonders, dass wir nun doch einen Weg gefunden haben, ein teilweise neues Festivalprogramm zu erarbeiten, von dem wir zuversichtlich sind, dass es zur Aufführung kommen kann.“ (In diesem Zusammenhang lesenswert: das Interview mit Bachler über den Skandal-Freischütz von 1990 kurz vor einer neuen Inszenierung der Oper in München) +++ Letzte Woche hatten wir über das Hickhack der Opernrenovierung in Köln gesprochen. Nun schiebt die SPD der Stadt dem Projekt einen Riegel vor. Sie will die erneute Kostensteigerung bei der Sanierung der Oper nicht mehr mittragen. Fraktionschef Christian Joisten zweifelt die aktuellen Sanierungsplanungen, die Bernd Streitberger, der technische Betriebsleiter der Bühnen, in der vergangenen Woche vorgestellt hatte, grundlegend an. „Wir brauchen eine seriöse Aufstellung, ob eine Vollendung der Sanierung möglich ist, was sie kostet und was alternative Szenarien bedeuten“, sagte Joisten dem Kölner Stadt-Anzeiger. +++ Die legendäre Universal Edition bringt mit „scodo“ ein Publishing-Tool für Komponist*innen auf den Markt, mit dem Noten publiziert und weltweit zum Download angeboten werden.

IN EIGENEN GEDANKEN

Gleich zwei Mal wurde ich diese Woche gebeten, mir Gedanken über die Zukunft des Musikjournalismus zu machen. Sehr am Herzen liegt mir dabei das Gespräch mit Christoph Vratz im Deutschlandfunk, in dem ich versuche, eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. Meine These: Musikjournalismus hat erst einmal auch die Kriterien des Journalismus zu befolgen – und tut das leider viel zu selten (sehr hörenswert auch das Gespräch über das gleiche Thema mit dem Musik-Journalisten Alex Ross). Außerdem habe ich das Thema mit Christine Lemke-Matwey, Hans-Jürgen Mende und Holger Noltze eine Stunde lang bei SWR2 debattiert. Aber hören Sie selber. 

Ach ja, und dann war da noch das: Auf meinem Facebook-Profil hatte ich vor einigen Wochen gefragt: „Kann mir jemand erklären, warum der ORF-Zahler mit seinem Beitrag andauernd Produktionen mitfinanziert, für die er dann beim UNITEL-Streamer ‚Fidelio‘ noch Mal extra zahlen soll?“ Es gab allerhand Reaktionen und viele Nachfragen. Diese Woche habe ich den ORF angeschrieben, wollte mehr über die Beteiligung wissen und wurde erst einmal drei Tage lang im Kreis herumgeführt. Der ORF: „Für welches Medium fragen Sie an?“ Ich: „Macht das einen Unterschied bei Ihrer Antwort?“ Der ORF: „Für welches Medium wollen Sie das wissen?“ … und so weiter … Inzwischen kamen Antworten. Mehr darüber ein anderes Mal – work in progress.

Und wo bleibt das Gute? Hier! Das Rundfunk Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat einen wundervollen Karneval der Tiere mit Marie Jacqout herausgebracht, die gerade auch bei unseren Wohnzimmerkonzerten mit den Wiener Symphonikern zu Gast war. Unbedingt sehenswert! 

Bis dahin: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

Axel Brüggemann

[email protected]

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